Nach der Veröffentlichung seines Grammy-prämierten 2024er Albums „No Name“ wurde Jack White in die Rock’n’Roll-Hall Of Fame aufgenommen. Irgendwie kann man sich vorstellen, dass ihm das noch mehr imponierte und beflügelte als seine mittlerweile 46. Grammy-Nominierung. Das zumindest könnte erklären, dass nun bereits das siebte Solo-Album „Frozen Charlotte“ in den Startlöchern steht, das White gleich im Anschluss an die Tour zum letzten Album mit seiner aus Patrick Wheeler, Dominic Davis und Keyboarder Bobby Emmett bestehenden Band einspielte. Wie stets so überrascht es auch dieses Mal, mit welcher Verachtung für Konventionen und Erwartungshaltungen er dabei seinen Blues-Rock-Shtick in immer wieder neue und zunehmend abenteuerlichere Regionen ausdehnt. Auf dem neuen Album etwa experimentieren White & Co. mit abgefahrenen, psychedelischen Soundscapes, Hip-Hop-Elementen, abenteuerlich getweakten Gitarrensounds, Grunge- und Glamrock-Elementen, Prog-Spielereien und Motor-City-Schlenkern, dass es eine reine Freude ist – natürlich stets durch den Blues geerdet und mit satten Schweinerock-Elementen getränkt.
Das wirkt allerdings auch alles ein bisschen konfus und zuweilen ist den Jungs wohl auch selbst auch klar, dass sie ein bisschen übertreiben. Offensichtlich aber haben sie Spaß an ihrem eklektischen musikalischen Setzkasten – was sich durch eine enorme Spielfreude und Energie äußert, die sich mühelos auch auf den Hörer überträgt. Insbesondere die aus dem Raconteurs-Drummer Patrick Wheeler und Bassist Dominic Davis bestehende Rhythmusgruppe leistet hier Grundlagenarbeit im Blindflug. Man kennt und schätzt sich schließlich – und das hört man den wilden rhythmischen Spielereien und dem ständigen Hakenschlagen denn auch an. Keyboarder Bobby Emmett ist hier allerdings weniger gut ausgelastet als beispielsweise bei den Live-Shows – prägt aber z.B. den letzten Track „Neighbor’s Blues“ mit einigen schönen Prog-Sprengseln.
Bei all dem erstaunt immer wieder, wie wenig Wert Jack White auf Songstrukturen legt und stets die klangliche Idee über den formalen Gehalt stellt. Dabei geht es auch anders – wie der von herzhaften Herrengesängen geprägte Hardrock-Pop-Blues-Song „I Can’t Believe What I’m Hearing“ zeigt. Auf der anderen Seite stehen dabei – typisch White – sperrig vertrackte und hakelige Single-Tracks wie „Dollar Bill“, „G.O.D. And The Broken Bones“ und besonders „Derecho Domenico“, die zwar mit jeder Menge Attitüde daherkommen , aber ohne musikalischen Anker auskommen müssen – dafür aber mit ulkigen Gitarren-Sound-Effekten angereichert sind, die sich anhören, als versuche der Meister seine Saiten während des Spielens (mit oder ohne Bottleneck) zu ölen.
Es gibt für die Single-Titel – anders als noch beim letzten Album – keine Promo-Videos. Stattdessen gibt es eine zweiteilige Dokumentation namens „Third Man Release Lab“, die die Hintergründe, die Geschichte und die Philosophie von Whites „Third Man Records“ beleuchtet. En Route kann der Betrachter einige Details zum Album „Frozen Charlotte“ aufgabeln. Ebenfalls sehr informativ ist das Gespräch, das Jack White im April mit dem inzwischen geschassten Talk-Show-Host Steve Colbert führte – denn hier plaudert White aus dem persönlichen Nähkästchen und erzählt aus seinem Leben.
Fazit: Kurzweilig anzuhören ist „Frozen Charlotte“ natürlich dennoch irgendwie – denn White-Fans wissen ja, was sie zu erwarten haben und bekommen das auch geboten. Es ist aber dennoch schwierig, das alles unter einen Hut zu bekommen. Sagen wir mal so: Auch dieses Jack White-Album hat sowohl seine Aha-Momente wie auch seine Oha-Momente. „Easy Listening“ ist das jedenfalls nicht – was aber vermutlich ja auch nicht das Ziel war.
„Frozen Charlotte“ von Jack White erscheint auf Third Man Records.




