Share This Article
Schon seit einigen Jahren gilt Rotterdam als die heimliche Hauptstadt der niederländischen Indie-Szene. Acts wie Lewsberg, Rats On Rafts, Texoprint oder Elephant haben schon lange für ein Aufhorchen bei Freunden unangepasster Indie-, Postpunk- oder Psychedelia-Acts gesorgt. Auch das Quintett Tramhaus zählt zu jener Sorte von Acts – und legt nun das zweite Album „Blister“ vor, dem nun wirklich deutlich anzuhören ist, dass die Band insbesondere als Live-Act im Laufe der Zeit zu einem tighten Ensemble herangereift ist, dessen unbändige Energie nun auch im Studio eingefangen werden konnte – während das erste Album „The First Exit“ noch etwas spröde und krachig geraten war. Am Produzenten/Toningenieur Floyd Atema kann das nicht gelegen haben, denn der saß bei beiden Scheiben hinter dem Regler. Was ist es also, das sich zwischen den beiden Alben für die Band getan hat? Frontmann Lukas Jansen und Gitarristin Nadya van Osnabrugge stehen uns Rede und Antwort.
Zunächst mal: Für eine Band, die im harten Postpunk-Geschäft unterwegs ist, strahlen Tramhaus erstaunlich wenig Aggressivität aus. Sicher: Auf der Bühne geht es laut zu, und insbesondere Sänger Lukas präsentiert das Material mit einem ungeheuren Bewegungsdrang und manischer Energie – aber eben nicht auf eine aggressive, zornige Weise, sondern mit einem gewissen Entertainment-Faktor. Es kann dann sogar sein, dass er sich direkt ans Publikum wendet und für positive Notions wie Liebe, Freundschaft, Gemeinschaft und Toleranz wirbt.
„Nun ja – wir mögen uns ja alle auch und wir mögen es vor allen Dingen, zusammen zu spielen“, führt Nadya aus, „manchmal vergessen wir auch einfach, dass wir performen und witzeln dann rum.“ „Aber darum geht es uns ja nicht“, wirft Lukas ein, „ich denke, was uns wirklich ausmacht, ist dieses Gemeinschaftsgefühl. Manchmal sind die Texte selbst ja auch ernst – sie handeln von Kampf, Zorn oder anderen düsteren Themen – aber die Vibes, die wir vermitteln wollen, sind halt nun mal positive Sachen wie Liebe und Verständnis. Das klingt jetzt sehr nach Hippie – aber das ist etwas, was wir nie geplant haben, sondern was sich einfach so entwickelt hat.“ Nadya bestätigt das: „Genau – wir haben das nie diskutiert, sondern das hat sich auf der Bühne dann ergeben.“
Es ist ja auch schön, wenn in unseren wirren, dystopisch anmutenden Zeiten auch mal jemand positive Vibes verbreitet – insbesondere in einem solchen Setting, das für Tramhaus steht. „Naja, man möchte die Sache ja auch genießen“, ergänzt Nadya, „und das geht am besten mit positiven Gedanken. Das ist dann auch der Grund dafür, dass uns das immer noch Spaß macht. Wenn du nach einer langen Busfahrt vor zehn Leuten auftreten sollst, dann fragst du dich schon, warum du das machst. Wenn wir dann aber auf der Bühne stehen, dann realisieren wir schnell, wie viel Spaß das macht.“
„Wir haben uns auch schon mal gefragt, was wir wohl machen würden, wenn irgendetwas passiert, das uns zum Aufhören zwingt“, meint Nadya, „und daraufhin hatten wir dann einen Meltdown – weil wir keine Antwort auf die Frage haben, weil das genau ist, was wir ja auch machen wollen. Es gibt keinen Plan B. Wenn wir mal eine Tourpause haben, dann geht es mit unserer mentalen Gesundheit bergab.“ „Wir haben aber alle kleine Nebenjobs“, verrät Lukas, „und wir sind alle auch ganz gut in anderen Sachen als Musik – aber wir wollen nicht darüber nachdenken, etwas anderes zu machen.“
Was bedeutet die Musik also für Tramhaus? „Musik ist wie ein Freund oder ein Familienmitglied“, überlegt Nadya, „weil die Musik einfach immer da ist – egal ob du dich gut oder super traurig fühlst, ob du einsam, oder müde oder einfach gelangweilt bist. Musik steht dir einfach immer zur Verfügung.“
Wie entstehen denn die Songs? Ist das eine kollaborative Leistung? Denn irgendwie kann man sich nicht vorstellen, dass sich Songs dieser Art mit der akustischen Gitarre im stillen Kämmerlein entstehen können. Lassen sich die Musiker vielleicht auch von der Musik selbst leiten? „Ja, denn wir schreiben unsere Songs ja auch alle gemeinsam zusammen“, führt Lukas aus. Nadya ergänzt: „Ich kann mich zum Teil gar nicht daran erinnern, wie wir manche Songs geschrieben haben. Insbesondere bei komplexen Sachen frage ich mich manchmal, wie wir auf die Idee des Songs gekommen sind, wenn ich ihn live performe.“
Naja – vielleicht hat die Musik ja auch die Kontrolle übernommen. „Ja – und wir waren dann nur ein Medium – ha ha ha“, meint Nadya, „naja, es ist halt ein Prozess. Manchmal fügen wir Sachen hinzu, manchmal nehmen wir was weg. Das ist wie in der Bildhauerei, wenn sich eine Skulptur erst mit der Zeit offenbart. Wir entscheiden dann nur bewusst, was wir nehmen wollen. Die Sache ist nur die: Weniger ist manchmal mehr, aber mehr ist auch mehr. “
„Ja – das macht aber nicht wirklich Spaß“, wirft Lukas ein, „das kann ein ganz schön stressiger Prozess sein. Besonders wenn man nicht weiß, ob es funktioniert. Man muss sich auch verletzlich zeigen und darf nicht alles persönlich nehmen, wenn jemand anderer Meinung ist. Man muss sein Ego beiseite lassen. Wir versuchen, das auch hinzubekommen – aber es ist sehr schwer. Wenn man zwei Tage über irgendwelche Ideen diskutiert, dann macht das irgendwann auch keinen Spaß mehr.“
Was hat sich eigentlich von der ersten zur zweiten Scheibe geändert? Die zweite Scheibe ist ja nicht nur konkreter strukturiert, sondern hat auch einen versöhnlicheren Charakter als die erste. Da gibt es ja Songs wie „Solace“ – also „Trost“. Dieser Gedankengang löst allerdings einen bandinternen Dialog aus, den wir der Einfachheit halber hier mal wiedergeben:
Lukas: „Wie meinst du das? Das ist alles nicht versöhnlich. ‚Solace’ handelt zum Beispiel von Suchtproblemen. Wir haben uns bei der zweiten Scheibe lediglich offen für Experimente gezeigt. Wir haben wirklich versucht, Dinge auszuprobieren.“
Nadya: „Haben wir das wirklich versucht? Ich dachte eher, die Scheibe sei mehr ausformuliert als die erste.“
Lukas: „Ja, wir haben ja immer versucht, seltsame Sachen zu machen – wie bei ‚The Answer‘ oder ‚Rat Race‘.“
Nadya: „Ach ja – aber bei der Produktion haben wir doch nicht experimentiert. Das ist doch alles gelaufen wie beim letzten Mal.“
Lukas: „Ja, aber songwriterisch haben wir versucht, etwas weiter zu gehen.“
Nadya: „Stimmt – aber das hängt damit zusammen, dass wir einfach selbstbewusster waren. Das hat uns Raum gegeben, einfach verschiedene Ansätze auszuprobieren. Wir haben zum Beispiel versucht, verschiedene Stile von Bands, die wir gerade mögen, nachzuahmen.“
Gaesteliste.de: Das funktioniert doch sowieso nie.
Nadya: „Stimmt – aber wir haben es wenigstens versucht. Das klingt dann entweder scheiße – oder du bekommst etwas, das sich nun wirklich nicht nach dem anhört, was du nachzuahmen versuchst.“
Lukas: „Naja, es geht ja auch nicht darum, etwas zu kopieren. Du hörst da vielleicht etwas, das du klug findest, und versuchst das dann auch anzuwenden. Für mich ist das immer die beste Inspiration – etwas Cooles auszuprobieren. Das kann dann irgendein Genre sein. Wir hören nicht die Art von Musik, die wir selbst machen, im Bus – weil wir ja ständig davon umgeben sind. Ich würde sagen, unsere Inspirationen kommen aus verschiedenen Genres.“
Nadya: „Ja – vielleicht sogar von ganz extremen Sachen.“
Lukas: „Eben – das kann ganz lautes Zeug sein – aber auch Ambient, Klassik oder Folk. So entstehen dann Sachen mit Übergängen von einem ins andere Genre.“
Das zeigt uns zweierlei: Manchmal muss man die Musiker einfach nur reden lassen, um zu interessanten Informationen zu gelangen – und zweitens scheinen Tramhaus tatsächlich eine Band wie eine Familie zu sein, die mit sich im Reinen ist. Das manifestiert sich dann eben nicht nur auf der Bühne, sondern nun auch auf dem neuen Album „Blister“, denn hier zeigen Tramhaus auch musikalisch, dass sie als Band wie eine Familie zusammengewachsen sind und alle gemeinsam am selben Strang ziehen.
„Blister“ von Tramhaus erscheint auf Siluh/Cargo.




