Katharina Kollmann alias Nichtseattle nimmt auf „Große Liebe“, passend zum Titel ihres beeindruckenden vierten Albums, das größte aller Gefühle unter die Lupe – und natürlich tut sie dies mit einer wunderbaren klanglichen Wärme und einer beachtlichen emotionalen Reife gewohnt ungeschönt, tiefgründig und musikalisch brillant.
Mit den Songs ihres fabelhaften letzten Werkes „Haus“ hatte die Berliner Singer-Songwriterin vor zwei Jahren architektonische und soziale Schutzräume als Ausgangspunkt genutzt. Das Doppelalbum war ein bisweilen sperriges, bewusst rohes Meisterwerk über das Wohnen, Verharren und die soziale Isolation. Dabei bewies sie eindrucksvoll, dass sie mit der deutschen Sprache so idiosynkratisch und poetisch balancieren kann wie sonst wohl nur der unübertroffene Niels Frevert.
Mit ihrem nun erscheinenden vierten Studioalbum öffnet sich Kollmann musikalisch wie inhaltlich neuen Perspektiven. Klanglich markiert „Große Liebe“ den endgültigen Schritt vom bisweilen spröden Indie-Folk-Soloprojekt hin zu einer organischen, festen Bandstruktur. Wurde der dichte Lo-Fi-Sound auf „Haus“ noch primär von Kollmanns mäanderndem Gitarrenspiel und dezenten Farbtupfern getragen, klingt das neue Material deutlich vielschichtiger und ausgefeilter. Gemeinsam mit ihrer perfekt eingespielten Tour-Band – Sönke Torpus (E-Gitarre, Backing Vocals, Co-Produktion), Juliane Graf (Bass, Backing Vocals), Sebastian Albin (Schlagzeug) und Gregor Leser (Trompete, Flügelhorn, Synthesizer) –, mit der sie in den letzten Jahren Dutzende famoser Konzerte absolvierte, lenkt sie die Intensität des Vorgängers nun in neue Bahnen.
Dieses Mal sind die Highlights ein wenig kürzer als die sieben, acht Minuten, die sich Kollmann für die besten Stücke auf „Haus“ zumeist nahm. Statt einsamer Monologe dominieren nun ausgeklügelte, gemeinsame Songstrukturen und behutsame Steigerungen. Gerade Songs wie „Ich mit Brille“ oder „Wildeste Nacht“, die bereits letztes Jahr ihre Live-Premiere feierten, leben nun auch auf Platte von der Freude am gemeinsamen Musikmachen im Bandkontext und klingen um einiges lebhafter als die oft in sich gekehrten Lieder auf „Haus“.
Auch sonst gibt es immer wieder Überraschungen. Die Pressematerialien mögen den Sound von „Große Liebe“ richtigerweise zwischen dem DDR-Liedermacher Gerhard Schöne und dem US-Indierock der Pixies („a big, big love“) verorten – die alles überstrahlende Bassline von „River Cola“ hätte sich trotzdem Simon Gallup von The Cure nicht schöner ausmalen können.
Auch inhaltlich verschieben sich die Koordinaten: War „Haus“ ein von sozialistischen Utopien und Alltagsrealismus geprägtes Werk über gesellschaftliche Verhältnisse und transgenerationale Traumata, dominiert auf „Große Liebe“ ein schmerzhaft ehrlicher Beziehungsrealismus. Doch auch wenn Kollmann damit das wohl älteste Motiv der Popmusik überhaupt in den Mittelpunkt rückt, macht sie das auf ihre ganz ureigene Art und stellt so sicher, dass falsche Gefühligkeit und übertriebene Melodramatik in ihren Liedern keinen Platz haben.
Stattdessen spannen die zehn neuen Songs geografisch den Bogen von Texas bis Mecklenburg-Vorpommern – „von der Jugendweihe bis zur Brockhaus-Reihe“, wie es in „River Cola“ amüsanterweise heißt. Die Liebe, von der Kollmann singt, kommt dabei ohne romantische Klischees aus, denn lieber verwebt sie nach wie vor unnachahmlich das Private mit dem Politischen.
All das führt dazu, dass „Große Liebe“ nie wie der Versuch klingt, das Unmögliche möglich zu machen und „Haus“ zu übertreffen. Stattdessen malt Kollmann hier mit den gleichen Farben, die den Vorgänger so hell erstrahlen ließen, ein spürbar anderes Bild, mit dem sie den Sweetspot zwischen wohliger Vertrautheit und spannender Veränderung trifft. Eine Platte, wie sie schöner kaum sein könnte!
„Große Liebe“ von Nichtseattle erscheint auf Staatsakt/Bertus.




