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Viel zu tun
Der Donnerstag ging dann erst mal entspannt auf dem Spielbudenplatz bei der XL-Bühne los, wo das aus den inzwischen in Australien lebenden Brüdern Jan und Josef Prasil (deutsch/tschechische Eltern) Duo Amistat – zusammen mit einem Drummer und einem E-Mandolinen-Spieler mit gefälligem/entspanntem Folkpop – Werbung für ihren Abend-Gig im Docks machte. Die Berliner Songwriterin Elsdeer folgte mit einer romantischen, poppigeren Fantasy-Variante eben dieses Genres (die sie zudem mit einer kompletten Band präsentierte) und die amerikanische Songwriterin Kylie Spence spielte die einzige klassische/Country-Americana-Show des Festivals.
Die Zeiten, in denen das Reeperbahn Festival auch eine breite Basis für diese Art von Musik bot, scheinen endgültig vorbei. Dabei machte Kylie ihre Sache so ordentlich, dass man hätte annehmen können, dass sie aus dem Süden der USA angereist wäre. Songtitel wie „Tobacco Roots“ oder „Highway 83“ hätten das jedenfalls vermuten lassen. Doch weit gefehlt: Kylie stammt aus Chicago und lebt in Los Angeles, wo sie ihre Musik produziert – und räumte ein, diese Titel ausgewählt zu haben, um sie genretypisch einsetzen zu können. Wie dem auch sei: Kylie hat sich eine gefällig poppige Ausprägung ausgesucht, umschifft aber genretypische Klischees und Fallstricke mit selbstironischen, humorvollen Lyrics.
Traditionell ist das Programm am Donnerstag und Freitag extrem dicht gedrängt, sodass dann nicht jede Spielstätte stilistisch gleichwertig bespielt werden kann. Das führte dann zum Beispiel dazu, dass im Molotow zur Mittagszeit die zwar durchaus charmante, aber auch ziemlich durchgestylte niederländische Pop-Queen Isabel Van Gelder ihren Einstand geben durfte. Das war nicht unsympathisch und bot auch unterhaltsame, gut gemachte, balladeske, organische Popmusik mit humorvollen Lyrics wie z.B. „My Silly Boy“ – aber das Molotow-Ethos wurde dann doch schon etwas belastet. Kleine Randnote noch: Isabel Van Gelder wurde von einem Promotion-Team begleitet, das der Künstlerin auf Schritt und Tritt folgte und pausenlos Aufnahmen von ihren Mode-Accessoires machte.
Etwas seltsam war dann auch die Idee, das aufstrebende Berliner Indie-Pop-Duo Elfi als Akustik-Act auf dem Heiligengeistfeld abzuladen. Ansonsten elektrisch gespielter Indie-Pop eignet sich nun mal nicht, um im Lagerfeuersetting für Stimmung zu sorgen (zumal im Regen). Das kurze Set meisterten Elfi, ihr Partner Fabian und ihr Bassist, der bei diesem Set aber Gitarre und Keyboard spielte, mit Kämpfergeist und Durchhaltevermögen.
Goldrichtig war indes die Idee, das explosive walisische Energiebündel Hana Lili zusammen mit ihrer Band im Sommersalon zu buchen – denn dort konnte die quirlige Powerfrau mal so richtig zeigen, was eine performerische Harke ist. Musikalisch spielte sich das Ganze zwischen Power-Pop, Postpunk und einfach gut gemachten Rocksongs ab. Hana Lili war mit ihrer Band gerade erst in Hamburg angekommen und bezeichnete die Situation dann als irgendwie surreal. Das war sie ja auch – allerdings nicht auf der musikalischen Seite, denn die Band gab sozusagen alles, und Hana selbst animierte das Publikum mit ihren wilden Rockstarposen, Dance- und Hüpfmoves bis hin zum Moshpit-Exzess, der vom Awareness-Team dann irgendwie eingegrenzt werden musste.
Im Uwe-Club hatten derweil die Kanadier die Regie übernommen und ihr Showcase-Programm gestartet. Vielleicht aufgrund dessen, dass die Kanadier sich stilistisch nicht mehr auf die Americana-Szene festlegen, sind diese Veranstaltungen dann immer gut besucht. Die Warteschlange für den Uwe-Club (= das „Canada House“) wird jedenfalls niemals kürzer. Die fragile Songwriterin LeRen hatte jedenfalls Mühe, sich Gehör im bis auf den letzten Winkel gefüllten Club zu verschaffen. Vielleicht war es ja sogar gut, dass sie bei ihrem ersten Track vergessen hatte, das Capo auf die Gitarre zu setzen, und deswegen diesen Song in einer sonoreren Stimmlage gespielt hatte. Das machte freilich nichts, da LeRen nicht zu der Girliepop-Fraktion gehört und ihre nachdenklichen Songs auch gerne einen sonoren Unterton verkraften können.
Wieder im Sommersalon gab es dann eine böse Überraschung für die Fans, die gerne Jesper Munk, Tara Nome Doyle und Paula Paula sehen wollten. Denn diese Showcases wurden vom Streamingdienst Qobuz durchgeführt, und zunächst wurden nur Gäste mit einer gesonderten Einladung hereingelassen, sodass die ersten „normalen“ Fans erst reinkommen konnten, als Jesper Munk bereits spielte. Es sei aber angemerkt, dass sich dafür jedermann am Buffet bedienen konnte, das von den eingeladenen Gästen nicht bewältigt werden konnte.
Und dann war die Sache ja auch irgendwie wichtig, denn das französische Unternehmen Qobuz ist mit dem Anspruch angetreten, nicht einfach mit Spotify, Deezer und Co. in Konkurrenz zu treten, sondern hat gelobt, die Musiker fair zu bezahlen. Alle drei Künstler machten jedenfalls ihrerseits ordentlich Werbung für Qobuz. Paula Paula präsentierte beispielsweise neue Stücke, die das Publikum noch gar nicht kennen könne, weil sie nämlich nicht auf Spotify, sondern auf Qobuz zu finden seien. Es sei übrigens noch angemerkt, dass Qobuz die Hörer nicht mit MP3-Qualität abspeist, sondern verlustfrei mit echtem HiRes Audio streamt.
Eher düster und intensiver ging es dann etwas abseits der Reeperbahn im Uebel & Gefährlich mit RIP Swirl aus Berlin weiter – Mastermind Lukas Seifert (Gitarre, Elektronik) ist mit seiner gesanglichen Partnerin Maresz angereist, um die Leute mit auf einen Trip durch Shoegaze, Trip- und Dream-Pop zu nehmen. Meist untermalt von eher Industrial-angehauchten Drum-Sequenzen und diversen Synthie-Sounds, gibt es hier aber dennoch schöne Melodien auszumachen, die dann auch noch von Gitarren-Effekten perfekt eingerahmt werden.
Ebenfalls aus Berlin angereist ist das Trio Roomer, bestehend aus Ronja Schößler (Gesang, Gitarre), Ludwig Wandinger (Schlagzeug) und Luka Aron (Gitarre) – die Band hat die Gelegenheit, mal in einem etwas anderen Ambiente als üblich aufzutreten, nämlich in der Haspa-Filiale (Hamburger Sparkasse) auf der Reeperbahn. Sicherlich wäre ein düsterer Club eine bessere Umgebung für die Art von Musik geeignet, die Roomer spielen – Dream-Rock/Pop passt nun mal besser dorthin. Aber egal, wir freuen uns über gute Musik, und die hatte die Band im Programm (auch viele Songs des neuen Albums „Staircase Made Of Rope“, das einen Tag später erscheinen sollte) – die lauten Passagen rockten ordentlich, die leisen Passagen bestachen vor allem durch die schöne Gitarrenarbeit und natürlich Ronjas Gesang.
Im lächerlich kleinen Kneipen-Club Pooca-Bar wurde es dann laut. Die Kölner Musikerin Julia Woll a.k.a. Jewls lebt den FLINTA*-Gedanken etwas härter aus als einige ihrer KollegInnen. Sowohl musikalisch – denn ihre Indie-Pop-Empowerment-Songs kommen mit Schmackes und treibendem Band-Sound daher – wie auch inhaltlich, indem einige Männer-Typen gedisst wurden (etwa die, die dem Cat-Calling frönen) und andere (die zufällig anwesenden) zum Mitsingen verpflichtet wurden.
Den Abschluss des Festivals am Donnerstag bildete für uns der Auftritt von Madra Salach aus Irland im Uebel & Gefährlich – und was das für einer war. Sicherlich ein Highlight des ganzen Reeperbahn Festivals. Schon erstaunlich, mit welcher Gelassenheit die Techniker die Bühne für das Sextett vorbereiteten – rund zehn Minuten vor Beginn wurde erst noch eine große Kiste mit Kabeln hervorgeholt, um die ganzen Instrumente und Mikrofone anzuschließen. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Band es noch so gerade geschafft hat, nach Hamburg zu kommen – der Klassiker (= Autoprobleme) hat mal wieder zugeschlagen. Was Sänger Paul Banks auch zum Anlass nahm, eine äußerst abstruse Story zusammen mit Jack Martin (Mandoline, Flöte, Gitarre, Synths) vorzutragen – Jack wollte eigentlich nur eine fritz-kola kaufen, aber die Suche nach passendem Bargeld sollte sich zu einer kleinen Odyssee entwickeln. Stories zu erzählen liegt Madra Salach sowieso, wenn auch dann eher zu ernsteren Themen in den Songs. Musikalisch finden sich traditionelle irische Folk-Elemente wieder, dazu gesellen sich aber auch moderne Zutaten aus der Post-Rock- und Indie-Ecke und machen daraus eine äußerst spannende Sache – vor allem, wenn dann Paul Banks‘ Stimme eindringlich einsetzt. Songmäßig gab es an diesem Abend eine tolle Mischung aus Madra Salach-Originalen und Cover-Songs, darunter „Turkish Song Of The Damned“ von den Pogues (auch Teil eines Pogues-Tribut-Albums) und „In The Aeroplane Over The Sea“ von Neutral Milk Hotel. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass die eigenen Songs den Charakter der Band am besten wiedergeben – sehr spannend, sehr eindrucksvoll, sehr sympathisch. Paul Banks wurde nicht müde zu betonen, dass er sich über den ersten Hamburg-Trip der Band riesig freut und die Band das alles nicht für selbstverständlich nimmt, denn es ist noch nicht lange her, dass sie vor recht wenigen Leuten ihre Songs live gespielt haben.
Der 3. Teil folgt in Kürze.
















































