Share This Article
Viel zu tun
Der abschließende Samstag beginnt ja musikalisch erst Nachmittags (da der Business-Teil des Festivals zu diesem Zeitpunkt bereits beendet ist) und da sich die interessanten Acts an diesem Tag eh in den zentralen Spielstätten verdichten, war es angeraten, sich auf eine dieser Spielstätten zu konzentrieren, da ein elegantes Club-Hopping an diesem Tag eh kaum mehr möglich ist.
Das Programm begann dann im Molotow um 14 Uhr mit einem Auftritt der jungen Hamburger Lokalmatadoren Bleach TV – die in der Hansestadt wohl schon so bekannt sind, dass sich bereits lange vor dem Einlass eine lange Warteschlange vor dem Molotow gebildet hatte – überwiegend aus jungen Fans, was die Festivalleitung ja gefreut haben dürfte. Auch Bleach TV machen gefälligen Indie-Pop mit großer Geste, einer Prise Shoegaze und Keyboard-Sounds. Frontmann Heinrich Steffens zeigte sich freudig beeindruckt davon, dass so viele Zuschauer zur Show des Quartetts gekommen waren – was für die Band noch gar nicht so selbstverständlich sei. Bei dieser Show gefiel dann der Mix aus demonstrativ zur Show getragenen Coolness, die aber die freudige Überraschung der Jungs über den Zuspruch nicht ganz überdecken konnte.
Bereits in den Tagen zuvor hatte das kanadische Powerfrauentrio Les Shirley gezeigt, dass man das Rad nicht unbedingt neu erfinden muss, um grandios unterhaltsame Rockmusik machen zu können. Raphaëlle Chouinard, Lisandre Bourdages und Sarah Dion versprühten bei ihrem Auftritt jedenfalls dergestalt viel gute Laune und punkige Spielfreude, dass sich das mühelos auf das Publikum übertrug. Dieses hatte sich übrigens komplett ausgetauscht. Statt Teenie- und Tweeniefans fanden sich nun weitestgehend gesittete Frauen und Herren aus der LGBT-Szene ein, um ihre Heldinnen gebührend aufleben zu lassen. Hier gab es dann auch schon die erste Tanzparty des Tages. Die Mädels standen kurz vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Hail Mary“ und ließen es sich nicht nehmen, auch neue Kracher wie z.B. die Single „Not My Problem“ zum Besten zu geben (natürlich ohne akustische Einleitung wie beim Video). Wie mehrere Acts an diesem Tag mochten auch Les Shirley nicht auf Ausflüge ins Auditorium verzichten.
Die nächste Tanzparty gab es dann gleich im Anschluss beim Auftritt des energischen Londoner Rap-Rockers Master Peace (Peace Okezie), der mit seinem Mix aus harten Gitarrenriffs, donnernden Drum-Rolls, einer Prise Electronica und gesungenen, gesprochenen oder geschrienen Vocals an die seligen Zeiten der Beastie Boys erinnerte. Insbesondere aber zeigte Master Peace sein Talent, das Publikum aktiv in das Geschehen einzubeziehen. Entweder, indem er die Fans auf die „Tippy Toes“ bat, zum Mitgrölen oder Herumhüpfen einlud (darin ist er selbst ein wahrer Meister) oder mitten aus dem Publikum heraus für Sport, Spiel und Spannung sorgte. Da blieb – zum wiederholten Male – kein Auge trocken; „That’s Entertainment“ konnte man da nur sagen. Zum Schluss gab’s dann noch ein Geburtstagsständchen für die charmante Drummerin Hattie Steel.
Mit dem Entertainment war es danach erst mal vorbei – und zwar aus einem absurden Grund: Sowohl bei dem Auftritt der aus Newcastle stammenden Songwriterin Heidi Curtis wie auch bei jenem der aus der irischen Countryside in der Nähe von Limerick stammenden Band Theatre wurde quasi das Licht ausgeschaltet. Das heißt: Die Musiker wurden zwar von hinten angestrahlt, während die Beleuchtung von vorne quasi nicht existent war. Die Musiker waren so schlicht nicht mehr zu erkennen und bestenfalls als Schattenrisse auszumachen. Die Frage stellte sich dann schon, was das bitteschön sollte. Das hätte sich im Falle von Theatre ja noch argumentieren lassen – denn das Quintett begeisterte mit einem interessanten – und letztlich innovativen – Mix aus Shoegaze, Psychedelia, aber auch Rockmusik und den poetischen Lyrics von Frontfrau Maeve O’Shea und war dann auch inhaltlich eher der Schattenseite zugewandt. Aber Heidi Curtis und ihre Band lieferten im Wesentlichen eine mitreißende Rock-Show mit großartigen Songs und jeder Menge Retro-Spielfreude. Das hätte man als Zuschauer dann auch gerne gesehen. Nochmal an dieser Stelle: Musik wird nicht dadurch besser, dass man nicht sehen kann, wer da auf der Bühne steht.
Davon ungeachtet: Sowohl Heidi Curtis als auch Theatre gehörten zu jenen klassischen Entdeckungen, die den eigentlichen Reiz des Festivals ausmachen. Theatre überzeugten dabei mit der lässig coolen Art, mit der die Band das Genre Shoegaze zwar nicht neu erfand, aber durch rockige Elemente und viele nette psychedelische Sound-Ideen deutlich aufwertete. Und wenn an Heidi Curtis nicht eine klassische Drama-Queen im Stile der 70er Jahre verloren gegangen ist, dann stimmt was nicht mit der Musikhistorie. Beide Acts überzeugten aber weniger durch ihr Showmanship, sondern vor allem durch klasse Songs – wenn auch in ganz unterschiedlichen Disziplinen.
Die Londoner Songwriterin Maddy Heinlein a.k.a. Gretel wurde dann wieder ordentlich beleuchtet – obwohl sie mit ihrem Gitarristen Alex Crossan auf Stühlen auf der Bühne saß und optisch nun wirklich gar nichts passierte. Gretel lieferte erneut einen Gegenentwurf zum bisherigen Bühnengeschehen an diesem Tag. Ihre zerbrechlichen Songs um Schmetterlinge, die Lorelei heißen, oder Briefe an den Sensemann kommen nicht im gefälligen Liedermacher-Format daher, sondern in einem fast schon wagemutigen Avantgarde-Setting, in dem Greta immer wieder Mittel und Wege findet, durch gesangliche Exaltationen und abenteuerliche harmonische Entscheidungen den jeweils am wenigsten offensichtlichen musikalischen Weg zu suchen. Dabei schien sie mehr Spaß als mancher Zuschauer zu haben, denn sie grinste des Öfteren wie ein Honigkuchenpferd, auch wenn ihre Songs öfter von ernsthaften Themen handeln. Die Sache ist die, dass Gretel normalerweise mit einer Band spielt und ihr Material aufgrund einer komplexen Strukturierung nun mal nicht so gut für ein folkiges Setting geeignet scheint.
Für Freunde des Party-Wesens war das jedenfalls dann nix. Die konnten ihr Faible dann eher beim anschließenden Gig von Dream Wife ausleben. Alle LGBT-Fans, die schon bei Les Shirley aufgeschlagen waren, waren für dieses Konzert zurückgekehrt – und hatten alle verfügbaren Partnerinnen und Freundinnen mitgebracht. Und was soll man sagen: Rakel Mjöll, Alice Go und Bella Podpadec zeigten (zusammen mit Drummer Alex Paveley), dass sie auch in der Auszeit von fast einem Jahr (in dem sie neues Material schrieben) nicht verlernt haben, wie man einen Club wie das Molotow auf den Kopf stellen kann, ohne selber Hand anzulegen. Mit ihren bekannten – aber immer wieder faszinierenden Moves – hatten sie das Publikum von der ersten Sekunde an im Griff und brachten den Raum zum Beben. Insbesondere die Exaltationen von Bassistin Bella und die provokativen Empowerment-Gesten von Rakel Mjöll sorgten für Kurzweil und Laune. (Und das, obwohl Rakel sich zuvor eher miesepetrig in den Club geschlichen hatte.) Zum Finale stiegen Bella und Gitarristin Alice Go dann ins Auditorium und jammten dort weiter. Mag sein, dass solcherlei Gehabe in größeren Spielstätten schon mal verpufft (wie einen Tag zuvor im großen Docks) – aber im Molotow war das genau das Richtige, um das Live-Programm des Festivals zu einem tosenden Abschluss zu bringen.
Danach gab es dann zwar noch die eine oder andere Disco-Fortsetzung (so auch im Molotow) – mit dem Live-Programm war es das denn aber.
Als Fazit ließe sich dann vielleicht noch anmerken, dass das Musikprogramm wieder einmal den Ansprüchen, die man als Zuschauer an das Festival haben kann, absolut entsprochen hatte, obwohl (wie aber auch schon in den vergangenen Jahren) auf die ganz großen Namen verzichtet worden war. Aber das Reeperbahn Festival ist ja kein Jukebox-Festival, sondern eines, wo es um das Entdecken neuer Acts geht – und da gab es in diesem Jahr auch wieder vieles Schönes (und vor allen Dingen Überraschendes). Wollen wir also hoffen, dass im nächsten Jahr die Sache mit den überfüllten Spielstätten wieder etwas in den Griff zu bekommen ist – vor allen Dingen aber der von der Politik angedachte Kahlschlag in Sachen Kulturförderung irgendwie aufgehalten werden kann.








































