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Totale Hingabe
„Könnte man Konzerte mit auf die sprichwörtliche einsame Insel nehmen (wie das mit Tonträgern ginge), dann gehörte diese Show von Skating Polly auf jeden Fall dazu“, schrieb der geschätzte Kollege Ullrich Maurer vor einigen Jahren über ein denkwürdiges Köln-Gastspiel des Trios aus Oklahoma. Auch der Auftritt in Siegen hat mit seinem explosiven Mix aus Punkrock-Attitüde, Riot-Grrrl-Bewusstsein, Grunge-Energie und Indierock-Spirit echtes Desert-Island-Potenzial. Davon lässt sich nicht nur das Publikum mitreißen, sondern auch die Band selbst: Am Ende wollen Peyton Bighorse und die Geschwister Kelli und Kurtis Mayo gar nicht mehr aufhören zu spielen…
Der Vortex Surfer Club in Siegen ist genau der richtige Ort für Skating Polly. Der kleine Club, nur einen Steinwurf vom Bahnhof Weidenau entfernt, wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Hier lebt er noch, der DIY-Charme alter Punk-Kaschemmen, der in vielen größeren Städten längst von einem glattpolierten Eventlocation-Ambiente abgelöst wurde, und das passt ganz ausgezeichnet zu beiden Acts des Abends.
Den Anfang machen Lord Friday The 13th, die Skating Polly auf ihrer vierwöchigen Europatournee begleiten. Von der ersten Sekunde an ist unübersehbar, dass dem Quartett aus Los Angeles die Show mindestens genauso wichtig ist wie die Musik. Laut, schrill und jenseits jeglicher Konventionen bedient Frontmann Felix Lenz jedes Rock ’n‘ Roll-Klischee: Er flirtet lasziv mit dem Mikrofon, peitscht das Publikum mit theatralischer Energie an, wälzt sich auf dem Boden und bricht in jeder Pose mit starren Geschlechterrollen.
Mit seinem Outfit, von dem am Ende des Auftritts praktisch nichts mehr übrigbleibt, landet er irgendwo zwischen Tim Currys Dr. Frank-N-Furter, David Johansen zu New-York-Dolls-Zeiten und Mick Jagger während der 1981er-Tour der Rolling Stones. Der Vergleich, Lord Friday The 13th klängen, als wäre Liza Minnelli die Frontfrau der Sex Pistols, trifft den Nagel auf den Kopf. Amüsant am Rande: Mit seinen Plateau-Boots ist der ohnehin hünenhafte Frontmann so groß, dass er bei seinen Hechtsprüngen Gefahr läuft, mit dem Kopf an die Bühnendecke zu stoßen…
Seine drei Begleiter – Schwester Sloane an der Gitarre, Nick Arnold am Bass und Geburtstagskind Josh Bickley am Schlagzeug – sorgen derweil für ein rudimentäres klangliches Fundament. Das ist puristischer, ungeschönter Punk ohne Kompromisse, verfeinert mit einem Hauch von Glam Rock – schweißtreibend, mitreißend und schmutzig-schön. Ob das musikalisch immer wahnsinnig gut ist, sei dahingestellt, unglaublich unterhaltsam ist es allemal. Schade nur, dass Felix auf diffusem rotem Licht besteht („Nur dann sehe ich gut aus“, versichert er dem Publikum), weshalb der Auftritt ziemlich suboptimal ausgeleuchtet bleibt.
Laut, wild und dreckig klingen auch Skating Polly – mit dem Unterschied, dass sie zudem Songs mit echten Ohrwurm-Qualitäten besitzen. „Singalong“ heißt treffenderweise der Opener, der sofort die Richtung vorgibt.
Mit totaler Hingabe fegt Bassistin und Sängerin Kelli Mayo wie eine Naturgewalt über die Bühne, tritt energetisch Löcher in die Luft und brüllt dem Publikum die Textzeilen mit ihrer manisch klingenden Stimme entgegen. Ihr Bruder Kurtis am Schlagzeug entwickelt eine ungeheure Power und seine expressive Mimik verrät, dass er ebenso in der Musik aufgeht wie seine Schwester. Gitarristin Peyton Bighorse hingegen ist das Auge des Sturms. Ihr Gesang ist – etwa in den Strophen von „Louder In Outer Space“ – verträumter und spürbar melodischer und sorgt mit bittersüßem Tiefgang dafür, dass der Auftritt überraschend vielschichtig gerät.
Weil das letzte Skating-Polly-Album „Chaos County Line“ inzwischen drei Jahre alt ist, gibt es an diesem Freitagabend auch brandneue Nummern zu hören: Während Kellis „Grannies“ mit einer Laut-leise-Dynamik und einem Hauch von New Wave fasziniert, begeistert Peytons „Krobus“ mit einem Refrain, den sich Sleater-Kinney kaum schöner hätten ausmalen können.
Doch auch sonst glänzen Skating Polly nicht nur im Vollgas-Modus. Ruhigere, melancholische Momente wie die erste Hälfte von „Little Girl Blue“ oder „Free And At Ease“ beweisen das feine Songwriting-Gespür des Trios, bevor ganz am Ende die Instrumente fliegend gewechselt werden. Zuerst tauschen Peyton und Kelli Gitarre und Bass, und für das Finale mit „They’re Cheap (I’m Free)“ sitzt Peyton schließlich am Schlagzeug, während Kurtis die Gitarre übernimmt.
Die Leichtigkeit, mit der Skating Polly dabei agieren, kommt nicht von ungefähr: So klingt eine Band, die sich von Kindesbeinen an kennt, immer noch mit juvenilem Feuereifer zu Werke geht und dennoch die Abgezocktheit aus fast 20 Jahren gemeinsamer Bandgeschichte besitzt.
Nach 70 triumphalen Minuten, in denen das Trio live noch ungezähmter und besser klang als auf ihren alles andere als schlechten Alben, soll eigentlich Schluss sein. Kurtis beginnt bereits, sein Schlagzeug zu demontieren, doch Kelli hat spontan Lust auf eine ungeplante Zugabe. Mit „Stop Digging“ gibt es deshalb noch eine Dosis kribbelnde Riot-Grrrl-Energie obendrauf – rau, wuchtig und emotional. Man könnte auch einfach sagen: So und nicht anders muss Rock’n’Roll im Jahre 2026 klingen!




















