Am 01. April 2026 tauchen in London Plakate mit einem QR-Code auf. Ein April-Scherz? Irgendwie schon. Am 10. April 2026 werden Plattenläden (11 in Deutschland) gekannt gegeben, in denen man eine Single der Cockroaches erwerben kann. Für Euro 10,07. Am 10.07.26 erscheint das komplette Album, allerdings unter dem etwas bekannteren Bandnamen The Rolling Stones. The Cockroaches ist das Pseudonym, das sie bereits für unangekündigte Club-Gigs verwendet haben. Mit der Vorabsingle „Rough And Twisted“ werfen sich die Stones in einen Songreigen, der so frisch, knackig und abwechslungsreich klingt, als hätten die Protagonisten im Jungbrunnen geplanscht. Die kernigen Blues-Spielereien auf „Blue & Lonesome“, 2016 elf Jahre nach „A Bigger Bang“ erschienen, war eine Art Warmspielen mit einer Hommage an die Vorbilder, denn – so Keith Richards – man habe ja immer nur alte Blues-Songs nachgespielt, nur schneller. Offensichtlich erwachte der Spaß an der Studioarbeit wieder. Die Glimmer-Twins schrieben an neuen Songs, bis 2023 „Hackney Diamonds“ herauskam. Und nur drei Jahre später bereits das nächste Album: „Foreign Tongues“. Es übertrifft den Vorgänger.
Mit „Rough And Twisted“ knüpfen die Stones an ihr Blues-Album an, nicht puristisch, eher swingender Rock’n’Roll, veredelt durch Mick Jaggers Mundharmonika, mit der er auf „Blue & Lonesome“ bereits glänzte. „In The Stars“ funkelt mit einem dieser markanten Richards-Riffs à la „Start Me Up“, Jagger zieht die Vokale, wie nur er diese phrasiert, der poppige Refrain erzwingt geradezu die Auswahl als Single. Das Video zeigt den von Gitarristen und Drummern überfüllten Saal einer ehemaligen Kirche. Dazwischen tummeln sich Jagger, Richards und Ron Wood, per KI auf Mitte 20 verjüngt, und performen energiegeladen den Song. Schauspielerin Odessa A’zion moves like Jagger, turtelt ihn lasziv an und schleckt ihm mit der Zunge über die Wange – eine Erinnerung an die Groupie-Erfahrungen der Musiker, aber auch die wehmütige Erkenntnis, dass Jaggers (fast 83), Richards‘ (82) und Woods (79) aktive Bandjahre endlich sind. Bill Wyman, hätte er die Stones nicht 1993 verlassen, wird im Oktober sogar 90. Was war da in den Drogen?
Jagger würde sofort wieder auf Tour gehen, hofft auf das kommende Jahr. Ob Richards fit genug ist? Die Reise zur Vorstellung der neuen Platte in Europa hat er sich geschenkt, überlässt Jagger und Wood die Interviews. Und vielleicht ist das 25. Album ihr letztes. Schließlich begann die Karriere 1963 mit Chuck Berrys „Come On!“ als erster Single. Die 63-minütige Spielzeit von „Foreign Tongues“ endet 63 Jahre nach dem Debüt mit einem weiteren Berry-Cover. „Beautiful Delilah“ klingt nach Garage, akustisch heruntergeschrammelt, gewollt unproduziert. Ebenso historisch: Der dringlich gerockte Dreiminüter „Hit Me In The Head“ aus den Sessions zu „Hackney Diamonds“ lässt noch einmal Charlie Watts‘ coolen Schlagzeugbeat auferstehen.
Die dritte der bisher ausgekoppelten Singles, „Jealous Lover“, zeigt im Video ein Paar, das sich streitet und doch nicht voneinander lassen kann. Pop-Soul mit Darryl Jones‘ markanter Bassfigur, Jaggers Falsett und einer Lässigkeit wie bei „Waiting On A Friend“ – trotz der konfliktreichen Thematik. Nicht nur in dem treibenden, atemlosen „Divine Intervention“ klingt Jaggers Stimme so jung und vital wie zu „Some Girls“-Zeiten. Das gilt zudem für den Sprechgesang in „Mr. Charm“ mit dem nahtlosen Übergleiten in die Gesangpassagen. „Call me Mr. Vain“ mögen die Synapsen ergänzen, doch der Disco-Funk des Refrains und das stonesige Rock-Riff vertreiben die Erinnerung an Culture Beat umgehend. Gehaltvoller auch der Text, der Persönliches mit einem politischen Statement verbindet: „When I was oh-so-young, I used to want to go to Mars/And burn the rubber on the road/And drive around in fancy cars/When who would take you into space?/Who would you really trust?/Is it Boeing, is it NASA, is it mad mogul Mr. Musk?“ Aber heute ist das lyrische Ich älter und muss nicht mehr auf den Swutsch gehen: „We could stay at home, you see, I’m really quite polite/I would make you cocktails, pour you wine“.
Bei den Lyrics lohnt sich das Hinhören, wird die übliche die Frau/Mann-Thematik immer wieder geschickt mit einem Blick auf gesellschaftliche Missstände verknüpft. So geißelt „Covered In You“ Autokraten mit ihren „missiles on parade“. „Side Effects“ ist Stones-Routine auf hohem Ohrwurm-Niveau, greift wie damals in Mother’s Little Helper“ Medikamenten-Missbrauch auf. „Never Wanna Lose You“ schleudert die Titelzeile brunftig dem Hörer entgegen. Der eher leichtgewichtige Popsong gewinnt durch die funkigen Gitarrenlinien. Richards obligatorischer Lead-Vocals-Beitrag heißt „Some Of Us“, gesanglich mit Dylan-Touch, geschmackvollen Gitarren und Orgel-Phrasen im Hintergrund sowie souligem Chorus. Das zweite Cover auf dem Album hat Jagger schon mit Amy Winehouse live performt: „You Know I’m No Good“ bleibt Soul, Jaggers einfühlsame Mundharmonika überführt den Song in den Stones-Kosmos. Gute Wahl. Erweitert wird die Bandbreite mit „Ringing Hollow“ um einen der besten Country-Songs, den die Stones jemals aufgenommen haben. Ein Honky-Tonk-Piano klimpert, die Slide-Gitarre wimmert, es ist ein Fest, ein Beggars Banquet. Um die Tafel lungern damals wie heute Millionäre. Und einer davon übt Konsumkritik, vor allem aber macht er sich Sorgen um die Demokratie: „Liberty’s not looking too well/She’s got another crack in her bell/Lady Liberty don’t look so good/When she’s wearing a scowl“. Der finstere Blick der Freiheitsstatue auf ein Amerika im Umbruch. Eine Absage an den American Dream: „Let the dreamers get the dream they want“.
Und dann ist da noch eine der schönsten Balladen im Gesamtwerk der Stones: „Back In Your Life“. Kurz vor Schluss ruft Jagger „Come on, Ronnie!“ und der packt ein beseeltes Gitarrensolo aus. Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers soll hier die Bass-Drum bedienen, bei „Covered In You“ spielt Paul McCartney Bass. Anderswo singt angeblich The Cures Robert Smith im Hintergrund und spielt ein bisschen Gitarre und Synthesizer, Bruno Mars schüttelt die Kuhglocke und Steve Winwood sitzt an den Keyboards. Man merkt es nicht. Ein unnötiger Marketing-Gag, vielleicht aber auch der Wunsch, den einen oder andern Musikerkumpel einzuladen. Eine gute Entscheidung war, nach „Hackney Diamonds“ die Arbeit mit dem Musiker und Produzenten Andrew Watt fortzusetzen. Der hat nicht nur Künstlerinnen wie Rita Ora oder Miley Cyrus unterstützt, sondern zuletzt mit Altstars wie Ozzy Osbourne, Iggy Pop oder Paul McCartney zusammengearbeitet und zu veritablen Alben verholfen. Der 35-Jährige verantwortet im Londoner Metropolis-Studio einen trockenen und dennoch fetten Sound, der vielleicht nicht die Magie der stilprägenden Alben von 1968 bis 1972 ausstrahlt, aber sich um einen Platz in den persönlichen Stones-Top 10 bewerben darf. Kein (April-)Scherz.
Übrigens: Nathaniel Mary Quinns Collage ziert das gelungenste Cover seit Andy Warhols Siebdruck für „Love You Live“ und den Portrait-Verfremdungen auf „Tattoo You“.
„Foreign Tongues“ von The Rolling Stones erscheint auf Polydor/Universal.



