Ohne Frage haben Victoria Rose und Stone Filipczak a.k.a. andere Ansprüche als andere an das Genre „Singer/Songwriter“, mit dem sie sich konfrontiert sehen, da sie sich entschlossen haben, ihre Musik weitestgehend auf Basis akustischer Instrumente zu gestalten. Dabei haben sie mit Lagerfeuerromantik und Liedermacherei musikalisch so gar nichts zu tun.
Aber der Reihe nach: Zunächst mal ist da der Projektname – das @-Zeichen, das heutzutage für alles Übel der digitalen Welt zu stehen scheint. Auf so etwas muss man auch erst mal kommen – denn das führt in Suchmaschinen und in den sozialen Medien ja ganz schnell zu Missverständnissen. So findet man @ – die Band – zur Zeit am besten, wenn man den Titel des Albums „Autosmile“ mit dem Suchbegriff verbindet. Und landet dann auf der Homepage der Band, die aber nicht etwa „@“ heißt, sondern „atband“. Wie gesagt: Auf so etwas muss man erst ein Mal kommen. Gäbe es indes heute noch Plattenläden mit Regalen, dann stünden die Scheiben von „@“ aber immerhin ganz vorne.
Dann sind da das Artwork und die Videos, die @ je nach Betrachtungsweise als Prog-Freunde, Hippies, Psychedeliker und/oder Surrealisten ausweisen. Vermutlich ist es von allem ein bisschen, denn nun kommen wir zur Musik des Duos – und da finden sich verschiedenste Elemente wieder, die sich mit den vorgenannten Begrifflichkeiten in Einklang bringen ließen. Da wären zunächst mal die trockenen, gezupften akustischen Gitarren, die sich in eigenartigen und harmonisch abenteuerlicher Weise umeinander winden. Der Gesang – mal von Victoria, mal von Stone und zuweilen gleichzeitig aber nicht immer zusammen vorgetragen – gibt da keine stilistische Hilfestellung.
Mal klingt das tatsächlich nach Weird-Folk – wie Falle des mit mäandernden Flötentönen, abrupten Celli und heimeligem Hippie-Chöre angereicherte „Earthly Love“. Der Opener „Bird“ klingt indes nach akustischem Math-Rock, während „Your Dog“ sich als atonaler Indie-Pop versucht.“I’m Not In Pain“ kommt mit Prog-Strukuren daher – flirtet aber zugleich mit avantgardistischem Weird Folk wie ihn selbst die Incredible String Band der Woodstock-Ära nicht seltsamer hinbekommen hätte. Der Titeltrack „Autosmile“ bietet wieder mathematisch ausgezirkelte Gitarrenfiguren und harmonisch verstiegenen Gesang bis der Song (der immerhin an der Sieben-Minuten-Grenze knabbert) im Mittelteil wie eine Artrock-Oper aus den 70ern klingt.
Mit „Autosmile“ reihen sich @ nahtlos ein in die Riege der großen Seltsamen und musikalischen Querdenker unserer Tage. Nur mal so ein Gedanke: Alice arbeitet im richtigen Leben als Imkerin und Stone als Programmierer. Diese beiden Welten treffen konzeptionell auf diesem bemerkenswerten Debüt-Album auf jeden Fall zusammen – denn neben Hippie-Flair gibt es auch ein wenig Elektronik zu bestaunen. Dass die Sache nun mit einer gewissen Selbstverständlichkeit daher kommt, hat damit zu tun, dass hier keine Neulinge aufeinandertreffen, sondern Musiker, die in der Indie-Szene der Ostküste schon lange mit eigenen Projekten verankert sind und mit @ nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht haben, die sich nun als mehr als die Summe der einzelnen Teile entpuppt.
„Autosmile“ von @ erscheint auf 4AD/Beggars Group/Indigo.




