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Die brasilianisch-deutsche Musikerin Gloria de Oliveira gehört zu jener Spezies von Menschen, die vollkommen in ihrer Kunst aufgehen. Als klassische Opernsängerin, Schauspielerin, Komponistin, Hörspiel-/Audiobook-Sprecherin, Videoregisseurin, bildende Künstlerin, Fotografin und Poetin kam sie erst 2017 zur Musik – die heutzutage ihre bevorzugte künstlerische Ausdrucksform darstellt – und in die fast schon zwangsläufig auch immer wieder Elemente aus den anderen Disziplinen einfließen. Da Überblick zu behalten muss ganz schön schwierig sein (nicht, dass es Gloria darum ginge) – aber vielleicht gerade deswegen ist das neue Album „The Lying Swans“ auch so reichhaltig und vielseitig geworden.
Eigentlich ist es dann auch Glorias erstes vollständig neues Album, denn zuvor hatte sie sich nur über EPs und das Kompilationsalbum „Fascination“ in eigener Sache geäußert. Darüber hinaus gibt es noch die transatlantische Kooperation „Oceans Of Time“, die Gloria 2022 anstieß, und als Nächstes ist ein Ambient-Album mit dem Musiker Ben Jones und dem Produzenten Jonathan Schenk aus NYC geplant.
Bevor Gloria an die Produktion des Albums „The Lying Swans“ heranging, hatte sie Themen, die auf diesem Album auftreten (etwa Sirenen und Nixen) schon einmal bei einem Commissioned Work auf dem Pop-Kultur-Festival 2023 aufgegriffen, das sie mit vier befreundeten Frauen als Ode an die mystische Unterwasserwelt geschaffen hatte. Haben diese beiden Projekte miteinander zu tun?
Gloria: „Ein Song auf der Scheibe – die erste Single ‚Fading Faces‘ – stammt von dieser Produktion, weil es da auch um Ozeanwelten geht. Aber die Arrangements, die wir damals gemacht hatten, will ich gerne auch noch einmal aufgreifen und daraus dann ein eigenes Album machen. Ich habe mir auch schon eine Lyra gekauft, die wir damals im Arrangement ja verwendet haben.“
GL.de: Geht es auf dem Album dann um das Mittel der Fabel, das hier poetisch und musikalisch genutzt wird?
Gloria: „Ja, voll. Schwäne kommen ja in einigen Fabeln vor – und auch in ganz vielen Mythen aus der Antike. In Indien gibt es sogar eine Gottheit, die mit Schwänen gleichgesetzt wird. Auf Schwäne wird unheimlich viel projiziert – und sie sind ja auch wunderschön. Sie sind das Symbol für Romantik – sind auf Hochzeitseinladungen und Valentinskarten drauf – und Schwäne sind im Tierreich einige der Tiere, die monogam sind und mit einem Partner zusammenbleiben. Sie haben aber auch gleichzeitig eine dunkle Seite. Das sieht man hier in Berlin manchmal, wenn sie Leute angreifen. Die sind ja auch sehr stark. Wenn man sich die Hälse anschaut, sind diese sehr muskulös. Das spiegelt sich auch in Fabeln wider – wie bei Leda und der Schwan zum Beispiel – aber auch in Schwanensee, wo es ja um Betrug und Täuschung geht und vorzugeben, was man nicht ist. Es geht auch ein bisschen um eine Wortspielerei, denn der Begriff kann ja sowohl als ‚der lügende Schwan‘ übersetzt werden, wie auch als ‚der liegende Schwan‘.“
GL.de: Das andere Thema auf der Scheibe sind ja Sirenen, Meerjungfrauen oder Nixen. Was hat dich denn an diesem Thema gereizt? Siehst du dich selbst als Nixe? Und sind Nixen nicht auch immer ziemlich gefährlich?
Gloria: Das ist die Frage, aus wessen Perspektive man das sieht. Ich wollte das aus der Perspektive der Sirenen sehen. Dieses Femme-Fatale-Image auch der Sirenen sind ja Projektionen aus dem Patriarchat – sage ich mal. Wenn man zu viel weiß und wenn man sich nicht fügt und als Meerjungfrau auf seinem Felsen sitzt, dann gilt man gleich als gefährlich und Femme Fatale.“
GL.de: Das gilt ja auch für das Hexen-Bild, oder?
Gloria: „Voll – ja. Hexen sind auch untrennbar damit verbunden.“
GL.de: Das sind ja alles keine politisch oder sozialkritisch relevanten Sachen aus dem Alltagsleben. Es ist ja auch mal ganz schön, wenn jemand die Sache von der poetischen, lyrischen Seite herangeht und nicht mit Predigten und Ratschlägen daherkommt. War das die Intention?
Gloria: „Na ja, wenn du sagst, dass das nicht politisch oder sozialkritisch sei, dann musst du das erst mal definieren. Es ist nicht ausbuchstabiert, aber für mich ist alles politisch oder sozialkritisch. Ich bin ja ein Mitglied der Gesellschaft – und da muss ich nicht einer Partei angehören, um mich politisch zu äußern. Das ist ein sehr spannendes Thema, und ich denke auch viel über meine Verantwortung als Künstlerin nach – auch was Social Media betrifft und wie man sich da äußert. Ich sehe meine Aufgabe als Künstlerin darin, zu vermitteln. Man muss als Künstlerin aufpassen, wenn man zu explizit aktivistisch wird, weil das von deiner Macht wegnehmen kann, die deine Kunst an sich hat. Kunst allein kann ja schon sehr viel bewirken und hat ja auch eine besondere Aufgabe in der Gesellschaft. Ein Spiegel für die Gesellschaft zu sein, und Fabeln und Märchen nutzen wir schon seit Anbeginn der Menschheit.“
GL.de: Gibt es denn eine Verantwortung als Künstlerin?
Gloria: „Ja, man hat eine Verantwortung – aber nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Mensch. Ich habe die Verantwortung, meine Werte zu reflektieren und meine Werte auf eine Art zu vertreten. Diese Verantwortung hat aber jeder Mensch. Meine Verantwortung als Künstlerin ist es aber auch, mein Werk zu schützen, damit es wirkungsvoll weiterhin konsumiert werden kann. Ein Beispiel ist Twitter. Ich habe dort viele Künstler verfolgt, und nach einiger Zeit ist es mir schwergefallen, deren Musik weiterhin zu hören, weil ich das Gefühl hatte, dass ich zu 90 % deren Aktivismus auf Twitter mit denen assoziierte. Das ist ein schwieriges Thema: Einerseits möchte ich mich schon zu bestimmten Dingen äußern, aber andererseits möchte ich auch den Kunstraum schützen.“
GL.de: Und wie machst du das?
Gloria: „Nimm Beispielsweise die Wahlen in Brasilien. Da äußere ich mich immer explizit, weil ich weiß, dass ich damit auch Menschen erreiche, die Bolsonaro wählen – und dazu möchte ich mich äußern, weil ich weiß, dass das sehr direkt wirkt. Aber es ist eine Gratwanderung. Man muss das abwägen.“
GL.de: Aus welcher musikalischen Ecke kommst du eigentlich ursprünglich? Was würdest du als deine musikalischen Roots bezeichnen?
Gloria: „Ich habe mit der klassischen Musik angefangen. Ich habe das ja auch studiert und wollte das sehr lange auch als Opernsängerin verfolgen. Aber ich habe halt auch immer meine eigenen Sachen geschrieben – und das ist da ja total verpönt. Man hat da halt ein Repertoire aus Jahrhunderten der Musikgeschichte, was auch heilig ist. Ich habe als Jugendliche aber auch total gerne brasilianische Musik gehört – Bossa Nova etwa –, aber ich habe auch Grunge oder die Cocteau Twins gehört. Das war also immer alles Mögliche. Das ist mein Background.“
GL.de: Hast du denn die Idee weiterverfolgt, im klassischen Bereich eigene Sachen zu schreiben?
Gloria: „Ja, ich greife da auch total viel zurück. In vielen meiner Songs gibt es Referenzen klassischer Natur. Und bei dem Commissioned Work auf der Pop-Kultur haben wir ein Stück aus der Oper „Hoffmann’s Erzählungen“ von Jacques Offenbach gesungen. Das Repertoire ist also immer in meinem Gedächtnis.
GL.de: Das Interessante bei dem Album „The Lying Swan“ ist ja, dass es nicht richtig Moll, nicht richtig Dur, nicht richtig depressiv, aber schon gar nicht fröhlich ist. Ist das die Balance, die du angestrebt hast?
Gloria: „Der Song ‚Fading Faces‘ ist so ein Song. Als ich meinen Gitarristen Lennard dazu geholt habe, hat ihn auch gleich die Modalität des Songs angesprochen. Das war mir aber auch auf der Scheibe davor schon wichtig, nicht in die Depressivität abzugleiten, sondern auch das Licht noch zu erkennen.“
GL.de: Was macht eigentlich am meisten Spaß an deinem Job und was ist das Nervigste?
Gloria: „Oooohooo – das Lohnenswerteste ist die Connection mit den Menschen, die das anspricht, was ich mache. Das ist für mich alles. Ich denke ja sowieso nicht in Stilen oder Genres, sondern ich denke, dass die Menschen – vielleicht sogar durch die KI-Geschichten – wieder mehr Live-Musik sehen möchten, und ich hoffe, dass das stimmt, denn es ist eines unserer ältesten Rituale von uns Menschen: Zusammenzukommen und Musik zu hören. Was nicht so schön an meinem Job ist, ist der Umstand, dass es noch sehr viel zu tun gibt, was die Präsenz von Frauen in der Musik – nicht nur auf Bühnen, sondern auch hinter den Kulissen im technischen Bereich – angeht. Darüber unterhalte ich mich oft mit anderen Musikerinnen. Da gibt es doch sehr viele unschöne Erlebnisse, die oft daherkommen, dass es da dieses Ungleichgewicht gibt.“
GL.de: Und was bedeutet Musik als Tool für dich? Verwendest du Musik – wie viele deiner „klassischen“ Singer-Songwriter-Kollegen –, um über die Musik dein Leben zu verarbeiten und zu verstehen?
Gloria: „Das ist auf jeden Fall ein Aspekt. Zum Beispiel bei diesem Album. Ich kam da nämlich aus einer ziemlich dramatischen Situation heraus. Und wenn ich das nicht auf eine märchenhafte, poetische Weise hätte verpacken können, dann weiß ich gar nicht, was ich damit gemacht hätte. Viele Leute gehen halt in Therapie – und das ist auch auf jeden Fall gut, und das Eine ist auch nicht das Andere –, aber für mich ist es auch nicht einfach nur mein Therapieprojekt. Ich weiß, was mir die Musik gegeben hat und was sie auch für andere Menschen bedeutet hat, und ich dachte, ich kann das dann auch als Geschenk an andere Menschen vermitteln, die auch in einer dunklen Situation sind.“
GL.de: Du möchtest also über die Musik etwas zurückgeben?
Gloria: „Das ist – so glaube ich – mein größter Antrieb. Es ist ja mit sehr vielen Selbstzweifeln und sehr viel Arbeit verbunden, ein Künstler zu sein. Das, was mich wirklich antreibt in solchen Momenten – und mich davon abhält, alles in den Müll zu schmeißen und aufzugeben –, ist, dass ich Nachrichten von Menschen bekomme, die mir sagen, dass meine Musik ihnen in einer schwierigen Situation geholfen hat. Ich denke ja auch – wenn ich in Selbstzweifeln versinke und denke, dass das alles nix ist –, dass vielleicht jemand anderes etwas damit anfangen können wird.“
Bevor Gloria sich mit Ben Jones und Jonathan Schenk um ihr nächstes Album kümmern wird, steht erst noch eine Europatour an, die Gloria (nach der Release-Show in Berlin im Oktober) im Frühjahr durch Deutschland, Italien, Bulgarien, Kroatien, Österreich, die Niederlande, Frankreich und Spanien führen wird.
„The Lying Swans“ von Gloria de Oliveira erscheint auf La Double Vie/Cargo.




