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Die Band der Stunde
In den Endjahres-Bestenlisten der renommierten Musikmagazine weltweit war eine Band 2025 nicht wegzudenken: Wednesday! Mit ihrem vor wenigen Monaten veröffentlichten Album „Bleeds“ hat die Indierock-Band aus Asheville, North Carolina, so richtig abgeräumt – und das mitreißende erste Konzert der aktuellen Deutschland-Tournee im seit Wochen restlos ausverkauften Hamburger Molotow zeigt eindrucksvoll, warum Wednesday derzeit die Band der Stunde sind.
Bereits um kurz vor acht betritt zunächst einmal das aus Philadelphia stammende Quartett Bleary Eyed die Bühne. Ähnlich wie Nate Amos von Water From Your Eyes und This Is Lorelei pflegt auch Bleary-Eyed-Frontmann Nathaniel Salfi seine Liebe zu einem futuristischen Indierock-Sound, der auf viele bekannte Elemente aus der Vergangenheit und einen elektronisch-experimentellen Glitch-Faktor setzt.
Während Letzteres auch auf „Easy“, dem aktuellen dritten Album von Bleary Eyed, unüberhörbar ist, stehen beim Deutschland-Debüt der Band im Molotow eher die klassischen Werte im Mittelpunkt, wenn Salfi mit Cate Reynolds (Gitarre), Hayden McGarvey (Schlagzeug) und Whitaker Lane (Bass) – wie so viele Bands derzeit – der 90er-Jahre-Nostalgie nachhängt.
So kommen die elektronischen Backing-Tracks aus der Konserve allenfalls in den Songintros zur Geltung, bevor die vier laut und wuchtig an der Schnittstelle von Indie-Pop und Shoegaze ihr Heil suchen, dort aber, wenn wir ehrlich sind, auch nur das finden, was schon zig Bands vor ihnen entdeckt haben. Am Ende bleiben deshalb leider Salfis praktisch nach jedem Lied mantraartig wiederholtes „We got a couple more songs“ und seine Anekdoten zur Autobahn-Premiere der Band an diesem Tag fast mehr in Erinnerung als die Songs.
Wednesday haben danach keine Mühe, den Vorschusslorbeeren gerecht zu werden, als sie zu den Klängen von Stereo Totals „Du und dein Automobil“ um Punkt 21.00 Uhr die kleine Bühne betreten. Mit ihrem neuen Tournee-Gitarristen Jake „Spyder“ Pugh im Schlepptau klingen sie praktisch vom ersten Ton an kraftvoll, gewaltig und sind ohne Frage für Größeres bestimmt. In den USA sind die Säle ja inzwischen drei- bis viermal so groß wie das Molotow.
Ganz nebenbei bewiesen sie auch, dass eine konstante Neuerfindung und die Hinwendung zu popmusikalischer Beliebigkeit selbst heutzutage nicht die einzigen Erfolgsgaranten sind. Seit Jahren feilt die Band bereits an ihrer eigenen Vision eines Brückenschlags zwischen Indierock und Alt-Country, ohne ihre Punkrock-Ideale aufzugeben. Nun erntet sie den wohlverdienten Erfolg dafür.
Im Molotow stürmen Wednesday in knapp 75 Minuten durch 18 Songs, die auch klanglich die Achterbahnfahrt der Gefühle widerspiegeln, die Frontfrau Karly Hartzman mit ihren Songs heraufbeschwört, wenn sie Schönheit im Schmerz findet und die Komplexität von Beziehungen seziert.
Mal überrollen uns Hartzman und ihre Mitstreiter mit einem auf Krawall gebürsteten Shoegaze-Wall-Of-Sound, mal geben geschrammelte Indie-Gitarren den Ton an. Immer wieder steht aber auch die Pedal Steel (oder wahlweise auch Lap Steel) von Xandy Chelmis im Mittelpunkt, um für süßen Americana-Twang alter Schule zu sorgen oder mit knurrenden Drones drohendes Unheil anzukündigen, während Drummer Alan Miller wuchtig antreibt und Bassist Ethan Baechtold der Fels in der Brandung ist.
Gitarrist Spyder, an dessen Gitarrenkopf amüsanterweise ein Kinderschuh baumelt, hat derweil keine Probleme, vergessen zu lassen, dass er auf seiner ersten Europatournee überhaupt in die Fußstapfen von Senkrechtstarter MJ Lenderman treten muss, dessen Solokarriere inzwischen Vorrang vor Wednesday hat. Vom Slacker-Indie-Vibe bis hin zu countryfiziertem Southern-Rock ist es so oft nur ein Katzensprung, zumal das Keyboard, das auf der letztjährigen US-Tournee noch zum Einsatz kam, nun fehlt.
Los geht es mit „Reality TV Argument Bleeds“, dem ersten von insgesamt neun Stücken aus dem gefeierten aktuellen „Bleeds“-Album. Aber auch all diejenigen, die selbst drei Jahre nach der Veröffentlichung nicht genug vom Wednesday-Breakthrough-Werk „Rat Saw God“ bekommen können, dürfen sich freuen. Gleich fünf Songs der LP stehen auf den offenbar von Hartzman mit kunstvoll verschnörkelten Kleinstbuchstaben handgeschriebenen und für jedes Bandmitglied personalisierten Setlisten.
Darunter befindet sich auch das heimliche Highlight des ganzen Abends, das heimelig instrumentierte „Chosen To Deserve“. Es ist die vielleicht beste der vielen so ungemein lebendig und mit Kopfkino-Details gespickten Geschichten, die Hartzmans Songs zu einer solch herrlich wilden Southern-Gothic Odyssee machen. Mit „Fate Is…“ und „Cody’s Only“ gibt es dann sogar noch Abstecher zu den frühesten Wednesday-Platten.
Auch für Spontaneität ist Platz. Zur Mitte des Sets kegelt Hartzman kurzerhand „The Way Love Goes“ aus dem Programm. Statt der betont rührseligen Nummer über das Ende ihrer Romanze mit MJ Lenderman gibt’s „Candy Breath“, mit dem Wednesday eindrucksvoll unter Beweis stellen, wie gut die Ideen von Pavement und Smashing Pumpkins in den richtigen Händen auch 35 Jahre später noch klingen.
Bei den Ansagen zwischen den Songs gibt sich Hartzman betont lässig und plaudert liebenswert einfach drauf los. Nur eines stößt ihr sauer auf: Die Menschen vor der Bühne sind ihr viel zu unterkühlt! „Ihr seid das zahmste Publikum der Tournee – und dass, obwohl wir gerade aus Skandinavien kommen“, rügt sie die Anwesenden im Molotow mit einem Augenzwinkern.
Das will die Hamburger Wednesday-Gemeinde natürlich nicht auf sich sitzen lassen und sorgt bei „Townies“ für einen wirklichen amtlichen Moshpit. Cate Reynolds von Bleary Eyed nutzt die Gunst der Stunde sogar zum Stagediven und crowdsurft einmal quer durch den ganzen Saal – sehr zur Freude von Hartzman und den Ihren.
Überhaupt sind die letzten 20 Minuten des Konzerts nach einem letzten Country-Heuler mit „Elderberry Wine“ den krachigsten Songs vorbehalten. Vor „Bull Believer“ kommt Hartzman zudem auf die politische Situation in den USA zu sprechen und bringt mit dem finalen Urschrei des dynamisch ausufernden Achteinhalb-Minuten-Brechers ihre Wut und Trauer über die Deportationen durch die Einwanderungsbehörde ICE zum Ausdruck. Apropos Politik: Auch das „Fuck AFD“ von Chelmis kriegt viel Applaus.
Ganz am Ende stellt Hartzman die Gitarre beiseite und tigert mit dem Mikro in der Hand manisch über die Bühne, um sich mit „Wasp“ ein letztes Mal die Seele aus dem Leib zu schreien. Es ist das kathartische Ende eines brillanten Auftritts.



























