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Mit schonungsloser Ehrlichkeit und dem Ziel, dem perfektionistischen Ansatz ihrer früheren Veröffentlichungen zu entkommen, fasziniert die im englischen Newcastle heimische Melanie Baker auf ihrem augenzwinkernd „Somebody Help Me, I’m Being Spontanenous“ betitelten Debütalbum mit betont bildhaften Storytelling-Songs, die längst nicht nur jungen Frauen aus der Seele sprechen, wenn sie wortgewandt charmant keine Scheu vor Selbstironie kennt und klassische Indierock-Tugenden aus einer modernen, queeren Perspektive betrachtet.
„Melanie Baker schreibt Songs über alles, was schmerzt, und alles, was sich gut anfühlt“, heißt es im Presseinfo zu „Somebody Help Me, I’m Being Spontanenous“, und genau das macht den Reiz des ausgezeichneten LP-Erstlings der Britin aus, auf der sie sich im Spannungsfeld eigener Unzulänglichkeiten und unerfüllbarer gesellschaftlicher Wunschvorstellungen ihren eigenen Weg zu mehr Selbstbewusstsein und innerer Stärke bahnt.
Nachdem sie in der Vergangenheit bereits drei EPs veröffentlicht hatte, mit denen sie sich von ihren Folk-Anfängen zu einem stärker am Indierock und Slacker-Pop der 90er und frühen 2000er orientierten Sound vorgearbeitet hatte, findet sie auf ihrem ersten Album nun so mühelos wie einst Courtney Barnett den Sweetspot zwischen absurdem Humor und tiefer Verletzlichkeit und beschreibt sich selbst in einem der Highlights der Platte treffend als „Sad Clown“.
Das macht aus „Somebody Help Me, I’m Being Spontanenous“ ein Album, das vollgestopft ist mit bemerkenswerten Coming-of-Age-Songs zwischen lauter Katharsis und leisen Geständnissen, die in Momenten extremer Gefühle, aber ohne die kommerziellen Hintergedanken entstanden sind, die heute so viele Newcomerinnen und Newcomer in die Beliebigkeit abdriften lassen.
Im Gaesteliste.de-Interview spricht Baker über die größte Inspiration ihrer Jugend, Songwriting als Puzzle, den Mut, in ihren Liedern unerschütterlich aufrichtig zu sein, und vieles mehr.
GL.de: Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben und wie hat sich deine Beziehung zur Musik im Laufe der Jahre verändert?
Melanie Baker: Oh mein Gott, das ist eine große Frage, aber auch eine gute Frage! Ehrlich gesagt war und ist die Musik schon immer alles in meinem Leben gewesen. Sie war schon immer der Kern meiner Persönlichkeit und stets die treibende Kraft in meinem Leben. Gleichzeitig habe ich mich mit der Musik, die ich mache, und der Musik, die ich höre, weiterentwickelt. Es war einfach immer das, wofür ich die größte Leidenschaft empfunden habe, und das, was für mich am meisten Sinn ergeben hat.
Schon als Kind habe ich gerne Lieder geschrieben und mir kleine Melodien ausgedacht. Das war für mich einfach die natürlichste Art, mich auszudrücken. Das war, noch bevor ich irgendwelche Instrumente spielen konnte. Die Musik ist deshalb gewissermaßen schon immer ein inhärenter Teil dessen gewesen, wer ich bin. Mir fällt nichts anderes ein, was in meinem Leben auf dem gleichen Niveau liegt wie die Musik. Das ist eine sehr klischeehafte Antwort, aber es ist wahr!
GL.de: Wenn du sagst, dass du schon als Kind angefangen hast, dich für Musik zu interessieren: Erinnerst du dich an das erste Mal, dass Musik tatsächlich Eindruck auf dich gemacht hat?
Melanie Baker: Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, welche Art von Musik ich als kleines Kind gehört habe, aber ich erinnere mich immer daran, wie ich diese kleinen Songs ausgedacht habe. Ich konnte es dann kaum erwarten, meinen Eltern zu zeigen, was mir eingefallen ist. Als ich meine erste CD kaufte, war ich vielleicht 11 oder 12. Alles, die ich zuvor gehört hatte, war Musik, die meine Eltern mochten oder die anderen Kinder in der Schule.
Die erste CD, die ich mir selbst gekauft habe, war von Paramore. Ich glaube, es war entweder „Riot!“ oder „Brand New Eyes“. Paramore waren die erste Band, die ich allein entdeckte, und es war meine Einführung in das Leben als echter Fan. Ich war ein stereotypes Fangirl, ich kaufte das ganze Merch und besuchte jeden Tag die Chatrooms. Paramore waren auch mein erstes großes Konzert, als ich 13 war. Das war so etwas wie ein erstes Erwachen, das erste Mal, dass ich eine Band entdeckte, von der ich richtig besessen war – und sie ist immer noch ein großer Teil meines Lebens. Die Alben von Paramore haben mich einfach durch mein Leben geführt und ich bin mit ihnen aufgewachsen. Als ich sie damals entdeckte, dachte ich zum ersten Mal: Wow, das könnte lebensverändernd sein!
GL.de: Du hast schon zu Schulzeiten Straßenmusik gemacht und sogar mit dem Aufnehmen von Songs angefangen. Wenn du auf die letzten rund zehn Jahre zurückblickst: Was für Lektionen hast du gelernt, die du jetzt auf Melanie Baker 2.0 anwenden kannst?
Melanie Baker (lachend): Ich bin inzwischen wahrscheinlich eher Melanie Baker 5.0, aber sobald ich damals mit 15 oder 16 anfing, Gitarre zu spielen, und mir bewusst wurde, dass ich jetzt eigene Songs schreibe und sie auf die Bühne bringen will, sagte ich mir einfach: Ich werde Straßenmusik machen, ich werde Auftritte organisieren und ich werde meine Songs im Internet teilen. Ich habe das alles einfach gemacht, ohne groß nachzudenken.
Ich hatte nicht vor, eine Musikkarriere zu starten, ich hatte einfach das Gefühl, dass es wichtig war, meine Arbeit zu teilen. Ich weiß, dass die Frage andersherum gestellt war, aber es gibt einen Punkt, an dem die jetzige Melanie etwas von ihrem früheren Ich lernen könnte. Früher habe ich einfach einen Song geschrieben, ihn ins Internet gestellt und gesagt: „Es ist, was es ist.“ Heute grüble ich für gewöhnlich viel zu viel und will, dass alles perfekt ist.
Ich habe auf dem Weg so viel gelernt, und ich denke, die größte Lektion ist, dass es unglaublich wichtig ist, die richtigen Leute zu finden, mit denen man zusammenarbeitet. Für mich waren das meine Band und meine weiteren Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Es ging mir darum, Menschen zu finden, denen ich von ganzem Herzen vertraue und mit denen ich gerne Zeit verbringe, Menschen, die an meine Musik und meine Vision glauben und sie verstehen. Sie zu finden, war eine Riesensache für mich!
Das Musikmachen kann eine sehr einsame Angelegenheit sein, und ich schreibe viele meiner Songs immer noch allein in meinem Zimmer, aber dann bringe ich sie zu meiner Band, und es braucht diese Art von people power, um sie über die Ziellinie zu bringen.
GL.de: Stichwort Weiterentwicklung: Worin besteht für dich der größte Unterschied zwischen dem Album und den vorangegangenen EPs?
Melanie Baker: Es ging mir dieses Mal darum, dass ich meinen Perfektionismus ein Stück weit loslasse und auch den Zwang zum ständigen Grübeln. Deshalb habe ich mir für dieses Album eine ziemlich strikte Deadline gesetzt. Es war eine imaginäre Frist, denn niemand hatte gesagt, dass die Platte bis zu einem bestimmten Termin fertig sein muss, aber ich wusste, dass ich ohne diese Deadline immer etwas finden würde, was mir noch nicht ganz gefällt. Ich wollte, dass das Album auf eine ungeschliffene Art und Weise existiert, und ich bin wirklich stolz darauf.
GL.de: Viele Künstlerinnen und Künstler sagen, dass die besten Songs dann entstehen, wenn sie traurig oder wütend sind. Denn wenn man glücklich ist, möchte man einfach nur rausgehen und die Sonne genießen, Eis essen und eine gute Zeit haben. Ist das bei dir ähnlich?
Melanie Baker: Ja! Allerdings enthält dieses Album auch Momente der Freude, und ich wollte diese Nuancen einfangen – dieses Hin und Her. Ich habe darüber bisher nicht viel gesprochen, aber als das Album entstand, war ich gerade aus einer sehr schweren Depression herausgekommen. Ich probierte Antidepressiva aus, und dann schrieb ich plötzlich dieses Album und schrieb über diese beiden sehr unterschiedlichen Phasen, in denen ich mich in meinem Leben befand: meinen tiefsten Tiefpunkt und dann aber auch über einige der höchsten Höhen, diese Enthüllungen über das Leben und darüber, wer ich war.
Ich habe das Gefühl, dass das Album eine Achterbahnfahrt ist, mit dem ich mein ganzes Leben erkunde. Es geht irgendwie um all die verschiedenen Erfahrungen, die man machen kann. Ich wollte, dass es diese Achterbahnfahrt ist, bei der ein trauriges Lied neben einem glücklichen steht. Genau das habe ich angestrebt.
GL.de: Apropos Achterbahnfahrt: Traurige Songs schreiben heute viele junge Songwriterinnen und Songwriter. Humorvolle Lieder, wie du sie oft schreibst, sind dagegen deutlich seltener. Das bringt uns zu der Frage: Welche Rolle spielt der Humor in deiner Musik?
Melanie Baker: Humor und Albernheit sind einfach ein Teil meiner Persönlichkeit und meiner Art, mich in der Welt zu bewegen. Das war nicht immer Teil meines Songwritings, und ich glaube, das kam tatsächlich erst dazu, als ich dieses Album geschrieben habe. Ich habe mir erlaubt, ein bisschen mehr Spaß zu haben. Zuvor habe ich mich in der Musik immer ziemlich ernst genommen – ich war einfach sehr leidenschaftlich engagiert -, aber weil ich dieses Album schrieb, als ich Antidepressiva nahm, dachte mir: Weißt du was? Das ist alles nicht so wichtig! Ich wollte in meiner Musik einfach ich selbst sein. Schließlich bin ich ja nicht ständig superdeprimiert und traurig, und es war mir wichtig, dass meine Musik stärker widerspiegelt, wer ich bin.
Ehrlich gesagt habe ich das Album für mich selbst geschrieben, also habe ich mir vorgestellt, wie ich es mir anhöre, und was rüberkommen sollte, war: Alles wird gut! Manchmal läuft es schlecht, aber man darf trotzdem Spaß haben, albern sein und einfach man selbst sein. Ich wollte, dass die Platte eine Reflexion meiner irgendwie verspielten Seite ist, und abgesehen davon bringe ich auch einfach gerne Leute zum Lachen.
Mir ist tatsächlich gar nicht immer bewusst gewesen, dass bestimmte Songtexte witzig oder geistreich sind (lacht). Dann haben mich andere darauf hingewiesen, und ich dachte mir: „Eigentlich hatte ich nur vor, zu sagen, wie’s ist!“ Das ist also nichts, was mir besonders bewusst ist!
GL.de: Allgemeiner gefragt: Wonach suchst du beim Songschreiben und vor allem beim Texten?
Melanie Baker: Ich sage normalerweise über meinen Prozess beim Songwriting, dass es einfach so passiert. Wenn ich anfange, einen Song zu schreiben, bin ich mir noch nicht ganz sicher, worum er sich dreht und was ich damit sagen will. Das war schon so, als ich als Teenagerin Songs geschrieben habe. Es hat sich immer so angefühlt, als würde ich aus meinem Unterbewusstsein heraus schreiben, und ich habe auch schon viele andere Songwriterinnen und Songwriter darüber sprechen hören. Man fängt an, etwas zu schreiben, und dann kann man die Geschichte im laufenden Prozess nach und nach zusammenfügen.
Manchmal schwirren mir Ideen im Kopf herum, aber meistens ist es einfach ein ganz natürlicher Prozess, und dann fange ich an, alles zusammenzusetzen. Es ist wie ein Puzzle. Wenn ich also einen Song schreibe, fühlt es sich so an, als würde ich diese Puzzleteile langsam einfügen, und dann wird mir plötzlich klar, was das Puzzle darstellt. Das ist übrigens eine Analogie, die mir gerade spontan in den Sinn gekommen ist (lacht)! Plötzlich blickt man zurück und begreift, was der Song eigentlich bedeutet, und die Geschichte nimmt Gestalt an.
Dann fange ich an, mir das Musikvideo vorzustellen, und plötzlich fügt sich alles wie von selbst zusammen.
Manchmal stecke ich auch fest. Dann starre ich auf eine leere Seite und habe das Gefühl, dass mir gerade nichts einfällt. Aber ich weiß, dass das nicht ewig so bleiben wird. Dann kommt es wieder einmal darauf an, sich selbst zu vertrauen, dass irgendwo da drin immer Ideen schlummern. Manchmal kommen sie nicht zum Vorschein, und das ist in Ordnung. Es bedeutet einfach, dass sie noch nicht bereit sind, ans Licht zu kommen.
GL.de: Siehst du das Songschreiben auch bis zu einem gewissen Grad als Handwerk an, oder ist es wirklich so, dass dir die besten Songs einfach innerhalb von fünf Minuten in den Schoß fallen und du gar nicht weißt, wie dir geschieht?
Melanie Baker: Ich glaube, beides trifft zu. Songwriting ist definitiv ein Handwerk, und es ist definitiv etwas, das man verbessern und an dem man arbeiten kann. Selbst wenn es sich so anfühlt, als würde sich der Song von selbst schreiben, gehe ich trotzdem noch einmal zurück, bringe alles in Einklang und stelle sicher, dass die Geschichte klar rüberkommt, dass der Text stimmt und dass es sich richtig anfühlt. In dieser Hinsicht ist es ein Handwerk und eine Fähigkeit.
Ich glaube aber auch, dass es viel Intuition, viel Bauchgefühl braucht und dass man sich selbst vertrauen muss. Man muss darauf vertrauen, dass die eigenen Ideen tragfähig sind und sich entfalten können. Ich denke, Kreativität besteht zum großen Teil darin, sich diese Ideen zuzugestehen und daran zu glauben, dass sie wertvoll sind. Das ist etwas, das man üben kann und sollte. Ich bin überzeugt, dass alle Menschen auf die eine oder andere Weise kreativ sein können, aber manchmal verlangt es nach mehr Übung.
GL.de: Es mag vielleicht eine naive Frage sein, aber wie schaffst du es, in deinen Songtexten so frei, offen und persönlich zu sein?
Melanie Baker: Es geht vor allem um Mut und Selbstvertrauen. Ich weiß nicht, woher mein Selbstvertrauen kommt, wenn es darum geht, meine Musik zu teilen oder das Gefühl zu haben, dass sie es wert ist, geteilt zu werden. Aber ich glaube, es gibt einfach einen Teil von mir, der weiß, dass es wichtig ist, Kunst zu teilen, und ich weiß, wie prägend Musik, die Musik anderer Leute, bestimmte Alben oder Bücher oder Filme, in meinem Leben gewesen sind.
Ein Teil von mir fragt sich ganz ernsthaft: Woher soll ich wissen, ob nicht vielleicht einer meiner Songs genau diesen Einfluss auf das Leben eines anderen Menschen haben kann? Ich habe das tiefgreifende Gefühl, dass es einfach unglaublich wichtig ist, dass Menschen ihre Arbeit mit anderen teilen, und ich finde es besonders wichtig, Arbeit zu teilen, vor der man Angst hat und bei der man sich verletzlich fühlt.
Die besten Werke sind genau die, vor deren Veröffentlichung man sich am meisten fürchtet, denn gerade diese Werke können eine große Wirkung entfalten, weil sie so persönlich sind. Auch wenn ich gar nicht weiß, wo dieser Glaube herkommt: Ich glaube fest daran, dass dieser Prozess des Teilens sehr wichtig für die Gesellschaft und die Entwicklung ist – in der Art, wie wir Geschichten erzählen, wie wir uns verändern und wie wir uns ineinander hineinversetzen können.
Es gibt oft Tage, Wochen oder Monate, in denen ich regelrecht von Selbstzweifeln gelähmt bin und denke, dass meine Musik vielleicht doch nicht diese Wirkung auf die Leute haben kann, dass sie vielleicht nicht gut genug ist, dass ich vielleicht nicht gut genug bin, dass ich vielleicht nicht cool genug oder talentiert genug bin. Ich hatte jede Menge solcher Selbstzweifel, und sie kommen immer noch mal auf, aber ich schaffe es inzwischen, sie zu überwinden – einfach durch diesen tiefen, festen Glauben, dass Musik mein ganzes Leben ist, wie ich am Anfang schon gesagt habe. Das ist alles, was ich weiß, und das ist wirklich alles, was ich zu bieten habe!
GL.de: Klanglich trägst du den Geist der Alternative Music der 90er und frühen 2000er in die Gegenwart. Was macht den Reiz an diesem Sound für dich aus?
Melanie Baker: Bei meinen Konzerten kamen Leute zu mir und sagten: „Die Musik hat einen echten 90er-Jahre-Rock-Vibe.“ Ich dachte damals: Cool, aber das war eigentlich nicht mein Ziel! Als ich dann mehr und mehr mit meiner Band spielte, sagten alle: „Vielleicht solltest du dich ein bisschen mehr mit dieser Art Musik beschäftigen, denn was du machst, klingt wirklich danach!“ Ein großer Fan von Nirvana war ich schon immer, aber ich habe dann angefangen, Bands wie Pavement zu hören, und das hat für mich total Sinn ergeben. Als ich Stephen Malkmus und Pavement gehört habe, ist meine ganze Welt plötzlich ein Stück heller geworden. Mir hat gefallen, wieviel Verspieltheit in der Musik steckte, und das hat mir dann wiederum geholfen, etwas davon in meine eigene Musik einfließen zu lassen.
Ich glaube auch, dass es eine Art Rebellion gegen die Richtung ist, in die sich die Musik und die Branche derzeit entwickeln. Ich glaube, viele Menschen sehnen sich nach dieser Nostalgie oder nach einer anderen Art, Dinge anzugehen, denn mittlerweile ist die Musikbranche einfach unglaublich schnelllebig. Alles dreht sich nur noch darum, ständig beschäftigt zu sein und so viele Songs wie möglich zu veröffentlichen. Viele Menschen vermissen die alten Zeiten, und diese Art von Ethos spielt sicher auch eine Rolle.
GL.de: Die gerade erwähnten Oldschool-Indie-Vibes machen „Cabin Fever“ zum vielleicht besten Song des Albums, aber warum ist das Lied mit unter einer Minute Spielzeit bloß so kurz?
Melanie Baker: Weißt du was? Das ist auch mein Lieblingsstück auf dem Album! Dabei war das reiner Zufall! Wir waren eines Tages im Proberaum und hatten gerade „Why Would I Want To Be Just Like You?“ fertiggespielt, als mein Schlagzeuger aus irgendeinem Grund anfing, einzuzählen: 1, 2, 1, 2, 3, 4, und wir sind einfach in dieser verrückten Jam-Session gelandet, aus der dann der Song „Cabin Fever“ entstanden ist!
GL.de: Ein weiterer Song, der sofort heraussticht, ist „Bye Bye, Loser Blues“, der als zurückgenommene Akustiknummer daherkommt. War dir schon beim Schreiben klar, dass er ganz anders klingen sollte, oder hätte daraus auch eine Nummer wie „Slugs“ werden können, die sich gegen Ende richtig aufbäumt?
Melanie Baker: Eine Zeit lang habe ich sogar darüber nachgedacht, das Lied vom Album zu nehmen! Ich war mir nicht sicher, ob es wirklich passt. Aber dann dachte ich mir: Das ist eine Ode an mich und meine Wurzeln in der Folk-Szene, denn das war gewissermaßen meine Einführung in die Welt der Live-Musik.
Als mir dann ein paar Leute aus der Branche vorschlugen, den Song vom Album zu nehmen, hat das dazu geführt, dass ich ihn aus Trotz erst recht auf dem Album haben wollte! Man sagte mir: „Das Lied passt klanglich nicht wirklich zu der Welt, die du aufbaust, und zu diesem Genre, in dem du dich bewegen willst“, aber die rebellische Seite von mir sagte: „Der Song bleibt, denn das Album ist eine Verlängerung meines Ichs und das Lied ist ein Teil von dem, was ich bin!“
Ich hatte nie den Gedanken, daraus einen großen, lauten Rocksong zu machen, weil ich einfach diesen wirklich reduzierten, ruhigen Moment auf dem Album haben wollte, als Anspielung auf die Musik, die ich gemacht habe, als ich noch eine Teenagerin war. Mir gefällt, dass es so eine echte dynamische Verschiebung gibt, die aus dem Nichts kommt, und deshalb ist das Lied auf dem Album geblieben.
GL.de: Zum Schluss: Welche Wünsche und Hoffnungen verbindest du mit „Somebody Help Me, I’m Being Spontanenous“?
Melanie Baker: Ich kann nur hoffen, dass die Platte anderen Menschen gefällt und dass sie zumindest im Leben eines anderen Menschen einen Platz findet, ihm etwas bedeutet oder ihm eine gewisse Freude bereitet. Das ist das Wichtigste, denn manchmal vergesse ich, dass die Leute meine Musik tatsächlich hören werden, sobald ich sie fertiggestellt habe. Ich mache sie einfach und versuche mir dann immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass ich sie teile, weil ich möchte, dass sie eine gewisse Wirkung erzielt. Deshalb hoffe ich, dass sich jemand in irgendeiner Weise damit identifizieren kann.
Außerdem lebe ich für Live-Auftritte! Ich liebe es, mit meiner Band auf der Bühne zu stehen, aber wir haben bisher noch nicht wirklich viel außerhalb unserer Stadt gespielt, obwohl wir schon mal durch Großbritannien getourt sind. Jetzt wollen wir einfach die Welt ein bisschen mehr erkunden, reisen, auf Festivals spielen und neue Leute kennenlernen. Wir wollen coole und verrückte Dinge erleben – das sind meine Hoffnungen, und ich hoffe, dass es keine uncoolen Hoffnungen sind!
„Somebody Help Me, I’m Being Spontanenous“ von Melanie Baker erscheint bei Tambourhinoceros/Cargo.




