„Lupo Città vereinen kompromisslos-minimalistischen Indierock der ersten Stunde mit punkiger Attitüde und einem Faible für krachigen Wohlklang Sonic Youth’scher Schule, scheuen aber auch nicht den Blick über den Tellerrand und sind in ihrem Tun stets darauf bedacht, dem Unerwarteten viel Raum zu geben.“
Das schrieben wir vor etwas mehr als zwei Jahren über das selbstbetitelte Debütalbum der Bostoner Band um Jenn Gori und Sarah Black (beide ehemals Bleeding Hickey) und Chris Brokaw (Codeine, Come), und weil es richtigerweise heißt „If it ain’t broke, don’t fix it“, atmet auch das nach dem italienischen Wort für Winter „Inverno“ betitelte zweite Album den gleichen Geist, ohne nur ein Abziehbild des Erstlings zu sein.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich die Band-interne Dynamik seit dem letzten Album spürbar gewandelt hat. War das Debüt noch in erster Linie eine Gori-und-Black-Platte mit Brokaw als überqualifiziertem Juniorpartner, sind nun seine Handschrift und sein unverkennbares Songwriting-Gespür bei praktisch jedem dieser zehn Songs vom ersten Ton an spürbar.
Nicht nur, dass Gori, die auf der ersten LP den Löwenanteil der Lieder (allein) gesungen hatte, sich das Mikrofon nun bei fast allen Liedern mit Brokaw teilt – auch als Songwriter ist er deutlich präsenter. „Dies ist die einzige meiner Bands, mit der ich einmal pro Woche probe, und wenn ich zum Proben kam, fragte Jenn immer: ‚Hast du was?‘, also fing ich an, mehr Songs mitzubringen.“
Vielleicht auch deshalb klingen Lupo Città auf „Inverno“ wie eine Band, die sich und ihren Sound gefunden hat. Zwar war auch schon die erste LP durchaus eklektisch, doch nun erscheint die Bandbreite, die von herrlichen wüsten Zwei-Minuten-(Post-)Punk-Nummern wie „Can’t See“ oder „Nap At Dawn“ bis zu lupenrein melancholischen Balladen wie „Satisfy“ oder „Something Else“ reicht, deutlich überlegter. Dass „Something Else“ ursprünglich ein Rock-Song war und dann als langsame Nummer wiedergeboren wurde, scheint diese These nur zu unterstreichen.
Apropos „wiedergeboren“: Der überraschendste und vielleicht auch beste Song des Albums ist „Profile“, der letztes Jahr bereits auf Brokaws Album „Ghost Ship“ als vernebeltes Solostück mit betont sanftem Touch zu hören war und jetzt in den Händen von Lupo Città zu einer mitreißenden Uptempo-Nummer wird, die aus dem gleichen Keller gekrochen zu sein scheint, in dem Mission Of Burma 1981 geprobt haben.
Doch während der Sound bisweilen angenehm nostalgisch ist, ist „Inverno“ doch ein Werk des Hier und Jetzt, oder wie es in den Pressematerialien mit Blick auf die sich immer schneller drehende Welt und das politische und soziale Chaos, das derzeit in den USA herrscht, heißt: „‚Inverno‘ ist eine Momentaufnahme des Guten und des Schlechten, ein Versuch, wach und präsent zu bleiben, den Winterschlaf und die Verlockung des Stillstands der Zeit abzuwehren, damit wir die Welt erschaffen können, die wir uns wünschen, anstatt nur zu versuchen, in der Welt, in der wir leben, zu überleben.“
Wie das gelingen kann, ist derzeit noch offen, sicher dagegen ist, dass wir mit diesem feinen Lupo-Città-Album schon mal einen erstklassigen Soundtrack für den Neuanfang hätten.
„Inverno“ von Lupo Città erscheint auf 12XU.




