Nachdem die irische Wahlberlinerin Wallis Bird mit ihrem letzten Studio-Album „Hands“ von 2022 nochmal in die elektronische Trickkiste griff und dabei munter mit Club- und E-Pop-Sounds experimentierte oder mit dem feministischen Kollaborationsprojekt „Visions Of Venus“, das sie zusammen mit dem klassischen Ensemble Sparks 2024 auflegte, experimentelles Neuland betrat, tritt die Künstlerin mit dem neuen Werk „I Can See Your House From Here“ einen Schritt zurück. Damit ist nicht die musikalische Entwicklung oder ihre Kreativität gemeint, sondern ein Wechsel der Perspektive. Offensichtlich emotional berührt vom Tod eines engen Freundes, schuf Wallis Bird nämlich ein Album, in dem sie sich mit den Themen Vergänglichkeit und Tod bzw. persönliche und kollektive Trauer auseinandersetzt.
Anstatt aber dem besagten Freund einfach einen musikalischen Nachruf hinterherzuschicken, beschäftigt sie sich auf intelligente Weise mit ihrer Trauerarbeit und den damit einhergehenden Gefühlen – und zwar in Form von Botschaften an den betreffenden Verstorbenen. Ohne das emotional gewichten zu wollen, beschreibt sie in ihren Songs, wie sie mit diesen Gefühlen umgeht und wie sie diese verarbeitet. Musik – das wird hier wieder mal deutlich – ist so ziemlich das Einzige, was einem als Betroffenem in Situationen von Trauer und Verlust helfen kann. Dabei geht es nicht darum. Über Situationen wie jene, die Wallis beschreibt, hinwegzukommen (das kann auch die Musik nicht leisten), sondern darum, diese überhaupt verarbeiten zu können. Diesen Eindruck von Musik als Trauerbegleiter versteht Wallis Bird mit diesem Album meisterlich zu vermitteln.
Um dieses Vorhaben glaubwürdig und emotional tragbar umsetzen zu können, setzte sich Wallis Bird erstmals als Produzentin hinter das Mischpult – verzichtete aber vor allen Dingen auf die musikalischen Elemente, mit denen sie ihre Musik (beginnend mit dem Album „Architect“ von 2014) allmählich an die Moderne herangeführt hatte, und legte die Songs in jenem Stil an, den sie zu Beginn ihrer Laufbahn ursprünglich auf eine eher folkige Art implementierte. Eine klassische Folk-Scheibe ist dabei aber dennoch nicht herausgekommen. Es ist nur so, dass Wallis die zuweilen recht ausführliche Narrative ihrer Songs besser in organisch/akustisch orientierte Arrangements einbetten konnte, als in Electronics und groovige Beats. Das menschliche Element ist ihr dabei wichtiger als die produktionstechnische Provenienz oder die technischen Aspekte.
Das passiert etwa in Form von hymnischen Chören, die bereits im fast siebenminütigen Schlüsseltrack „And So Turns The Wheel“ den Tenor vorgeben und dann – mal schwelgerisch, mal gospelartig, mal lautmalerisch (und im Falle des Tracks „Hold Tight“ sogar folkloristisch) – das eroberte Terrain auch nicht wieder hergeben. Und bei einigen Tracks – beispielsweise „Let Me Buy You Flowers“ oder „I’m Your Witness“ – kommt dann noch mal die orchestrale Grandezza hinzu, mit der Wallis insbesondere auf der Bühne ihr Material aufmotzte – inklusive Bläsern, Streichern und allem Pipapo. Elektronik gibt es nur noch als Zitat – und zwar bei dem sehr zurückhaltend arrangierten Schlusstrack „The Good Of The People“.
In diesem Zusammenhang muss noch hinzugefügt werden, dass „folky“ bei diesem Projekt keinesfalls „zurückhaltend“ bedeutet, denn Wallis nutzt das organische Setting lediglich dazu, den Blick (oder das Ohr) auf die Lyrics zu lenken – und das teilweise sehr lebhaft und ohne auf die musikalische Tränendrüse zu drücken (das Thema ist ja eh schon ernst genug – da brauchte das offensichtlich nicht auch noch musikalisch verstärkt werden). Dass sich Wallis Bird hier gesanglich zuweilen sehr intensiv und emotional zeigt, liegt auf der Hand – kommt jedoch eher an unerwarteten Stellen zum Tragen. Bei Wallis Bird von einem „typischen“ Album zu sprechen, griffe aufgrund ihrer musikalischen Unberechenbarkeit ja sowieso zu kurz, deswegen könnte man „I Can See Your House From Here“ vielleicht am ehesten als „klassisches“ Bird-Album charakterisieren.
„I Can See Your House From Here“ von Wallis Bird erscheint auf Bród Records.



