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Wie zu Hause
Selbst eine Hitzewelle mit Temperaturen jenseits der 30 Grad, das parallel laufende Hurricane-Festival und ein zeitgleich stattfindendes Deutschland-Spiel bei der Fußball-WM können sie nicht aufhalten: Im Berliner Columbia-Theater unterstreicht die ursprünglich aus Baltimore stammende Lindsey Jordan, besser bekannt unter ihrem Projektnamen Snail Mail, bei ihrem einzigen Deutschland-Gastspiel eindrucksvoll, dass in Sachen Indierock zwischen Nostalgie und Zeitgeist kein Weg an ihr vorbeiführt. Mit ihrem ambitionierten, im März an dieser Stelle zur Platte der Woche gekürten Album „Ricochet“ im Gepäck zeigt sich die inzwischen 27-jährige Amerikanerin als Künstlerin, die musikalisch wie persönlich merklich gewachsen ist.
Als Support steht zunächst einmal Christine Señorin alias Unflirt solo – Stimme, Akustikgitarre, Band vom Laptop – auf der Bühne. Die in London heimische Musikerin war vor einigen Jahren gleich mehrfach im Vorprogramm ihrer Freundin Beabadoobee in Deutschland zu Gast, doch das Ambiente hätte nicht anders sein können. Statt kreischender Teenie-Mädels steht ihr dieses Mal ein Publikum gegenüber, das mindestens so gerne zuhören wie herumhüpfen will.
In ihrer Musik verschmilzt die ätherische Intimität des Bedroom-Pop mit melancholischen, atmosphärischen Shoegaze-Gitarren und mit seidenweichem, verträumtem Gesang, luftigen Lo-fi-Klanglandschaften und zutiefst ehrlichen, emotionalen Texten. Bisweilen klingt sie dabei wie eine von Zeitgeist und Mainstream-Ambitionen weichgezeichnete Version von The Sundays, wenngleich die backing tracks aus der Konserve manchmal etwas zu sehr dahinplätschern.
Dennoch ist ihr kurzes 30-Minuten-Set, das neben ihren meistgestreamten Songs wie „Someday“ und „Crush“ mit „New York“ sogar eine verheißungsvolle unveröffentlichte Nummer enthält, auch ohne ganz große Höhepunkte ein prima Einstieg in diesen Konzertabend.
Fünf Jahre lang war es still um Lindsey Jordan alias Snail Mail, doch ihr vor wenigen Monaten veröffentlichtes drittes Album „Ricochet“ gleicht einer triumphalen Rückkehr, bei der sie ihr Publikum auf eine emotionale Berg- und Talfahrt zwischen Katastrophen und Katharsis mitnimmt. Das hinterlässt auch live Spuren. In Berlin erlebt das Publikum kein makelloses, steriles Pop-Konzert, sondern eine bisweilen beeindruckend rohe Demonstration von musikalischer Reife und unbändiger Gitarren-Power.
Auch zwischen den Songs zeigt sich Jordan bestens gelaunt. Obwohl auf ihrer Setlist eigentlich nur vier Stellen markiert sind, an denen sie sich ans Publikum wenden soll, kommt sie an diesem Abend gefühlt fast nach jedem zweiten Song richtig ins Plaudern.
So drückt sie lachend ihre Freude über den Besuch in der deutschen Hauptstadt aus, weil „Berlin so etwas ist wie die europäische Version von Baltimore“ und sie sich hier deshalb wie zu Hause fühlt oder verrät, dass sie in der Highschool Deutsch-Kurse hatte, aber leider inzwischen bis auf „Gute Nacht“ und „Auf Wiedersehen“ alles wieder vergessen hat. Sie gesteht sogar, dass eine deutsche Freundin ihr davon abgeraten hätte, ihre Deutschkenntnisse am Publikum auszuprobieren – es sei einfach zu hoffnungslos…
Musikalisch eröffnen Jordan und ihre vier Mitstreiterinnen und Mitstreiter mit der leuchtenden Indie-Hymne „Tractor Beam“. Vom ersten Moment an wird dabei deutlich, dass sich Snail Mails Sound im Jahr 2026 spürbar verändert hat. Wo früher jugendlicher Herzschmerz regierte, stehen heute existenzielle Fragen über Sterblichkeit und das Älterwerden im Raum. Auch live rücken mit „Cruise“ oder „Light On Our Feet“ immer wieder Songs in den Fokus, die auch klanglich den nicht selten nachdenklich gestimmten Texten Rechnung tragen.
Weil dank der leider im hinteren Bühnendrittel versteckten Multiinstrumentalistin Isadora Knutsen live die auf der Platte so prägenden Streicher nicht fehlen, entfaltet der Song auch auf der Bühne cineastische Weite und lässt darüber vergessen, dass Jordan live gesanglich nicht ganz an die Makellosigkeit der LP-Version herankommt. Positiv ausgedrückt blendet sie so die vage Vorstellung von Perfektion aus, der heute so viele Acts nachjagen, und rückt die ungefilterte Verletzlichkeit, für die Snail Mail seit ihrem LP-Erstling „Lush“ vor acht Jahren gefeiert werden, in den Mittelpunkt.
Manchmal hat sie aber auch einfach sichtbar Freude daran, ihr Publikum bei alten Favoriten wie „Valentine“ oder – passend zum Wetter draußen – „Heat Wave“ mit altmodischer Indie-Rock-Urgewalt regelrecht zu überfahren. Dagegen steuert sie bei „Hell“ mit rasiermesserscharfen Riffs und einem gewaltigen Feedback-Gewitter einer kathartischen Eskalation entgegen, bis einige im Publikum kaum wissen, ob sie nun begeistert mitsingen oder bestürzt in Tränen ausbrechen sollen. Den Titeltrack ihrer neuen LP „Ricochet“, zelebriert Jordan ganz am Ende mit ihrer Cellistin zu zweit und beschwört dabei den Geist von Nirvanas „MTV Unplugged“.
Den grüblerischen Zwischentönen zum Trotz ist dennoch unüberhörbar, dass Snail Mail im Jahr 2026 erwachsener, lauter und mutiger als je zuvor sind. Denn während Jordan zu Beginn ihrer Karriere durchaus gerne mal in Selbstmitleid badete, verwandelt sie nun all die Frustration und die Selbstzweifel inzwischen in pure, krachende Energie – und das macht den Menschen vor der Bühne im Columbia Theater mindestens so viel Spaß wie ihr.






















