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Das Feuer brennt noch
Zwei Rocklegenden im Doppelpack präsentiert das Emsland-Open Air im in die Jahre gekommenen Fußballstadion des SV Meppen. Auch wenn dessen Spiele für einen Viertligisten gut besucht sind, füllt sich die Hänsch-Arena schon lange nicht mehr. Dies gilt auch für das Konzert von Deep Purple mit Manfred Mann’s Earth Band als Support. In den letzten Tagen vor der Veranstaltung bot man noch Last-Minute-Karten zum Sonderpreis an, 5.000 Fans finden sich immerhin ein. Die Earth Band zündet ein einstündiges Hit-Feuerwerk. Deep Purple entnehmen anschließend gut die Hälfte ihrer Setlist aus den bahnbrechenden Alben „Machine Head“ und „Deep Purple In Rock“. Die sechs Stücke aus ihren letzten beiden Alben zeigen allerdings, dass die Band sich nicht auf den Klassikern aus den 1970ern ausruht, sondern Spaß daran hat, neues Material zu integrieren.
Das Schicksal einer Vorgruppe, die sonst eher als Headliner auftritt, ist, der Publikumserwartung gerecht zu werden. Den Anspruch erfüllt Manfred Mann’s Earth Band, wenn sie die unschlagbare Triade aus dem Erfolgsalbum „Watch“ vorträgt: „Martha’s Madman“, „Davy’s On The Road Again“ und „Mighty Quinn“ als Zugabe. Mit dem Bob Dylan-Cover hatte Manfred Mann bereits 1968 einen Pophit, die Neubearbeitung der Earth Band charakterisiert deren Stil mit ausufernden Orgel-, Synthesizer- und Keyboard-Exkursionen, Breaks und Restarts, Gitarrensoli und vor allem mitsingtauglichen Passagen: „Come all without, come all within / You’ll not see nothing like the Mighty Quinn“. Das funktioniert natürlich auch in Meppen.
Chris Thompson, Sänger während der Blütezeit der Earth Band, bleibt im Grunde unersetzbar, wenngleich Robert Hart seine Sache gut macht. Seine Stimmlage geht mehr in Richtung Paul Rodgers, den er mal bei Bad Company ersetzte. Mann hat sich weitgehend in seiner Tasten-Wagenburg verschanzt, verlässt diese jedoch zu Springsteens „Blinded By The Light“, um seinen gesanglichen Part zum Kanon-Teil beizutragen. The same procedure as every year, Manfred! Mick Rodgers, Mitgründer der Earth Band, ist ein wunderbarer Gitarrist. Dylans „Father Of Day, Father Of Night“ singt Rodgers wie auf Platte selbst. Beim ebenfalls aus Springsteens Feder stammenden „For You“ lösen die Fans Hart beim Refrain ab. Das Line-Up komplettieren der alte Weggefährte John Lingwood am Schlagzeug und Steve Kinch am Bass. Kam der 85-jährige Mann früher gelegentlich mit umgeschnalltem Keyboard an die Rampe, so übernimmt dies nun ein weiterer Mitstreiter.
Manfred Mann’s Earth Band hat 1982 mit „Somewhere In Africa“ ihr letztes großartiges Album veröffentlicht. Noch vor Paul Simons „Graceland“ bezog der gebürtige Südafrikaner Musik seines Heimatlandes ein und war damit ein World Music-Vorreiter. Seit über 20 Jahren gab es keine neue Platte mehr, als Live-Act ist die Band jedoch nach wie vor äußerst präsent. Und ihren Stellenwert in der Rockgeschichte hat sie allemal sicher.
Wie auch Deep Purple. Der Opener „Highway Star“ brettert hochtourig in die Arena, ebenso „A Bit On The Side“, „Hard Lovin‘ Man“ und „Into The Fire“ in vergleichsweise kompakten Versionen. Schade, dass Ian Gillans Vocals zunächst zu sehr in den Hintergrund gemischt sind. Als die Band in der Ballade „When A Blind Man Cries“ zurückhaltender agiert, offenbart sich, wie sehr Gillans Gesang überzeugt. Der 80-Jährige weiß, was geht, meidet seit Ewigkeiten „Child Of Time“ mit den hohen Kreisch-Attacken. Und wenn erst Simon McBride und dann Don Airey ihre ausgedehnten Solo-Auftritte zelebrieren, gibt es Zeit für Ruhepausen. McBride hat vor vier Jahren den technisch versierten Steve Morse an der Gitarre abgelöst. Das ist der Band gut bekommen, spielt er seine integrierten Parts deutlich knackiger und songdienlicher. Man merkt das Vertrauen, das die alten Recken dem 47-jährigen „Jungspund“ entgegenbringen. Ob Splitterakkorde, Wah-Wah-Effekte, fantasievolle Griffbrettfahrten oder die Dialoge mit Aireys Hammond-Orgel – alles klingt frisch und auf den Punkt gespielt. Roger Glovers unaufgeregtes Bass-Spiel und Ian Paice‘ Schlagzeug sind der Herzschlag. Paice‘ Klasse zeigt sich bei seinem Timing, wenn er das Wechselspiel zwischen Gitarre und Orgel begleitet. Aireys Showcase zitiert wie gewohnt die Klassik, scheut aber auch Volkstümliches nicht. „Mein Hut, der hat drei Ecken“ grölt eine Fangruppe bierselig mit. Ein Butler reicht Airey zwischendurch ein Glas Rotwein.
Mit „Arrogant Boy“ und „Diablo“ gibt es zwei Kostproben von dem Anfang Juli erscheinenden Album „Splat!“. Letzteres beginnt mit einem Bass/Drums-Intro, Gillan greift zur Mundharmonika, dann ein einprägsames Gitarrenriff mit passenden Orgelfiguren, Roger Glovers Bass pulsiert. Man darf auf die neue Platte gespannt sein. Das gesanglose „Guinnessis“ gibt es nur in einer speziellen Vinyl-Box und klingt wie ein Best of instrumental Deep Purple. „Lazy Sod“ vom 2024er-Album „=1“ erzählt, wie Gillan sein Haus versehentlich in Brand setzte. In den Siebzigern hätte der Song das Potenzial zum Hit. Fan-Hits sind natürlich „Space Truckin‘“ und – ohne geht’s nicht – „Smoke On The Water“. Diesmal kein langes Intro, aus dem sich Ritchie Blackmores Riff für die Ewigkeit schält. McBride tritt kurz nach vorn, legt die Hand ans Ohr, fordert Vorab-Ovationen ein und geht gleich in medias res. Beim Refrain singen alle mit. „I can’t hear you“, ruft Gillan und das Publikum legt nach. Auf der Videowand sind Spielkarten, Flammen und Recording-Machines zu sehen. Sie erinnern an die Geschichte hinter dem Song, als bei einem Frank Zappa-Konzert in Montreux das Casino in Brand geriet und das Feuer auf das im Gebäude beheimatete Tonstudio übergriff, in dem Deep Purple „Machine Head“ aufnahmen. Aus ihrem Hotel sahen Deep Purple den Rauch über dem Genfer See aufsteigen.
Über vorproduzierte Videos werden oft Live-Bilder der Musiker gelegt. Das klappt mit der Kamera vom Mischpult prima, nicht aber mit den auf dem Boden montierten schwenkbaren Kameras. Bei Glovers Bässen und Ian Paice‘ Bassdrum vibrieren die Bühnenbretter dermaßen, dass die Sequenzen arg wackelig geraten. Nicht betroffen sind die Go-Go-Girls, die in einer kunterbunten Animation zum Joe South-Cover „Hush“ tanzen, während das „Naa Na Na Naa“ aus allen Kehlen erschallt. Zum Schluss der Crowdpleaser „Black Night“, dessen Riff die Zuschauer sofort mitsingen. Über 90 Konzerte geben Deep Purple in diesem Jahr. „Mad In Europe“ heißt die Etappe auf unserem Kontinent. Der Titel spielt wohl auf die Live-Alben „Made In Japan“ und „Made in Europe“ an, denn verrückt kommen Deep Purple sicher nicht rüber. Das Feuer jedoch lodert nicht nur auf der Videowand, sondern nach wie vor in den Musikern auf der Bühne.





































