Wie schon ihr letztes Album „Weather Alive“ von 2022 hat die britische Musikerin Beth Orton auch ihr aktuelles Werk „The Ground Above“ wieder selbst produziert. Das ist insofern nicht erstaunlich, als dass sich dieses Projekt anders wohl kaum hätte realisieren lassen, denn Beth entwickelte dieses Werk über einen Zeitraum von einem ganzen Jahr, indem sie das Material in einem metikulösen Prozess in Zusammenarbeit mit den beteiligten Musikern live im Studio erarbeitete. Das erklärt dann auch gleich den epischen Charakter der lediglich acht neuen Songs, die allesamt ungefähr zwischen fünf und neun Minuten dauern und dezidiert als LP-Projekt mit zwei atmosphärisch unterschiedlich ausgerichteten „Seiten“ ausgerichtet sind.
Auch bei diesem Projekt wird deutlich, dass sich Beth Orton nicht als klassische Solo-Künstlerin sieht, sondern ihr Heil darin sucht, mit sich gegenseitig befruchtenden Musikern zu einem organischen, kollaborativen Ergebnis zu finden. Waren es zuvor so unterschiedliche Charaktere wie William Orbit, Terry Callier, Sam Amidon, Jim O’Rourke, Ben Watt, Bert Jansch oder Dustin O’Halloran, mit denen sich Beth Orton zusammengetan hatte, so sind es dieses Mal Shazad Ismaily, Nick Hakim, Sam Beste (Vernon Springs) und besonders Trompeter Christos Styliande, die – jeweils unterstützt von verschiedenen Drummern und Bassisten – die entscheidenden musikalischen Akzente setzen.
Wie schon zu erahnen, konnte es dabei nicht darum gehen, einen bestimmten Bandsound zu definieren, sondern für die jeweiligen Songs atmosphärisch passende Settings zu finden. Die jeweiligen Songs entwickeln sich dabei entlang bestimmter emotionaler Lifelines langsam aus einer Grundstimmung heraus und bauen sich langsam auf – wobei zu Beginn oft ein kontemplativer Einstieg steht, der sich über eine sich langsam entfaltende Klangwelt zum Ende hin dann als ekstatischer Höhepunkt über wilde Jam-Partien manifestiert. Der epochale Opener „The Ground Above“ oder der letzte Track der ersten Seite – „Waiting“ – sind Beispiele für diese Herangehensweise.
Die „Seite 2“ ist dann von einem weniger aufrührerischen Geist getragen. Die Songs kommen musikalisch entspannter daher, folgen einem entspannten Flow und enden nicht in der Extase, sondern der versöhnlichen Auflösung. Hier sind dann auch Melodien und Strukturen wichtiger als transzendente Verspieltheit. Es wird dann auch mehr mit Formaten gespielt: „Celestial Light“ ist eine ambientmäßig aufgebohrte Kontemplation. „I’ll Miss You“ kommt als folkiger Soul-Track daher, „Love You Right“ ginge glatt als Tom Waits-Hommage durch und „Otherside“ hätten auch die Beatles nicht schöner hinbekommen können (doch doch: Da gibt es ein „Lady Madonna Piano“, „All You Need Is Love Bombast“ „Hey Jude Chor-Referenzen“ und „I Am The Walrus Cellos“).
Unter dem Strich wäre zu sagen, dass Beth Orton hier zwar kein grundsätzliches musikalisches Neuland betritt (was ja kein Wunder nimmt, da sie ja alles schon mal gemacht hat), aber dezidiert auf die früher oft dominierenden elektronischen Elemente verzichtet und stattdessen ganz auf ein warmes, organisches Old-School-Setting setzt. Was dieses Projekt dann allerdings in besonderer Weise auszeichnet, ist der ungemein brüchige, verletzliche, ursprüngliche und fast schon archaische Gesang Beths, den sie zudem einsetzt, um ihre Emotionen ungefiltert und mit großer Intensität zu vermitteln. Wen vielleicht die coole, aber oft auch ein wenig distanzierte Art gestört haben mag, mit der Beth Orton (gerade in den frühen 2000ern) alle Aspekte ihres gesanglichen Tuns zu kontrollieren suchte, der wird in der ursprünglichen, viszeralen gesanglichen Präsentation dieses Albums gewiss eine Art Offenbarung sehen.
„The Ground Above“ von Beth Orton erscheint auf Partisan Records.




