Die postum nach Bob Marleys frühem Tod veröffentliche Best of-Platte „Legend“ wurde mit 26 Millionen Verkäufen zum erfolgreichsten Reggae-Album und zu einem der meistverkauften Tonträger. Gerade erst aus den Kinos ist das Marley-Biopic „One Love“. Das Interesse an dem Reggae-Superstar ist ungebrochen. Da kommt mit „Roots, Rock, Reggae / Live At The Hammersmith Odeon“ eine frisch remasterte Ausgrabung aus den Archiven des Island-Labels gerade recht. Ein kurzer musikhistorischer Rückblick sei zunächst gewährt.
Ende 1972 standen Bob Marley, Bunny Wailer und Peter Tosh im Londoner Büro von Chris Blackwell, dem aus Jamaika stammenden Island-Chef. Die drei wollten endlich Geld verdienen – und wenn es nur für den Rückflug nach Kingston reichen würde. Sie traten nicht wie Bittsteller auf, „strahlten Kraft und Selbstbeherrschung aus“, schreibt Blackwell in seiner 2022 veröffentlichten Biografie „The Islander“, die in diesem Jahr unter dem dämlichen Titel „Als die Boxen in den Bäumen hingen“ auf Deutsch erschien. Marleys Charisma und die Nonchalance seiner Mitstreiter überzeugten Blackwell. Mit einem Vorschuss ausgestattet, nahmen sie in Jamaika Songs auf und schickten sie nach London. Dort packte Blackwell weitere Gitarren und Keyboards drauf, um den noch ungewohnten Sound an Hörgewohnheiten anzupassen. „Catch A Fire“ und der Nachfolger „Burnin‘“ hinterließen in den Charts noch keine tiefen Spuren. Erst Eric Claptons Version des Wailers-Songs „I Shot The Sheriff“ (Nr. 1 in den USA, Nr. 9 im UK) sorgte dafür, dass das nächste Album „Natty Dread“ mehr Aufmerksamkeit erhielt. Tosh und Bunny Wailer hatten die Band inzwischen verlassen, die I-Threes mit Marleys Frau Rita, Judy Mowatt und Marcia Griffith waren als Background-Sängerinnen dazugestoßen. Das „Live!“-Album von 1975 fing den neuen Sound bereits ein, die ausgekoppelte Live-Aufnahme von „No Woman, No Cry“ wird der erste Single-Hit. Jetzt kennt alle Welt Bob Marley & The Wailers.
Mit den Stücken des neuen Studioalbums „Rastaman Vibration“ gehen sie erneut auf Tour. „Roots, Rock, Reggae“ vereint die besten Darbietungen aus vier Konzerten vom 15. bis 18. Juni 1976. „Live!“ beschränkte sich auf zunächst sieben und in einer Neuauflage acht Songs. Mit doppelt so vielen Stücken erhält die Wiederentdeckung eine enorme Aufwertung, auch wenn abgesehen von dem Bonustrack alle Songs in veränderten Fassungen hier erneut vertreten sind. Die halbstündige Zugabe inkludiert eine zwölfminütige Zelebration von „Get Up, Stand Up“. Eine heilige Messe, ein Appell, sich nicht darauf zu verlassen, dass Gott alles regelt, sondern selbst für seine Rechte zu kämpfen – in der Tradition der religiös geprägten Rastafari-Bewegung gegen Sklaverei und Rassismus. In Äthiopien hatte sich 1930 Prinz Ras Tafari, der sich als direkter Nachkomme König Salomons bezeichnete und als „Auserwählter Gottes“ verehrt wurde, den Namen Haile Selassie gegeben. Der Aktivist Marcus Garvey betonte stets, dass die Schwarzen außerhalb Afrikas in Verbannung und „Babylonischer Gefangenschaft“ lebten, was die Rastas mit Sklaverei, Unterdrückung und Rassismus gleichsetzten. So heißt das Live-Album von 1978 „Babylon By Bus“. Es wird mit „Stir It Up“, „Exodus“, „Jamming“ und „Is This Love“ noch mehr Popappeal ausstrahlen.
„Roots, Rock, Reggae“ präsentiert Marley aber bereits in allerbester Form. Aston Barretts Bass pulsiert mit unfassbarem Groove, sein Bruder Carlton sorgt für den charakteristischen Reggae-Beat mit der Bass-Drum und der Snare auf der Drei sowie den Rim-Clicks. Dazu Alvin Pettersons Percussion und der typische Off-Beat. Trotz zweier Gitarristen und zweier Keyboarder sowie Marley an der Rhythmusgitarre wirkt nichts überladen, fließt der Soundstrom entspannt dahin. Durchgehend „Positive Vibration“; wer dabei war, wird 90 Minuten durchgetanzt haben.
„War“ und „No More Trouble“ greifen ineinander. Wie können sich Menschen über andere erheben und Kriege führen, empört sich Marley und schickt die Summer of Love-Botschaft „Make love, not war!“ hinterher. Mit „Trenchtown Rock“, „Burnin‘ And Lootin‘“, „Them Belly Full (But We Hungry)“ und natürlich „I Shot The Sheriff“ sowie „No Woman, No Cry“ findet sich hier Erwartbares, während „Crazy Baldhead“ erstmals auf der Setlist auftauchte und „Bend Down Low“ nur an einem Abend der Konzertreihe gespielt wurde. Der federnde Groove bei „Rebel Music“ und „Roots, Rock, Reggae“ sowie die XXL-Version von „Lively Up Yourself“ mit allerlei Improvisationen stehen exemplarisch für Marleys Kunst, bewegende Themen wie Hunger, soziale Missstände oder Rassismus mit einer Musik zu verbinden, die gute Laune erzeugt und zum Bewegen animiert. Mit dem Gesang der I-Threes werden die Konzerte zu Gospel-Gottesdiensten, zur Selbstermächtigung und zur Heilung durch Tanz: „Forget your troubles and dance!“ Und ganz sicher wehten Marihuana-Schwaden durch das Hammersmith Odeon – Dr. Marleys Rezept, um Geist und Seele zu öffnen.
„Roots, Rock, Reggae / Live At The Hammersmith Odeon“ von Bob Marley & The Wailers erscheint auf Tuff Gong/Island/Universal Music.




