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Als Joseph Arthur Mitte der 90er Jahre von seinem Mentor Peter Gabriel unter seine Fittiche genommen wurde, war die Musikwelt ja zweifelsohne noch eine andere. Dennoch hat Joseph einen Ratschlag Gabriels, den Gabriel ihm gleich zu Beginn seiner Laufbahn gab, bis heute beherzigt: Wenn du als Musiker leben und arbeiten möchtest, dann darfst du nicht auf den schnellen Erfolg aus sein, sondern musst mit Beharrlichkeit dein Ziel verfolgen und darfst dich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Das sind dann auch die Grundsätze, nach denen Arthur bis heute arbeitet. Und das ermöglichte ihm dann auch schließlich, eine schwierige persönliche Phase zu überwinden (über die er nicht gerne sprechen möchte) und nach einer längeren kreativen Auszeit nun mit einem monumentalen Projekt zurückzukehren, das sich noch immer in der Entwicklungsphase befindet, an deren Ende aber dann auch eine drei LPs umfassende Songsammlung steht, mit der sich Joseph Arthur mit dem Thema „Glauben“ auseinandersetzt.
Der Titel des Projekts lautet „You’re Not A Ghost Anymore“ und besteht aus drei separaten Teilen namens „Faith“, „Heart“ und „Fight“, die Arthur in einem komplexen Verfahren der Öffentlichkeit präsentiert. Die Songs wurden zunächst als Vinyl-Alben eingeloggt. Dann wurde das Album „Faith“ digital veröffentlicht, gefolgt von dem Anschluss-Album „Heart“. Der letzte Teil namens „Fight“ ist noch in Arbeit – und wird dann am Ende des Veröffentlichungszyklus revidierte Fassungen der Songs enthalten, die auf Vinyl bereits enthalten sind. Mal frech gefragt: Was soll denn das Ganze und warum hat das Projekt diese eigenartigen Dimensionen angenommen?
„Das hat mit der langen Entstehungsgeschichte des Projekts zu tun. Ich war irgendwann an dem Punkt angekommen, an dem ich ungefähr 50 Songs zusammenhatte. Als es dann daran ging, das zu sortieren, habe ich lange Zeit versucht, eine einzelne LP zusammenzustellen – aber dann hätte ich zu viel High-Quality-Material übrig gehabt, von dem ich dann nicht gewusst hätte, was ich damit hätte machen sollen. Ich habe eine lange Historie von LP-Projekten, für die ich zu viele Songs geschrieben habe, von denen ich gedacht hätte, dass ich diese ja später veröffentlichen könnte – was aber nie passiert ist, weil ich dann immer wieder neue Sachen für neue LPs geschrieben hatte. Dann kam langsam die Idee von diesem Triple-Album auf – die zunächst mal ziemlich extrem klang. Aber die interessante Sache war dann die, dass sich die Sache richtig gut anfühlte. Es waren dann halt drei Alben, die wir in Arbeit hatten. Es ist auch ein Sinnbild dafür, an welchem Punkt in meiner Laufbahn ich mich befinde. Es ist dann auch eine schöne Art für mich, auf das Musik-Business zu reagieren.“
Wie hat sich denn die Sache mit den übergeordneten und untergeordneten Themen/Titeln ergeben?
„Die Sache kam so zustande, als ich mir überlegte, ein Album zum Thema ‚Glauben‘ und die Fragen dazu zu machen. Das ist für mich schon seit einiger Zeit ein dominierendes Thema. Es gab dann aber auch Songs, die typisch waren für das, was ich in der Vergangenheit gemacht habe, und die gar nicht so sehr spirituell orientiert waren. Ich habe ja immer eine spirituelle Note in meiner Arbeit – die ich aber manchmal nicht allzu sehr betone. Wir hatten uns dann überlegt, alle offensichtlich spirituellen Songs auf einer Scheibe zu versammeln – und dann hat sich der Rest ergeben. Auf ‚Faith‘ gibt es dann die Songs über Jesus und den Teufel oder so etwas – und andere Songs über Themen wie Liebe und Beziehungen – wie etwa ‚Simple Life‘, den ich für meine Tochter geschrieben habe, landeten dann auf dem Album ‚Heart‘ . Und dann gab es Songs wie ‚Cinders‘, in denen es mehr um Durchhalten und den damit verbundenen Kampf oder das Altern ging, die dann eben ihren Platz auf dem Album ‚Fight‘ fanden. Und natürlich überschneiden sich alle Alben dann auch ein wenig. “
Zusammengefasst ließe sich also sagen, dass Joseph Arthur mit „Faith“ zu seinem Glauben findet, sich auf „Heart“ emotional öffnet und auf „Fight“ für seinen Glauben und seine Überzeugungen einsteht?
„Ja, das ist ungefähr um dieses Versprechen herum angelegt. ‚Fight‘ ist dann insofern etwas weltlicher angelegt, als dass es da auch um Cancel Culture und wie die Welt Künstler behandelt geht. Ich würde sagen, dass es bei diesem Projekt dann darum geht, wiedergeboren zu werden, als Künstler zurückzukehren, nachdem man eine Zeit der Not überstanden hat. Jeder durchlebt ja Zeiten der Not und es bedarf eines gewissen Durchhaltevermögens, diese zu überwinden. Glaube, Herz und Kampf helfen da sicherlich. Einiges von dem Zeug rührt übrigens von der Covid-Zeit her. Da geht es nicht nur um meine Geschichte, denn jeder hat da ja irgendetwas erlebt. Ich hatte zu der Zeit ziemliche Probleme. Es gibt da also einige Referenzen – nicht aufdringlich, aber persönlich – während es im Allgemeinen um universelle Themen geht.“
Welche Themen sind das denn – außer dem übergeordneten Glaubens-Thema?
„Naja, das Leben halt. Das Leben ist ja immer herausfordernd. Und die besondere Herausforderung für mich ist, mich jeweils auf der Schwelle meiner Bestimmung zu halten. Es geht immer um die Bestimmung und die Leidenschaft – nicht nur in spiritueller, sondern auch in physischer Hinsicht. Weißt du, das Leben hat immer so einen Rocky-Aspekt. Damit meine ich die Filmfigur Rocky. In jedem steckt doch eigentlich so ein Rocky. Das Projekt ist also so etwas wie eine Heldenreise – also in dem Sinne, am Leben zu bleiben und das Leben aufrechtzuerhalten, die eigene Begeisterung, Leidenschaft und den Enthusiasmus aufrechtzuerhalten. Der Wortstamm von Enthusiasmus kommt übrigens aus dem Altgriechischen und bedeutet, von Gott erfüllt zu sein. Enthusiasmus bedeutet also auch, spirituell lebendig zu sein.“
Das heißt vermutlich, dass es ohne Musik gar nicht geht und dass Joseph erst über die Musik sein Leben verarbeitet?
„Na klar – das ist ja bei allen Songwritern so, ob die das nun beabsichtigen oder nicht. Als Mensch kann mir Musik auch direkt helfen – beispielsweise eine Freitagnacht zu verarbeiten. Als ich neulich in Brooklyn gespielt habe, sind wir nachher in einen Techno-Club gegangen, und das war eine ganz andere spirituelle Erfahrung. Musik selbst geht über das Intellektuelle hinaus. Musik ist automatisch ein Raumschiff für die Gegenwart. Es geht dabei nicht um klare Gedanken, sondern um Spiritualität. Wenn man an diesem Punkt angekommen ist, sind Logik und Vernunft vielleicht noch nützliche Werkzeuge – aber die Spiritualität ist auf dem Fahrersitz.“
Ist die Musik dann auch ein treibender Faktor im kreativen Prozess?
„Ja, denn wenn du Songs schreibst, dann hast du ja keine wirkliche Kontrolle über den Prozess. Du tanzt zwar mit der Muse, aber die Muse führt. Besonders dann, wenn da etwas ins Spiel kommt, das gar nichts mit dir zu Tun hat – Genialität etwa –, denn die kommt von einer Kraft außerhalb deines Bewusstseins. Man ist dann eher ein Zeuge der Kreativität als deren Ursprung. Als Songwriter ermöglichst du aber als Antenne die Kreativität.“
Warum wird das Ganze eigentlich auf eine so abenteuerliche Weise veröffentlicht?
„Wir leben ja nicht mehr in Zeiten, in denen alles statisch fixiert werden muss. Auf der Vinyl-Version, die wir als Erstes angegangen sind, sind hauptsächlich ich und mein Partner Lance Davis zu hören. Damit haben wir die Sache erst mal eingeloggt. Ich finde auch, dass das rund und vollständig ist. Aber dann haben sich andere Konstellationen und Beziehungen entwickelt, und so haben sich neue Möglichkeiten – beispielsweise mit dem Orchesterarrangeur Alexandros Livitsanos – ergeben, sodass wir einige Songs, wie z.B. ‚Hey Satan‘, noch einmal mit Orchesterarrangements eingespielt haben. Die Vinyl-Version ist ja bereits zu haben – aber digital veröffentlichen wir die Sachen dann Album für Album. So haben wir die Möglichkeit, mit verschiedenen Versionen zu spielen und ganz am Ende wieder zurückzukehren und die Sache noch einmal als Paket zusammenzufassen. Es ist zwar kompliziert und umständlich, passt aber doch gut zu unserem digitalen Zeitalter, wo alles möglich ist.“
An dieser Stelle zu fragen, wie es mit Joseph Arthur denn nun weitergehen könnte, erübrigt sich ja, da das aktuelle Projekt sich noch aktiv in der Entwicklung befindet. Wichtiger scheint aber der Aspekt zu sein, dass Joseph Arthur mit dem Projekt „You’re Not A Ghost Anymore“ eine längere kreative und wohl auch spirituelle Durststrecke überwunden hat – und nun eben kein Geist seiner selbst mehr ist, sondern mit beiden Beinen wieder fest auf dem Boden der Produktivität steht.
„You’re Not A Ghost Anymore“ von Joseph Arthur erscheint auf Lonely Astronaut/Bertus.




