Wer Klangexperimente aus der Trickkiste des Wunderknaben Beck erwartet, wie er sie auf „Odelay“ oder „Midnight Vultures“ zusammenbastelte, wird von „Ride Lonesome“ bitter enttäuscht. Wer aber in der elegischen Melancholie von „Sea Change“ und „Morning Phase“ sein musikalisches Schaumbad zu genießen wusste, kann schon einmal das Wasser in die Wanne lassen. Die Gefahr besteht allerdings, dass den Connaisseur der Schlaf übermannt, denn das Dutzend Lieder fließt in weitgehend gleichbleibender Stimmung dahin. Wer die Augen schließt und dennoch wach bleibt, kann sich zu Becks Folk-Pop imaginäre Kurzfilme kreieren.
Die Steel-Gitarre des Titeltracks öffnet die Weite der amerikanischen Prärie und setzt die lockere thematische Klammer: „You got to ride lonesome / You got to try to find the road“ – die Suche nach einem gangbaren Lebensweg in dieser Welt. Der spitzt sich meist auf den Verlust der Liebe zu, den es zu verarbeiten gilt. In „If You Don’t Know What Love Is“ untermalt das Klagen der Pedal Steel eine Melodie zum Niederknien. „Failed Words“ ist ein einziges ätherisches Flirren, bei „Bleed“ kippt Beck über zarten Klavierklängen ins Falsett, „Falling Through My Hands“ flicht eine Mundharmonika ein, „Run Away“ erschreckt fast, wenn ein präsentes Schlagzeug einsetzt, während „Beyond The Light“ die Platte in sakraler Feierlichkeit beendet.
Mit Smokey Hormel, Joey Waronker, Justin Meldal-Johnsen, Roger Joseph Manning Jr. und Jason Falkner hat Beck Hansen die alte Mannschaft von „Sea Change“ und „Morning Phase“ zusammengetrommelt, Nigel Godrich hat erneut produziert. Ein kompletter Kontrast zur Vorgängerplatte, die ins „Hyperspace“ flog, ist das neue Werk jedoch nicht. Zwar hat Beck die elektronischen Beats eliminiert und seine akustische Gitarre in den Vordergrund gestellt, aber auch „Hyperspace“ hatte diese schwebende Atmosphäre in Stücken wie „Stratosphere“ oder „Dark Places“. Die Songs von „Ride Lonesome“ bleiben hingegen auf der Erde, wenngleich „Slow Canyon“ einen Kalifornischen Kondor imaginieren könnte, der seine mächtigen Schwingen nur ab und zu schlägt, da ihn die Thermik durch die mächtigen Felsschluchten des Grand Canyon trägt.
Nicht nur für „In The Night“ untermalen immer wieder die von Becks Vater David Campbell arrangierten Streicher dieses wunderbare Schweben zum Kammer-Pop eines einsamen Cowboys. Zu „Disappearing Act“ oder „For Your Love“ gesellt sich ein mehrstimmiger, verhallender Gesang. Cineastisch, meditativ, für manchen vielleicht einschläfernd wehen die countryesken Slow-Motion-Klänge an die Ohren des Hörers wie auf dem Cover die Gardinen in Becks Zimmer. Die Zeiten, in denen sich Beck mit jeder Platte neu erfand, sind zwar vorbei. Doch wer den experimentierenden Zappelphilipp nervig findet, dafür aber den melancholischen Kopfhänger mag, wird bestens bedient.
„Ride Lonesome“ von Beck erscheint auf Capitol/Universal Music.




