Neil Young scheint die Zusammenarbeit mit den Chrome Hearts zu gefallen. Nach dem formidablen Live-Album „As Time Explodes“ und dem recht ergötzlichen „Talkin To The Trees“ nun „Second Song“. Es schließt stilistisch an die Großtaten „Comes A Time“, „Harvest Moon“ und „Prairie Wind“ an. Fünf Songs hat man unter den Augen von Lou Adler in zwei Tagen eingespielt, darunter zwei um die zehn Minuten lange Tracks. Für die beiden noch fehlenden hat Young mal wieder in den Archiven gestöbert und ist fündig geworden. Fertig ist das angeblich 50. Album. Bei all den verworfenen und neu zusammengestellten Platten mit bereits auf anderen Alben veröffentlichten Songs kann man sich schon mal verzählen.
„Second Song“ schunkelt folkig und von sanfter Wehmut getragen. In dem Titelsong sorgt sich der 80-Jährige, dass ihm die Altersgenossen ausgehen, mit denen er über frühere Zeiten reden und den Träumen von verblassten Idealen nachhängen kann. Doch Young ertrinkt nicht in Selbstmitleid, sondern vermag immer noch wütend zu sein. Na klar, auf den erratischen US-Präsidenten: „President was on TV, says everything is golden / He’s tearing down the old White House, those days were never olden“. Durch das gut neunminütige „Soon I Might Be Going“ galoppiert ab und an ein Crazy Horse, nur hier knarzt eine E-Gitarre, als wolle sie den Berserker aus Washington vertreiben. Doch in „Day After Day“ lässt die Sonne an einem Wintertag alles vergessen. Das Wertschätzen der kleinen Dinge soll man sich bewahren.
Geradezu fröhlich schlendert Young durch „Casting Me Away From You“ mit der Mundharmonika an den Lippen. Das „Earth Girl“ ist seine Frau Daryl Hannah, eine Liebeserklärung an das „Licht seines Lebens“. Und obwohl „I’ll Love You Forever“ eines der beiden Fundstücke aus den Mittsechzigern ist und der junge Neil schwärmerisch den Sternen dankt, dass sie ihm das Mädchen gesandt haben, darf es seine Gattin heute auch auf sich beziehen. In beiden Liedern erliegt der Verliebte dem Lachen der Angebeteten. Liebe darf ein bisschen kitschig sein. Und allemal schöner, vom Lächeln als von den Kochkünsten der Ehefrau zu schwärmen, wie in „Family Life“ vom Vorgängeralbum geschehen. Wenngleich: Liebe geht durch den Magen.
Die Chrome Hearts sind Micah Nelson (Gitarre), Corey McCormick (Bass), Anthony Logerfo (Schlagzeug) und Spooner Oldham (Orgel/Keyboards). Sie sorgen für den warmen-melancholischen Sound. Bis auf Oldham waren sie auch bei The Promise Of The Real dabei, man ist eingespielt. Der Singer/Songwriter-Folk von „The Foggy Edge Of Time“ setzt musikalisch wie lyrisch gleich zu Beginn den Ton: Die Erinnerung an die Zeit, „when I left my old neighborhood behind […] heading south to my destiny“. Youngs Entscheidung, von Kanada in die USA zu gehen. Es wird Höhen und Tiefen geben, aber als der Song ausgeklungen ist, schickt Young noch ein „Alright“ hinterher. Alles ist nicht gut, aber man arrangiert sich. „The world needs all her song birds“, singt Young in „Second Song“ und denkt natürlich auch an sich selbst. Seit er von Kanada gen Süden zog, seit Flower-Power und Woodstock hat sich viel verändert: „Too much has changed around us, but we can bring it back somehow.“ Nun denn: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
„Second Song“ von Neil Young erscheint auf Reprise/Warner Music.




