Seit nunmehr auch schon wieder 20 Jahren treibt die französische Chansonschreiberin, Komponistin, Performerin und „Stimmforscherin“ Camille ihr Unwesen in der frankophilen Musikwelt. Das ist ja an sich schon eine Leistung, auf die man mit Stolz blicken könnte – freilich belässt es Camille nicht dabei, sondern beschreitet konsequent und kompromisslos ihren ganz eigenen Weg als Musikerin.
Im Prinzip schreibt Camille konventionelle Songs – mal mit mehr oder weniger chansonesquem Charme, mal mit Blues-, mal mit Pop-, mal mit Funk- und mal mit Jazz-Elementen. Alles andere, was die Umsetzung betrifft, ist freilich optional; denn anstatt mit klassischen Arrangements und Live-Musikern zu arbeiten, bastelt Camille ihre Grooves und Rhythmen – teilweise auch ihre Songstrukturen und Melodien – mit Hilfe gesampelter und/oder improvisierter Atem- und Körpergeräuschen zusammen. Das ist natürlich auch auf der neuen Scheibe wieder so. Hier hat Camille aber eine Meisterschaft darin erlangt, die besagten physikalischen Elemente in die Songs selbst zu implantieren, die ihr zu Beginn ihrer Karriere gegebenenfalls noch abging. Denn noch auf dem 2005er Durchbruchalbum „Le Fil“ (und der sich anschließenden Tour) stand noch das abstrakte Konzept und der Überraschungseffekt des Klanges im Zentrum. Dieses Mal sind es die Songs selbst. Ein erklärendes Konstrukt wie den durchgängigen Summton, der das Album „Le Fils“ („der Faden“) zusammen hielt, braucht es dieses Mal nicht mehr.
Auf der neuen Scheibe kommt aber noch eine neue Dimension hinzu. Hier geht es nicht wirklich um den Klang von Milch (wie der Titel des Albums vermuten ließe), sondern um den Umstand, dass Camille inzwischen Mutter geworden ist und wie sich das auf ihre Musik auswirkt. Beispielsweise indem so mancher Track mit einem Kinderlied-Intro beginnt und sich erst allmählich als Song über das Mutter-Sein, als Begrüßung der Neugeborenen, als Ode an die Kinder im Allgemeinen („A nos enfants“) oder die Sorgen und Nöte des Mutter-Seins entpuppen.
Besonders spannend und fesselnd wird die Sache, wenn Camille aus dem Flow ausbricht – beispielsweise „She’s A Woman“ als primalen Blues anlegt, in „Bonjour“ mit Flötentönen hantiert oder das abschließende „L’air de rien“ (= ein Hauch von nichts) als pures A-Cappella-Stück anlegt. Das vielleicht gelungenste Stück ist dabei die Ballade „Si tu souris aux anges“ („Wenn du den Engeln zulächelst“) – einfach weil die komplett ohne Live-Instrumente auskommt und zugleich als memorabler Pop-Song funktioniert.
„The Sound Of Milk“ von Camille erscheint auf Because Music.




