Nach den beiden ersten Alben von Tears For Fears war „The Seeds Of Love“ 1989 eine Überraschung. Kaum noch an den 80s klebend, acht perfekt ausgearbeitete Popsongs für die Ewigkeit und als weitere Gesangsstimme Oleta Adams, die Roland Orzabal und Curt Smith auf Tour in einem Club in Los Angeles zufällig entdeckten. 37 Jahre später geht die Saat der Liebe ein zweites Mal auf, wird das Album in diversen Ausgaben auf CD und LP wiederveröffentlicht. Unsere Rezension bezieht sich auf die drei CDs umfassende Deluxe Edition.
Orzabal schrieb fünf Stücke mit der Pianistin Nicky Holland, den Titelsong mit dem Bandpartner und Bassisten Smith. Und wen hatten sie sich da alles eingeladen: Die Weltklasse-Schlagwerker Manu Katché, Phil Collins und Simon Phillips, den Gitarristen Robbie McIntosh (Pretenders, Paul McCartney), den Studio-Crack Pino Palladino am Bass, den Trompeter Jon Hassell, Maggie Ryder für ein bisschen Backgroundgesang und eben Oleta Adams. Die lässt ihre grandiose Stimme auf der souligen Emanzipationsballade „Woman In Chains“ voll erblühen. Die Tears For Fears-Produzenten David Bascombe und Roland Orzabal schneiderten ihr anschließend ihr erstes Soloalbum „Circle Of One“, das im UK die Spitzenposition erklomm. So gut war Adams nie wieder.
Der „Badman’s Song“ beginnt mit einem jazzigen Klavierintro, dann setzt eine Hammondorgel ein, Wechselgesang von Adams mit Orzabal, gospelige Chöre, McIntoshs Gitarren-Furor. Der Mittelteil driftet vollends in den Jazz ab, bevor sich die Stimmen kometengleich ins All schießen. Ein achteinhalbminütiger Flug zu den Sternen. „Sowing The Seeds Of Love“ sollte dann die Hitsingle werden. Eine wunderbare Hymne mit orchestralen Synthies, Bläsern und Hammondorgel – across the universe. Sicher kein Club-Hit, wie ihn die Vorgänger-Platte mit „Shout“ lieferte, aber wie jeder Song, der noch folgt, ein Evergreen. Platz fünf in den UK-Charts, Rang 11 in Deutschland, und die Amis kauften die Single auf Platz zwei. „Advice For The Young At Heart“ hingegen kam in Großbritannien nur noch in die Top 40. Mit Smith als Lead-Stimme, die auch das Falsett locker erklimmt, schwimmt das Stück durch einen verwunschenen Teich, den Monet mit seinen Seerosen veredelt haben mag. Sonnenflecken auf der Wasseroberfläche. Und das ist erst die erste Seite, denkt man in Vinyl.
„Standing On The Corner Of The Third World“ lässt erahnen, dass Teile des Albums in Peter Gabriels Third World Studio entstanden sind. Nicht nur wegen des Titels und der Lyrics, auch Palladinos groovender Bass, Katchés feines Schlagzeug im Zusammenspiel mit Carole Steeles Percussion, dazu Jon Hassells Trompete und Orzabals Stimme, die mächtig aus dem pluckernden Soundgeflecht aufsteigt. Zu „Sounds And Knives“ tritt Tessa Niles gesanglich Orzabeal zur Seite – nach Oleta Adams noch so eine tolle Stimme. Kate St Johns Saxofon und Oboe treten hervor, bis sich der Song mit Gitarre, Keyboard und Phillips‘ Drums mächtig aufbaut, um am Ende abzuebben. „Year Of The Knife“ ist der flotteste Track, allemal eine Einladung zum Tanzen. Phillips‘ Beat treibt den Song nach vorn, wenngleich im zweiten Teil der Speed immer mal wieder herausgenommen wird.
Die Neuauflage bietet fünf B-Seiten, wovon „Johnny Panic And The Bible Of Dreams“ als Hip-Hop-Version von „Sowing The Seeds Of Love“ noch am interessantesten ist. Keiner der Songs hätte mit den Stücken der Erstausgabe mithalten können. All die gekürzten Singleversionen, Instrumentalversionen und alternativen Mixe werden nur diejenigen studieren, die ganz tief in die Materie eintauchen wollen. Wenn man nach dem Hören all dieser Varianten die Originale überhätte, wäre das allerdings bedauerlich. Obgleich damals schon im DDD-Verfahren digital aufgenommen wurde, zeichnet sich das von dem umtriebigen Steven Wilson remasterte Re-Issue durch ein noch differenzierteres Klangbild aus. Das Booklet enthält einen lesenswerten Hintergrundaufsatz von Paul Sinclair, spart aber die Texte aus, die die Erstausgabe noch bot. Wer Tonträger kauft, will die nicht googeln.
„Famous Last Words“ werden immer am Ende geäußert. Mit viereinhalb Minuten ist es das kürzeste Lied, ein Emotionsbolzen mit Holland am Piano, synthetische Streicher und Hassells Trompete schweben darüber. Orzabals Stimme im letzten Refrain dimmt sich zu einem Wispern hinab: „As the day hits the night / We will sit by candlelight / We will laugh / We will sing / When the saints go marching in / And we will carry war no more.“
Die Deluxe-Edition von „The Seeds Of Love“ von Tears For Fears erscheint auf Mercury/Universal Music.




