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Sieben Jahre sind für jeden Menschen eine lange Zeit, doch sieben Jahre in einem Bandleben sind eine kleine Ewigkeit. Warum die schottischen Post-Rock-Heroen Twilight Sad trotzdem so lange gebraucht haben, bis nun ihre niederschmetternde sechste LP erscheint, ist das zentrale Thema von „It’s The Long Goodbye“. Unverblümt schildert Frontmann James Graham in zehn aufwühlenden Songs seinen Leidensweg der letzten Jahre, den Verlust seiner Mutter durch Demenz, seinen Kampf mit psychischen Problemen und seinen Weg zurück zu einem gesünderen, glücklicheren Leben als junger Familienvater, auf dem ihm nicht nur sein langjähriger musikalischer Partner Andy MacFarlane zur Seite stand, sondern auch Robert Smith von The Cure als Ratgeber und Vorbild wichtige Impulse gab. So ist „It’s The Long Goodbye“ eine nachdenkliche und eindringliche Reflexion über das Menschsein und darüber, was es bedeutet, trotz aller Widrigkeiten am Leben festzuhalten.
Mehr als 20 Jahre ist es inzwischen her, dass James Graham und Andy MacFarlane The Twilight Sad mit Bassist Craig Orzel und Schlagzeuger Mark Devine in der schottischen 10.000-Seelen-Gemeinde Kilsyth aus der Taufe gehoben haben. All die Jahre später ist die Band immer noch der Inbegriff einer Kultband, der künstlerische Belange stets wichtiger waren als der schnelle Ruhm.
Fragt man den 41-jährigen Sänger Graham, was ihn mit besonderem Stolz erfüllt, wenn er auf die letzten zwei Jahrzehnte The Twilight Sad zurückblickt, muss er beim Videocall mit Gaesteliste.de nicht lange überlegen. „Am meisten macht mich stolz, dass wir immer noch da sind, dass wir es bis hierher geschafft haben“, sagt er lachend. „Es gibt so viele Bands, die erfolgreicher sind als wir und es ganz nach oben geschafft haben, aber das hat uns einfach nie interessiert. Uns ging es stets darum, Musik zu machen, die uns etwas bedeutet. Uns war nie wichtig, in der Branche große Sprünge zu machen. Für uns stand immer im Vordergrund, persönlich voranzukommen. Wenn man alles in etwas investiert, hofft man natürlich, dass die Leute es zu schätzen wissen, wenn man es veröffentlicht, und wir hatten über die Jahre das große Glück, dass langsam, aber sicher immer mehr Menschen verstanden haben, wer wir sind und wofür wir stehen. Wir sind aber unseren Weg immer zu unseren eigenen Bedingungen gegangen. Dass wir uns selbst treu geblieben sind, erfüllt mich mit großem Stolz, denn es gibt so viele Fallen in der Musikindustrie, in die man tappen kann, wenn man aus den falschen Gründen dabei ist.“
In den letzten zwei Jahrzehnten hat es bei The Twilight Sad viele personelle Veränderungen geben, MacFarlane allerdings war immer an Grahams Seite. „Ich bin auch ziemlich stolz auf unsere Freundschaft und darauf, dass wir aneinander geglaubt haben“, sagt er. „Im Laufe der Jahre sind so viele Menschen in unser Leben getreten und wieder verschwunden, aber Andy und ich haben dieses Etwas gefunden, das uns zusammengehalten hat und dafür sorgt, dass wir weiterhin zusammen sein wollen. Ich bin natürlich auch sehr stolz auf die Musik. In den letzten Jahren habe ich meinen Verstand verloren, aber durch diese Band habe ich ihn wiedergefunden. Das war nicht einfach, aber ich bin überzeugt davon, dass nichts, was man liebt, einfach sein sollte! Um etwas von Bedeutung zu schaffen, muss es ein Kampf sein.“
Nie war ihm das bewusster als in den mit vielen schmerzvollen, aber auch einigen betont glücklichen Momenten vollgestopften zurückliegenden sieben Jahren, die seit der Veröffentlichung von „It Won/t Be Like This All The Time“ vergangen sind. Das neue Werk „It’s The Long Goodbye“ ist eine Chronik all dieser Ereignisse und Erfahrungen, doch auch wenn die Musik für Graham augenscheinlich ein Ventil für all die widersprüchlichen Emotionen war und ist, die ihn in den letzten Jahren fest im Griff hatten, geht ihm die Erinnerung an das Geschehene immer so nahe, dass ihm bei unserem Gespräch gleich mehrfach die Tränen in die Augen schießen. „Allein schon, wenn ich mit dir rede und über das Album spreche, kommen all diese Dinge wieder hoch“, gesteht er. „Ich habe keine Antworten vorbereitet. Ich habe zuvor erst zwei Interviews zum neuen Album gegeben und jedes Mal gesagt: Es tut mir sehr leid, aber das fühlt sich eher an wie eine Therapiesitzung als wie ein Interview. Bitte verzeih!“
Zurückhalten möchte er trotzdem nichts. „Du kannst mich gerne alles fragen, ich habe nichts zu verbergen“, erklärt er. „Vielleicht nimmt es mich mit, aber das sollte auch so sein. Es wäre seltsam, wenn es mich nicht berühren würde. Aber ich möchte auch nicht, dass das zu einer unangenehmen Situation führt, weil dieser Mann mittleren Alters schluchzt und weint.“
Tatsächlich setzt sich Graham auf „It’s The Long Goodbye“ mit den vielen Krisensituationen der letzten Jahre direkt und unumwunden auseinander. Neu ist das nicht, denn schon seit dem 2007er-Erstling „Fourteen Autumns & Fifteen Winters“ waren The Twilight Sad immer eine Band, die so klang, als hätte sie jede einzelne ihrer Songgeschichten selbst durchlebt. Nicht nur unser Interview, auch das neue Album mutet deshalb oft an wie eine Therapiesitzung, wenn Graham mit seinem unnachahmlichen schottischen Akzent von Entfremdung, innerer Zerrissenheit und Momenten erzählt, in denen er von seinen mentalen Problemen bisweilen so mit Beschlag belegt wurde, dass seine Erinnerungen daran heute nur noch verschwommen sind. Doch selbst in den schlimmsten Momenten war die Musik eine Konstante für Graham.
„Ich bin nicht in einer Familie aufgewachsen, in der alle in Bands gespielt haben“, erzählt er. „Wir mochten Musik einfach wie jeder andere auch. Wir schalteten den Fernseher oder das Radio ein und hörten uns an, was gerade lief. Meine wahre Liebe zur Musik kam durch Andy. Ich hatte bereits angefangen, mich ein wenig für einige Indie-Bands zu interessieren, und dann traf ich ihn, und er eröffnete mir eine ganz neue Welt und erweiterte meinen Horizont mit all diesen verschiedenen Acts. So begann eine wirklich intensive Liebesbeziehung mit der Musik, aber wie bei jeder Liebesbeziehung – sie kann einen auch verletzen.“
Erst in den letzten Monaten hat Graham die Liebe zur Musik wirklich wiedergefunden, oder wie er selbst sagt: „Es gab einen Punkt in meinem Leben, an dem ich, wenn ich ehrlich bin, um jeden Funken Hoffnung kämpfen musste. Die Musik war immer das, was mich wieder zurückholen konnte. Ich habe das Gefühl, dass ich das in letzter Zeit wieder viel stärker spüre, wenn ich alte Alben wiederentdecke. Weil ich sie so lange nicht gehört habe, fühle ich mich jung und frisch, wenn ich sie jetzt höre. Ich entdecke also meine Liebe zur Musik wieder. Aber wenn das Musikmachen dein Job ist und du hinter die Kulissen schaust, kann dir das die Freude schnell verderben. Zum Glück kann ich den magischen Funken jetzt aber wieder spüren. Beim Schreiben der Songs war das nie weg, wenn ich ehrlich bin, denn wenn ich etwas schreibe, fühle mich danach eine Million Mal leichter.“
Der Titel des Albums spielt darauf auf, dass Graham in den letzten Jahren hilflos dabei zusehen musste, wie ein geliebter Mensch praktisch vor seinen Augen aus dem Leben verschwand. „Man trauert so viele Male. Demenz ist ein langer, grausamer Trauerprozess“, erklärte er vor wenigen Monaten den Kollegen des NME (Wir haben bei unserem Gespräch darauf verzichtet, ihn die Leidensgeschichte erneut erzählen zu lassen.) „Meine Mutter verlor schon sehr früh nach ihrer Demenz-Diagnose ihr Sprachvermögen. Man hat es also mit jemandem zu tun, dessen Zustand sich bereits langsam verschlechtert, und plötzlich kann diese Person nicht mehr mit einem kommunizieren, um zu sagen, wie sie sich körperlich und geistig fühlt, wie verwirrt sie ist. Es war einfach nichts mehr da, und man dachte nur: ‚Scheiße!‘ Alle anderen Dinge im Leben sind einfach irgendwie verschwunden. Das war der Beginn des Niedergangs meiner psychischen Gesundheit; mitanzusehen, wie sie sich völlig auflöste, und es war verdammt schrecklich. Jeder wird einmal einen Elternteil verlieren, und niemand wird dabei eine gute Zeit haben. Ich hatte gerade ein Kind bekommen, also sah ich dieses Leben wachsen und die Person, die mir das Leben geschenkt hatte, dahinschwinden. Die Wege kreuzten sich. Das mental zu begreifen, war ungeheuer schwer.“
Diese emotionale Achterbahnfahrt, daran besteht für Graham kein Zweifel, hat ihn zu einem anderen Menschen gemacht: „Das hat mich massiv verändert! Massiv! Ich möchte gerne glauben, dass ich immer noch ich selbst bin. Ich bin immer noch dabei herauszufinden, wer zum Teufel das eigentlich ist, und ich weiß nicht, ob das jemals enden wird, aber ich möchte vor allem Zufriedenheit finden. Ich glaube, als ich jünger war, bin ich einfach auf den Zug aufgesprungen, habe abgewartet, was passiert, und mich durch alles durchgekämpft – oder ich habe mich vielleicht auch einfach mit Alkohol betäubt. Das mache ich heutzutage nicht mehr so oft! Ich konzentriere mich jetzt viel mehr darauf, Musik zu machen, und wenn ich auf Tour gehe, stelle ich sicher, dass ich mein Bestes geben kann. Früher habe ich mich oft selbst gebremst, weil ich vor verschiedenen Dingen so viel Angst hatte. Jetzt will ich nichts mehr bremsen. Ich will alles spüren und keine Angst haben – na ja, ich will ein bisschen Angst haben, ein bisschen muss schon sein -, aber ich will alles annehmen und spüren, damit ich es nicht vergesse.“
Wenn Graham sagt, dass er alles spüren will, dann kann man das durchaus auch auf die Texte von „It’s The Long Goodbye“ beziehen. Denn während die Songs von The Twilight Sad in der Vergangenheit reich an Metaphern waren, will sich der Frontmann nun nicht mehr hinter vagen Formulierungen verschanzen. Eine bewusste Entscheidung war das allerdings nicht. Eher gab es für ihn ob der traumatischen Umstände keine andere Option. „Das passierte einfach, und die Worte kamen wie von selbst, sobald ich Andys Musik hörte“, verrät Graham. „Ich wollte mich nicht verstecken. Es ist nicht so, dass ich mich vorher versteckt hätte. Ich denke, das war zuvor einfach meine Art zu schreiben. Natürlich habe ich mir Gedanken über die Texte gemacht, aber ich wollte nicht zu viel darüber nachdenken. Alles sollte ganz natürlich passieren, denn das war die einzige Möglichkeit, wirklich zu sehen, was in meinem Kopf vorgeht, so beängstigend das auch war.“
Das wirft natürlich die Frage auf, wonach Graham beim Schreiben der Texte gesucht hat. Ging es ihm vordergründig darum, das Geschehene zu dokumentieren? Stand das Verstehen im Vordergrund? Wollte er zu versteckten Gefühlen vordringen oder war ihm vielleicht einfach die menschliche Verbindung, das geteilte Leid wichtig? „Ich stelle mir immer noch genau dieselben Fragen, die du mir gerade gestellt hast“, erwidert er. „Ich war mittendrin, und das war einfach das, was ich getan habe. In der Regel läuft es so: Andy schickt mir Musik, die mir hilft, Dinge zu verarbeiten, und die mir ein Ventil bietet. Ich bin sehr, sehr glücklich, ein solches Ventil zu haben. Ich frage mich definitiv, warum ich das alles mache. Ich glaube, ich liebe es zu singen. Es bedeutet mir etwas. Ich liebe es, Musik zu schreiben. Das bedeutet mir auch etwas, aber ich kann es nicht richtig erklären. Aber ich glaube, ich mache es, um auf eine Art und Weise Kontakt aufzunehmen und um zu sehen, ob es noch jemandem so geht wie mir. Ich möchte Menschen, die vielleicht in derselben Lage sind wie ich, zeigen, dass sie nicht allein sind. Das waren die Hauptgründe, die mir in den Sinn kommen, wenn ich mir diese Fragen stelle. Ich bin ein ziemlich zurückgezogener Mensch. Ich lebe mit meiner Familie mitten im Nirgendwo und habe mein Leben von dem getrennt, was ich mit The Twilight Sad tue. Das ist auch eine bewusste Entscheidung, denn ich möchte nicht die ganze Zeit diese Person sein – aber sie ist da, wie der Teufel und der Engel.“
Auch die Songs auf „It’s The Long Goodbye“ sind gerade klanglich von einer Art Dualismus geprägt. Nie war die vom musikalischen Mastermind MacFarlane erdachte kathartische Soundwelt der Band eindringlicher als auf dieser Platte. „Dies ist ein sehr trauriges Album, aber in diesen sieben Jahren gab es nicht nur Traurigkeit“, gibt Graham zu bedenken. Es gab Nachdenklichkeit, Wut, Traurigkeit, Glück. Es gab so viele emotionale Ebenen! Hätten wir die Musik also nur auf eine einzige Emotion beschränkt – so, wie es die Texte und Melodien vielleicht vermittelten -, hätten wir uns zu weit entfernt von der Zeit und der Lebensphase gefühlt, die sowohl Andy als auch ich gerade durchlebt hatten. Andy hat also auch seine eigenen Erfahrungen gemacht, die er natürlich in die Musik einfließen lässt, aber ich bin so froh, dass sich ein Album, das sich mit dem Kampf ums Überleben auseinandersetzt, so viel Leben in sich trägt. Ich denke, die kathartische, laute, wütende, kraftvolle, melodische und farbenfrohe Musik zeigt diesen Kampf wirklich gut – und es gibt auch einige leichtere Töne.“
Die Gitarren sind dabei dieses Mal spürbar wichtiger als die Synthesizer, die in der Vergangenheit öfter den Ton angegeben hatten. Als Gegenpol zu der bedrückenden Melancholie, die Graham verströmt, sorgt MacFarlane mehr als einmal für einen euphorischen Wall of Sound im Dunstkreis von Shoegaze und Post-Punk, mit dem The Twilight Sad keinen Hehl aus ihrer Verehrung für My Bloody Valentine, New Order und natürlich auch The Cure machen. In den letzten zehn Jahren waren Graham und MacFarlane gleich bei zwei kompletten Welttourneen von Robert Smith und den Seinen Supportact, und auch bei den Cure-Gastspielen im Juli in Berlin werden sie wieder als Special Guest dabei sein. Mehr noch: Als langjähriger Freund und Förderer der Band gab Smith Graham und MacFarlane während der Entstehung des Albums wiederholt wertvolle Ratschläge und spielte zudem auf drei Titeln – „Waiting For The Phone Call“, „Dead Flowers“ und „Back To Fourteen“ – Gitarre, Keyboard und Bass.
Dass sich diese lebende Legende so sehr für seine kleine Band einsetzt, ist Graham nach all den Jahren irgendwie immer noch nicht ganz geheuer. „Es gab in den letzten 20 Jahren viele Dinge, bei denen ich mich kneifen musste, weil ich nie gedacht hätte, dass sie mir jemals passieren könnten! Aber das Überraschendste, was uns widerfahren ist, sind die Tourneen mit The Cure – an den Orten gespielt zu haben, an denen wir gespielt haben, in die Länder gereist zu sein, in die wir gereist sind, und einfach zu wissen, dass man die Unterstützung von jemandem hatte, zu dem man sein ganzes Leben lang aufgeschaut hat. Wenn ich darüber nachdenke, fallen mir all die Musiker und Bands auf der Welt ein, die Robert als Vorgruppe hätte auswählen können, und ich frage mich: ‚Warum gerade wir?‘ Was ist so besonders an uns, dass er uns schon zu so vielen Tourneen eingeladen hat? Er hat es mir erklärt, und jetzt verstehe ich es. Es gibt viele Leute da draußen mit großem Ego, die Rockstars sein wollen und aus den falschen Gründen dabei sind. Das macht mich regelrecht krank, das ist einfach nicht mein Ding. Ich glaube, Robert hat gemerkt, dass wir anders ticken.“
Trotzdem muss es natürlich ein ziemlich tolles Gefühl sein, jemanden wie Smith auf Speed-Dial zu haben. Wie ist denn die Zusammenarbeit bei den drei gemeinsamen Songs abgelaufen? „Nun, Robert hat ganz allein gearbeitet. Wir haben ihm alles gegeben und wollten ihm den Freiraum lassen, einfach herumzuexperimentieren und Fehler zu machen. Nicht, dass Robert jemals einen Fehler machen würde“, erklärt Garaham und muss lachen. „Robert stand uns während des gesamten Schreibprozesses zu Seite und hat uns Ratschläge gegeben. Jeder einzelne Rat, den er uns gegeben hat, ist jetzt Teil der Platte. Wir haben ausprobiert, was er vorgeschlagen hat – und es funktionierte (lacht)! Natürlich funktionierte es! Es war unglaublich! Ich schreibe ihm sogar E-Mails, die nichts mit Musik zu tun haben. Ich habe ihm E-Mails zu Filmen geschickt, die ich kürzlich gesehen habe und von denen ich glaube, dass sie ihm gefallen würden. Auf der einen Seite hast du also Robert Smith von The Cure, und auf der anderen Seite hast du Robert Smith, diesen Freund. Das ist unglaublich, und wie gesagt, ich muss mich manchmal kneifen und denke: Wie ist das passiert? Es gibt da eine echte Freundschaft zwischen mir, Andy, Robert und den anderen Mitgliedern von The Cure. Es fühlt sich an, als wären wir schon immer Teil der Familie gewesen. Robert auf Speed-Dial zu haben… es sind vor allem jede Menge E-Mails mit Großbuchstaben! Für einen so zartbesaiteten Mann ist er in seinen E-Mails sehr aggressiv! Das Ganze fühlt sich an wie ein Traum.“
Als besonders wertvoll empfindet Graham die Erfahrung, The Cure 2022/2023 bei der „Shows Of A Lost World“-Welttournee begleitet zu haben, bei der Smith und Co. allabendlich eine Handvoll Songs des damals noch unveröffentlichten „Songs Of A Lost World“-Meisterwerks spielten, in denen sich Smith wie nun auch Graham mit dem Verlust geliebter Menschen auseinandersetzt. „Zu sehen, wie ein Album einer solchen Band und speziell dieses Album zum Leben erweckt wird, war ein unglaubliches Geschenk“, gestehet Graham. „Jetzt, wo das Album draußen ist und die verdienten Lobeshymnen eingeheimst hat, denke ich an den ersten Abend der Tournee in Lettland zurück, als ich einfach nur dasaß und dachte: Ich werde dieses Album jetzt jeden Abend hören!“
Die gemeinsamen Tourneen haben aber nicht nur zu einer Freundschaft mit The Cure geführt, auch die künstlerische Integrität der Band hat auf The Twilight Sad abgefärbt. „Mein Gehirn war wie ein Schwamm auf diesen Tourneen, ich habe alles aufgesogen“, gesteht Graham. „Robert hat sich mit uns zusammengesetzt und uns genau erklärt, was wir tun sollen und wie wir es tun sollen. Er hat uns auch viel Selbstvertrauen gegeben. Damit hatte ich wirklich zu kämpfen, denn ich habe wirklich gedacht: Will überhaupt noch jemand unsere Band hören? Ich werde aus den Gründen, über die wir gesprochen haben, für den Rest meines Lebens mit Andy Songs schreiben, einfach weil ich etwas daraus ziehe. Es ist aber ein großer Unterschied, ob man Musik schreibt oder ob man sich dann in eine Maschinerie stürzt, die einen für zwei Jahre mit Beschlag belegt. Aber Robert zu beobachten – den Mann, der im Grunde alles in der Musik erreicht hat -, wie er so bewegt und inspiriert von den Songs ist, die er geschrieben hat, und ihn auf der Bühne zu erleben, wenn er wirklich alles gibt, das war eine weitere Inspiration für unsere Platte. Ich dachte mir: Wenn wir etwas nur halbherzig machen, dann respektieren wir ihn und das, was er uns gezeigt hat, nicht. Auf diese Weise gab es viel unbewusste Inspiration für uns durch Robert und The Cure.“
Mit den Songs von „It’s A Long Goodbye“ im Gepäck gehen The Twilight Sad nun auf Tournee. Eine solch persönliche Platte im Studio aufzunehmen, ist bereits eine emotionale Herausforderung, die Songs dann aber auch noch jeden Abend vor Publikum aufzuführen – Headline-Konzerte in Deutschland stehen nach Ostern in München, Berlin, Hamburg und Köln an -, ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Was wird Graham tun, um damit umzugehen? „Ich weiß es noch nicht!“, erwidert er. „Im Moment ist es wirklich ein Sprung ins Ungewisse. Ich habe das früher schon erlebt, aber dieses Mal fühlt sich wie ein Neuanfang an. Es ist jetzt eine andere Band. Ja, es sind Andy und ich, aber es gibt neue Mitglieder, die mit uns auf Tour gehen werden, und darauf freue ich mich riesig. Was die Live-Band angeht, ist es tatsächlich eine sehr aufregende Zeit. Ich umgebe mich nun mit Leuten, die mich kennen und mir helfen können sicherzustellen, dass jeder Auftritt gut läuft und ich das Ganze gesund angehe. Aber auch ich selbst bin mir sehr, sehr bewusst, dass ich nicht dorthin zurückwill, wo ich war, und ich weiß, wie gefährlich es sein kann, auf Tour zu sein – all die Versuchungen da draußen und die schlechten Gewohnheiten. Ich meine damit nicht nur Drogen, Alkohol und all das Zeug, sondern einfach, dass man nicht weiß, wann man aufhören soll. Ich muss mir einfach öfter sagen: James, geh nach Hause, geh ins Bett oder nimm dir einfach etwas Zeit für dich selbst. Es geht darum, zu versuchen, ein sehr unnormales Leben für mich selbst ein bisschen normaler zu gestalten.“
Wie Graham gerade schon angesprochen hat, werden er und MacFarlane auf der anstehenden Tournee von neuen Mitstreiterinnen und Mitstreitern in der Band begleitet, nachdem die Band zuletzt auf das Kernduo zusammengeschrumpft war. Verantwortlich für das Rekrutieren der neuen Bandmitglieder war in erster Linie MacFarlane. „Das ist eines der schönen Dinge an diesem Album. Während ich versucht habe, mein Leben auf die Reihe zu bekommen, konnte ich mich zurücklehnen und beobachten, wie Andy sich entfaltet hat“, erinnert sich Graham. „Er hat jedes Album produziert, das wir gemacht haben, aber besonders bei diesem hat er die Zügel wirklich fest in die Hand genommen, und es war schon beeindruckend zu hören, was er sich für die Demos ausgedacht hatte. Normalerweise hasse ich es, im Studio zu sein. Ich will mir nicht eine halbe Stunde lang anhören, wie eine Snare-Drum geschlagen wird, aber dieses Mal war ich im Studio und habe es einfach wirklich genossen, allen zuzusehen – viele Leute, die in Topform waren, total begeistert und voller Tatendrang. Das hat mir wirklich Spaß gemacht. Auf dem Album hat David Jeans Schlagzeug gespielt. Er spielt derzeit bei Arab Strap, und ohne sie wären wir keine Band. Arab Strap sind eine meiner größten Inspirationsquellen, also haben wir Aidan Moffat angerufen und gefragt, ob wir uns David ausleihen könnten. Er war fantastisch und hat eine wirklich tolle Dynamik eingebracht. Am Bass und wahrscheinlich an fast jedem anderen Instrument war Alex McKay von Mogwai dabei. Er ist einfach ein Genie, und es war einfach fantastisch, mit ihm zusammenzuarbeiten. Im Studio stand ein Synthesizer, der bei ‚Violator‘ von Depeche Mode zum Einsatz gekommen war. Wir wollten ihn unbedingt für unsere Platte verwenden, aber die Leute vom Studio sagten nur: ‚Tut uns leid, der ist kaputt und niemand weiß, wie man ihn repariert.‘ Ich sah nur, wie Alex‘ Augen funkelten, und er sagte: ‚Ah, da kennt ihr mich aber schlecht!‘ Also haben wir tatsächlich ein paar Sounds aus ihm herausgeholt und ihn auf ‚Waiting For The Phone Call‘ eingesetzt!“
Weil Graham und MacFarlane die Studiomusiker nur für kurze Zeit von ihren eigentlichen Bands weglotsen konnten, werden sie bei den Konzerten von zwei anderen hochkarätigen Musikerinnen unterstützt. „Auf der kommenden Tour wird Cat Myers bei uns am Schlagzeug sitzen“, verrät Graham. „Sie war in einer Band namens Honeyblood. Dort haben wir sie kennengelernt. Sie hat schon in zahlreichen Bands gespielt und ist auch für Martin Bulloch von Mogwai eingesprungen, als er eine Auszeit brauchte. Ich habe Martin noch nie so voll des Lobes über jemanden sprechen hören, und weil er für gewöhnlich schwer zufriedenzustellen ist, folgte ich seinem Rat. Ganz abgesehen davon ist Cat auch einfach eine liebenswerte Person. Am Bass haben wir Simone Butler, die gerade Primal Scream verlassen hat. Wir haben sie jahrelang spielen sehen und auf so vielen Alben gehört! Wir haben auch ein neues Management. Das sind Simon und Abbey Raymonde, die das Label Bella Union leiten, und Simon war natürlich zuvor auch in einer der besten Bands aller Zeiten. Er hat uns dabei geholfen, alles zusammenzubringen.“
Ganz schön viel Prominenz also für eine kleine Band, die nie dem großen Erfolg nachgejagt ist. Das sieht auch Graham so, wie er abschließend lachend verrät: „Neulich ist mir bewusst geworden: Wir sind auf dem Label von Mogwai, unser Manager war bei den Cocteau Twins und wir sind Vorband von The Cure. Du hast wirklich nichts zu meckern, James! Ich bin mir sicher, ich werde schon etwas finden, über das ich mich beschweren kann, aber allein diese Unterstützung zu haben, ist einfach unglaublich.“
„It’s The Long Goodbye“ von The Twilight Sad erscheint auf Rock Action Records/PIAS/Integral.




