Manche MusikerInnen – besonders solche, die sich auf traditionellem musikalischen Terrain bewegen, wie das Abigail Lapell tut – tun sich ja manchmal schwer, Themen oder Konzepte zu finden, unter denen sie ihre Songs versammeln könnten. Für die kanadische Songwriterin Abigail Lapell war das im Falle ihres neuen Albums „Shadow Child“ aber gar kein Problem. Nachdem die Musikerin aus Toronto mit ihrem ersten Kind schwanger war und kurz vor der Niederkunft stand, buchte sie sich in ein Studio auf Vancouver Island ein, um dort ein ganzes Album mit neun Songs über die neun Monate einzuspielen, die sie mit dem bis dahin ungeborenen Kind (dem im Titel des Albums besungenen „Shadow Child“) verbracht hatte. Eine Deadline hatte sie sich damit auch gleich noch gesetzt, denn kurz nach den Aufnahmen wurde im November 2024 ihr Sohn geboren.
Der Ökonomie wegen spielte Abigail dann fast alle Instrumente selbst ein und verzichtete auf aufwändige Band-Arrangements – nicht indes auf die Beiträge ihrer Songwriter-Kolleginnen Frazey Ford, Jill Barber, Pharis Romero und Dana Sipos, die sie gesanglich unterstützten – und als Mütter das Thema sicherlich emotional bestens nachvollziehen konnten. Sicherlich nicht zufällig entstand so Abigails persönlichstes und emotionalstes Werk. Das wäre ja auch zu erwarten gewesen – eher überraschend ist dann allerdings die Tatsache, dass es auch musikalisch ihr stärkstes Album geworden ist.
Vielleicht gerade deswegen, weil hier alles so intim und persönlich angerichtet ist und eben auf eine klassische Band-Beteiligung verzichtet wurde, dafür aber die Arrangements mit vielen liebevollen kleinen Akzenten und Details angereichert wurden, ergibt sich ein für eine Folkpop-Scheibe (mehr will „Shadow Child“ auch gar nicht sein) ein bemerkenswert reichhaltiges und vielschichtiges Klangbild.
Abigail selbst spielt neben Gitarre und Klavier noch verschiedene Keyboards, Akkordeon und Harmonica (und macht dem einleitenden „Whistle Song“ alle Ehre, indem sie ganze Strophen pfeift). Dann lud sie neben den Gesangspartnerinnen ein paar Freunde ein, die mit ihren Beiträgen punktuell entscheidende Akzente setzten: Cellistin Peggy Lee, Bassist Scott White, Percussionist Blake Howard und Theremin-Spieler Michael Phillip Wojewoda treten dabei nur punktuell in Erscheinung – aber gerade das macht dann den Reiz der Vielseitigkeit aus – und zwar im Brain Wilson’schen Sinne, dass der Zuhörer gar nicht klar definieren kann, welche Instrumente welche Sounds erzeugen. Und woher die Flöten-Sounds in dem Track „Talking To Myself“ herkommen, wird überhaupt nicht deutlich.
Das wäre natürlich kaum etwas Wert, wenn es keine ordentlichen Songs als Basis gäbe. Doch Abigail Lapell übertrifft sich auch in dieser Hinsicht selbst, wenn sie ihre Songs strukturell, melodisch und harmonisch ambitioniert und wagemutig in immer wieder neue Richtungen führt, dabei zuweilen das klassische Strophe/Refrain-Schema aufbricht und insbesondere in Bezug auf die Bridges geradezu musikalische Grundlagenforschung betreibt. Dabei gelingt es ihr dennoch den Fokus ganz auf die aufwendig gestaffelten Gesangsbeiträge zu legen – wobei wegen der fünf doch recht unterschiedlichen Gesangs-Stimmen auch hier Abwechslung und Reichhaltigkeit angesagt sind. Und wer befürchtet haben mochte, dass es hier allzu sentimental zuginge – weit gefehlt, denn mit dem abschließenden Wiegenlid „Sing A Rainbow“ gibt es nur ein echtes Kinderlied auf der Scheibe – die anderen Songs sind dezidiert universeller angelegt.
„Shadow Child“ von Abigail Lapell erscheint auf Outside/Bertus.




