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Wieder das Gleiche, nur anders: Auf ihrem feinen zweiten Album, „Run, Run Pure Beauty“, bleiben Francis Of Delirium den Tugenden ihres vor zwei Jahren erschienenen LP-Erstlings „Lighthouse“ treu, geben ihren Ideen nun aber eine deutlich größere Bühne. Auch wenn DIY-Tugenden weiterhin eine große Rolle für sie spielen: Auf dem neuen Album bekennt sich Mastermind Jana Bahrich zu ihrer Liebe zum Grunge der 90er-Jahre und rückt im Spannungsfeld von Wucht und Zerbrechlichkeit nun aber stärker orchestrale Elemente in den Mittelpunkt. Mehr noch: Auch (indie-)poppige Eingängigkeit der Sufjan Steven’schen Schule ist inzwischen kein Fremdwort mehr für sie.
Beginnen wir mit einem kurzen Blick zurück. Geboren in Belgien, kam Jana Bahrich über Stationen in der Schweiz und Kanada – ihre Eltern sind internationale Lehrkräfte – vor mehr als einem Jahrzehnt nach Luxemburg, wo sie Francis Of Delirium als 15-Jährige mit ihrem aus den USA stammenden Musiklehrer Chris Hewitt als Drummer, Produzent und Co-Songwriter aus der Taufe hob (Live wird sie heute von Bassist Jeff Hennico und Schlagzeuger Denis Schumacher unterstützt). Eine erste von insgesamt drei EPs erschien bereits 2019, bevor Bahrich nach der COVID-19-Zwangspause auch live im Vorprogramm von Horsegirl oder Soccer Mommy nicht nur uns hier bei Gaesteliste.de begeisterte. Vor zwei Jahren folgte dann das Francis-Of-Delirium-Debütalbum „Lighthouse“, das nun den Weg frei macht für „Run, Run Pure Beauty“.
Wie schon ihre früheren Veröffentlichungen gewährt uns Bahrich auch auf der neuen LP, kompromisslos und emotional aufgeladen, Einblicke in ihr (Seelen-)Leben. Ihre neuen Lieder lässt sie um Selbstfindung, Verzweiflung und Durchhaltevermögen kreisen und rückt so Hoffnung und innere Stärke in unsicheren Zeiten in den Fokus, um so ihr eigenes Wachstum auf ihrem Weg durch eine immer komplizierter werdende Welt nachzuzeichnen. Als Leitbild diente ihr dabei „eine Vision der Welt, nachdem sie von Menschen und Technologie zerstört wurde“, wie sie in den Pressematerialien zum Album erklärt. „Im Kampf gegen das, was die Menschen zurückgelassen haben, setzt sich letztendlich die reine Schönheit der Natur durch.“
„Run, Run Pure Beauty“ zeugt aber nicht nur inhaltlich von Bahrichs Wachstum. Auch klanglich zeigt sie sich hier mit einer Fülle an Harmonien und einem breit gefächerten Instrumentarium jenseits des üblichen Indierock-Bestecks interessiert am Entdecken der Möglichkeiten und scheint dabei bisweilen auf ähnlichen Pfaden zu wandeln wie Lindsey Jordan auf dem aktuellen Snail-Mail-Album „Ricochet“.
Im Oktober sind Francis Of Delirium bei sechs Konzerten in ganz Deutschland auf der Bühne zu erleben, vorab widmete sich Jana Bahrich unseren Fragen.
GL.de: Jana, wenn du zurückblickst: Was ist die wichtigste Lektion, die du auf deinem bisherigen Weg gelernt hast, die du nun auf „Run, Run Pure Beauty“ anwenden konntest?
Jana Bahrich: Ich denke, man muss sich immer wieder daran erinnern, dass Zweifel ein natürlicher Teil des Prozesses sind. Am Ende des Albumproduktionsprozesses kommt ein Punkt, an dem ich keine Ahnung mehr habe, wie irgendetwas klingt oder was ich eigentlich sagen wollte. Das kann meinem Verstand ganz schön zusetzen. Da ich bereits ein Album und drei EPs produziert habe, habe ich gelernt, dass man, wenn man so viel Zeit mit einem Projekt verbringt, eine Art Ausdauer gegenüber dem eigenen Verstand entwickeln muss. Ich musste lernen, mich auf die Zweifel einzulassen und es trotzdem fertigzustellen. Erst zwei Jahre, nachdem ein Album (oder eine EP oder ein Song) erschienen ist, kann ich zurückblicken und es genießen.
GL.de: Auf „Run, Run Pure Beauty“ hast du klanglich einige Veränderungen vorgenommen, hin zu einem breitwandigeren Sound und mehr orchestralen Elementen. Was treibt dich dazu, deinen Sound neu zu definieren?
Jana Bahrich: Ich hatte eine Zeit lang ein Waldhorn in meinem Zimmer, auf dem ich früher gespielt habe, und auch eine Geige. Ich habe schon zuvor ein paar Mal versucht, sie einzubauen, aber es hat nie richtig geklappt. Manchmal sagen einem die Songs einfach, was sie wollen. Ich lasse mich von viel Filmmusik und Kunstmusik bzw. klassischer Musik inspirieren. Howard Shores Filmmusik zu „Der Herr der Ringe“ war für mich ziemlich prägend, ebenso wie das Waldhornspielen und die Musik von Brahms und Mahler in meiner Jugend. Als ich dann Sufjan Stevens entdeckte und sah, wie er orchestrale Klangwelten mit Pop-Songwriting verband, war ich begeistert. Also habe ich einfach versucht, Waldhorn und Streicher nach und nach dort in meine Musik einzubauen, wo es Sinn ergibt und wo die Songs es zulassen.
GL.de: Wenn man bedenkt, dass du zu jung bist, um den Sound der 90er-Jahre aktiv miterlebt zu haben, aus dem deine Musik (zumindest teilweise) immer noch zu schöpfen scheint: Was findest du an dieser musikalischen Ära, was reizt dich daran?
Jana Bahrich: Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, als ich zum ersten Mal auf das Musikvideo zu „Jeremy“ von Pearl Jam geklickt habe. Da war so viel Schwere und Düsterkeit in diesem Text, und in Verbindung mit dem Video, das alles noch eindringlicher machte, konnte man das regelrecht im Bauch spüren. Ich glaube, es war die Ehrlichkeit auf dem Album „Ten“ sowie auf Nirvanas „In Utero“ und „Nevermind“, die mich in den Bann gezogen hat – und das, obwohl die Songs so gewaltig und unmittelbar sind. Von da an war ich geradezu besessen davon, Live-Videos anzuschauen: „MTV Unplugged“, Auftritte beim Pukkelpop, Reading. Als ich aufwuchs, habe ich mir auf YouTube hauptsächlich Live-Auftritte angesehen, und das waren oft welche von Pearl Jam und Nirvana.
GL.de: In der Vergangenheit schienen deine Texte stets eine sehr direkte Reaktion auf das zu sein, was in deinem Leben passiert ist. Die EP „Funhouse“ handelte von der Isolation, in die du dich beim Schreiben dieser Songs zurückgezogen hast, das Album „Lighthouse“ handelte von Liebe, weil du verliebt warst. Wie hat sich der lyrische Schwerpunkt des neuen Albums herauskristallisiert?
Jana Bahrich: Ich glaube, dieses Album wurde zu einer großen Suche nach Sinn. Eine Zeit lang konnte ich dieses Album nicht wirklich einordnen. Es kamen zwar fertige Songideen auf, aber ich konnte bis zum Schluss nicht sagen, wohin das führen sollte. Ich glaube, die Antwort, die ich gefunden habe, lag im Schaffensprozess selbst: Sinn finden durch den Akt des Schaffens.
GL.de: Hoffentlich ist die Frage nicht zu persönlich, aber: Wie hat dich die Tatsache, dass du das Musikmachen als Ventil für deine Emotionen nutzen kannst, als Mensch verändert?
Jana Bahrich: Ich glaube, insbesondere das Touren hat nicht nur mich, sondern uns als ganze Band verändert. Ich mache vieles selbst, aber auch die Art und Weise, wie wir als Band touren, ist sehr minimalistisch. Meistens touren wir nur zu dritt. Nur in den USA haben wir manchmal einen Tontechniker mitgenommen, als ich noch zu jung war, um ein Auto zu mieten. Da wir nur zu dritt sind, sind wir alle aufeinander angewiesen und übernehmen viel mehr Aufgaben als nur das Spielen. Wenn ich rausgehe, um Merchandise zu verkaufen, packen meine Bandkollegen Jeff und Denis das Equipment zusammen. Jeff baut jeden Abend eine Kamera auf, um die Shows zu filmen. Wir wechseln uns beim Fahren ab und teilen uns jeden Abend ein Zimmer. Man verbringt viel Zeit miteinander, was viele Herausforderungen und ein Wachstum in der Kommunikation mit sich gebracht hat und dazu geführt hat, dass wir im Umgang miteinander einfühlsamer geworden sind.
GL.de: Es scheint, als würden heute viele Bands den DIY-Ansatz am liebsten so schnell wie möglich hinter sich lassen. Du hingegen übernimmst auch weiterhin stolz eine Reihe verschiedener Aufgaben und erledigst so viel wie möglich selbst. Wie kommt das?
Jana Bahrich: Es gab einen Moment, als sich die DIY-Tugenden zu verflüchtigen begannen, und das hat alles verlangsamt. Plötzlich gab es mehr Leute, mit denen man alles absprechen musste, um die Dinge in Gang zu bringen. Diese Langsamkeit war frustrierend. Viele meiner visuellen Ideen sind gerade in letzter Zeit erst in letzter Minute entstanden. Das Stop-Motion-Video, das ich für „Requiem For A Dying Day“ gemacht habe, habe ich zwei Wochen vor der Veröffentlichung des Songs gedreht. Das Albumcover wurde erst in letzter Minute fertiggestellt, nachdem ich monatelang experimentiert hatte. Das Gleiche gilt für das Abmischen und das Mastering. Ein stärkerer DIY-Ansatz bedeutet für mich mehr Flexibilität. Er gibt mir die Möglichkeit, bei Bedarf etwas mehr Zeit zu haben, um etwas zu schaffen, auf das ich stolz bin, und die auch Gelegenheit, eine Idee zu entwickeln und sie in letzter Minute auszuprobieren.
GL.de: Wenn man bedenkt, dass du als Francis Of Delirium viele verschiedene Hüte aufhast – Sängerin, Musikerin, Songwriterin, Produzentin – und dich zudem um die visuelle Präsentation kümmerst: Welche Rolle gefällt dir am besten, welche am wenigsten?
Jana Bahrich: Wenn ich mich wirklich für eine Lieblingsrolle entscheiden müsste… Das fiele mir ziemlich schwer, denn ich liebe den Balanceakt zwischen all diesen Aufgaben, von einer zur anderen zu springen. Wenn mich ein Bereich nicht inspiriert, wechsle ich zu einer anderen Form und finde neue Inspiration. Wenn ich mich jedoch für eine entscheiden müsste, wäre es wohl das Auftreten. Alles dient dem Zweck, die Show auf die Beine zu stellen und Leute dazu zu bringen, zu kommen. Allerdings mag ich es nicht sonderlich, eine Show aufzubauen oder dafür zu proben. Mir ist es lieber, wenn sich alles ganz natürlich ergibt, einfach dadurch, dass ich viel auftrete.
GL.de: Du hast bereits viele großartige Erfahrungen mit Konzerten in aller Welt hinter dir. Was ist das Wichtigste auf deiner bucket list, was du mit Francis Of Delirium unbedingt noch erreichen möchtest?
Jana Bahrich: Wir haben es immer noch nicht nach Neuseeland geschafft, um dort aufzutreten, und, was noch wichtiger ist … das Auenland zu besuchen! Das muss unbedingt passieren!
„Run, Run Pure Beauty“ von Francis Of Delirium erscheint auf Dalliance Recordings.




