Share This Article
Lucky Break ist der Projektname, den sich die in New York geborene, heutzutage aber in San Francisco lebende und in L.A. arbeitende Songwriterin Emma Gerson sich ausgesucht hat – wohl um die glücklichen Umstände, denen sie ihre Karriere als Musikerin zu verdanken hat, zu betonen. Bevor Emma nämlich als Lucky Break unterwegs war, arbeitete sie zunächst als Assistentin bei einem Major Label und arbeitete sich allmählich – mit dem entsprechenden Fachwissen ausgestattet – an ihre Tätigkeit als Songwriterin heran.
Das nun vorliegende Debüt-Album „made it!“ bereitete Emma Gerson sorgfältig vor, indem sie – zunächst unter ihrem eigenen Namen und dann unter dem Projektnamen Lucky Break – einige Singles und EPs veröffentlichte. Als es dann daran ging, ihre im Laufe der Zeit angesammelten Coming-of-Age-Songs zur vollen Blüte zu führen, tat sie sich mit ihrem musikalischen Partner, dem Multiinstrumentalisten und Produzenten Elliott Woodbrige, zusammen. Tatsächlich spielten Elliott und Emma gemeinsam alle Instrumente ein, die auf dem Album zu hören sind, und produzierten das Werk in einem kleinen Studio ohne großen technischen Aufwand am Computer. Das ist deswegen wichtig, weil das Album keineswegs als schnörkelige Low-Fi-Angelegenheit daherkommt, sondern vom Sound-Design bis zum klanglichen Volumen ganz in der Tradition von älteren und neueren Power-Pop-Genre-Queens – von Avril Lavigne über Soccer Mommy bis zu Snail Mail – überzeugt; in deren Riege sich das Lucky Break-Projekt mühelos einreiht.
Hat Emma Gerson mit dem Rezept, alles, was ihr in den Sinn kommt, musikalisch zu verwurschteln, ihren Sound bereits gefunden? Denn im Prinzip klingt jeder der neuen Songs ein bisschen anders als die anderen. „Na ja, mag sein, dass ich in der Zukunft vielleicht ein stimmigeres Sounddesign anstreben werde“, räumt sie ein, „aber ich denke, indem ich viel neue Musik höre und mich auch von neuer Musik inspirieren lasse, werde ich kaum jemals auf einem typischen Signature-Sound landen und dabei bleiben. Ich will immer auch herumspielen und experimentieren.“
Was natürlich als prägendes Element im Soundmix hervorsticht, ist der Gesang. Nun hat Emma keine Rock-Stimme im klassischen Sinn – gleichwohl viele ihrer Tracks im Power-Pop-Gewand mit kräftigem Rockdrive daherkommen. Wie sieht sie sich selbst als Sängerin? „Großartige Frage“, überlegt Emma, „ich denke, vor allem will ich die Emotion eines jeden Songs so aufrichtig wie möglich rüberbringen. Dann möchte ich auch die Story des Songs gesanglich unterstützen. Dazu verkörpere ich dann den Charakter, der den Song erzählt. Natürlich bin das dann immer noch ich – aber eine High-End-Version davon. Nehmen wir mal den Song ‚Crush‘ – denn der Song hat so viele Wörter, dass ich da schon genau überlegen musste, wie ich den erzählen wollte, damit er seine Dynamik beibehält, ich aber trotzdem die Geschichte erzählen konnte – und zwar über meine Stimme, und nicht nur die Wörter.“ Ist das vielleicht auch der Grund, warum dieser Song mit dem Refrain – und nicht etwa einem Intro oder einer Strophe beginnt? „Ja“, räumt Emma unumwunden ein.
Da hat Emma wohl einen Punkt. Viele ihrer Tracks haben für Pop-Songs schon ziemlich viele Wörter. Beispielsweise auch in der zuletzt als Single veröffentlichten Power-Ballade „Dark Light“. Hier verlegt sie dann die Geschichtenerzählerei fast schon als Rezitativ in die Strophen, um dann im erlösenden Refrain gesanglich aufdrehen zu können. Wie schon gesagt: Lucky Break macht vieles genau richtig.
Apropos Geschichtenerzählerei: Was ist denn dann der kreative Startpunkt für Emma als Songwriterin? „Hm“, überlegt sie, „ich nehme ja für gewöhnlich irgendetwas aus meinem Leben, über das ich schreibe – meistens ein Gefühl. Und dann spiele ich auf der Gitarre herum und suche nach einer Melodie. Wenn ich dann eine Melodie gefunden habe, suche ich nach Worten, die dann zu der Melodie passen.“ Gibt es in diesem Prozess dann eigentlich ein „warum“ als Startpunkt – oder lässt sich Emma von ihrer Intuition oder der Musik selbst leiten? „Wenn du sagst ‚warum‘ – meinst du dann, dass ich mich frage, warum ich einen Song schreiben sollte?“, fragt Emma zurück, „Hah – das ist eine wirklich interessante Frage. Ich glaube, dass ich nicht nach einem ‚warum‘ frage, wenn ich einen Song schreibe. Manchmal frage ich mich aber generell, warum ich dies und jenes tue, weil ich da Selbstzweifel habe. Aber das ist dann das einzige Mal, dass ich danach frage – weil ich eigentlich den Moment fühle, wenn ich Songs schreibe – und sich dieser dann ziemlich dringlich anfühlt.“
Das mal alles eingedenk: Warum sind dann die Songs auf dem Album alphabetisch sortiert? Das ist ja schon sehr ungewöhnlich. „Also, als das Album dann fertig hatte und an meine Mastering-Technikerin sendete, schickte sie das Material alphabetisch sortiert zurück. Ich schickte dann diese Master zu meinem Manager und dem Label und wir hörten uns dann das Material in dieser Reihenfolge an. Als wir uns dann fragten, wie wir die Stücke sortieren sollten, stellten wir fest, dass das ganz gut funktionierte. Irgendwie spricht es für den bibliophilen Charakter des ganzen Albums.“ Nun: Bibliotheken sind ja irgendwie auch alphabetisch organisiert.
Wenn es nicht die Sortierung der Songs ist: Was ist denn der Fokus, auf den sich Emma Gerson als Musikerin ausrichtet? „Wow“, meint sie erneut, „ich glaube, das verändert sich mit der Zeit ständig. Wenn ich etwas mache, dann das eigentlich Faszinierende für mich, auszuloten, wie weit ich damit gehen kann und wie interessant ich es machen kann. Wenn ich dann eine Show spiele, ist für mich immer am spannendsten zu schauen, wie ich die Songs spielen muss, damit ich alle im Raum erreichen und verbinden kann. Ich war noch nie auf Tour – das steht aber als nächstes an. Momentan frage ich mich also, wie das wohl sein wird, wenn ich in den nächsten Monaten auf Tour bin. Ich bin sehr darauf gespannt, wie das wohl sein wird und wie der ganze Prozess abläuft. Aber wie gesagt: Mein Fokus ändert sich ständig.“
Es gibt auf dem Album ja einen wilden Mix an Vibes, Stilen und Genres. Gibt es da eine bestimmte Richtung, die Emma anstrebt – oder macht sie jeweils das, wonach der jeweilige Song verlangt? „Ich denke nicht, dass ich da irgendetwas bevorzuge“, zögert Emma, „ich mag die Streicher in dem Song ‚Darklight‘ – die hören sich wirklich cool an. Ich mag den Bass in ‚Crush‘ und die seltsamen kleinen Zimbel-Sounds im ‚Camp Song‘. Ich liebe einfach Sounds im Allgemeinen. Wenn ich an einem Song arbeite, dann folge ich dem, was mich vom Klang her inspiriert. Ich bin aber stets interessiert an jedem Genre, das ich mal ausprobieren könnte.“
Was ist denn die größte Herausforderung für die Songwriterin Emma Gerson – besonders unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sie sich ein Genre ausgesucht hat, in dem es viel Konkurrenz gibt und vieles schon ausprobiert worden ist? „Ich denke, dass die Herausforderung tatsächlich die ist, in einer wettbewerbsorientierten Branche zu arbeiten“, überlegt Emma, „aber andererseits glaube ich auch, dass jede Person, die Musik veröffentlicht, etwas zu sagen hat und es wirklich keinen Mangel an Menschen gibt, die sich das dann auch anhören werden. Ich höre mir Phoebe Bridgers an und ich höre Fiona Apple. Ich diskriminiere da nicht einen Künstler gegenüber anderen. Ich denke einfach, dass die größte Herausforderung die ist, mich zu fragen, wie ich meine eigene kleine Nische in der Welt erschaffen kann – für meine Kunst und für die Leute, die mir zuhören wollen. Die Frage, wie ich das erreichen könnte, geht einher mit der Frage, wer ich bin und an was ich glaube.“
Gibt es denn ein Rezept, dieses Ziel auch zu erreichen? „Nein“, lacht Emma. „Wenn jemand so ein Rezept hat, dann schickt es mir bitte. Ich glaube aber, dass, wenn du Sachen erschaffst, die Leute, für die diese Sachen dann von Nutzen sein könnten, sie auch finden werden. Wenn man nur immer weiter macht, dann werden die Menschen, die es brauchen können, es hoffentlich auch finden.“
Was macht Emma denn bis jetzt am meisten Spaß – und was ist nicht so schön an ihrem Job? „Also, was am meisten Spaß macht, ist Shows zu spielen und viele Freunde durch die Musik zu gewinnen. Ich habe durch die Musik so viele erstaunliche Menschen getroffen und so viele neue Freunde gewonnen. Das macht also am meisten Spaß. Ich denke, dass jeder Künstler heutzutage das Gefühl hat, ständig etwas machen zu müssen. Darüber schreibe ich in meinem Blog: Sollte ich umziehen? Sollte ich diesen oder jenen Job in der Industrie annehmen? Sollte ich zehn TikToks am Tag posten? Das, was mir also nicht so viel Spaß an meinem Job macht, ist, mich durch diese ganzen ’sollte‘-Fragen zu arbeiten und zu entscheiden, was für mich am besten ist.“
Bevor Emma selbst Musik gemacht hatte, hatte sie als Assistentin bei einem Major-Musiklabel gearbeitet. Hat sie aus dieser Zeit dann etwas für sich mitnehmen können? „Ja, definitiv“, bestätigt sie, „ich habe viel darüber gelernt, wie Major-Label funktionieren und wie der ganze Prozess gestaltet ist. Das war schon eine wertvolle Erfahrung. Ich bin sogar dankbar, dass ich noch eine Menge Freunde aus dieser Zeit habe, mit denen ich noch in Verbindung bin.“
Geht es auf diesem Album dann vielleicht auch um Eskapismus und/oder Empowerment? „Das will ich doch hoffen“, meint Emma, „aber das müssten eigentlich andere Leute entscheiden. Ich wollte mit dem Projekt Lucky Break auf jeden Fall eine Welt erschaffen, in die die Menschen eintauchen können.“
Was bedeutet denn die Musik für Emma im übergreifenden Sinne? „Wow“, überlegt sie zunächst, „also zunächst wuchs ich in einer Familie auf, die sehr musikalisch ausgerichtet war. Meine Mutter hat als Künstlerin zum Beispiel Sprache und Gesang gelehrt. Ich wuchs auf, indem ich mich an Künstlern orientierte, um die Welt verstehen zu können und herauszufinden, was der Sinn des Lebens ist. Ich habe dann versucht, etwas zu erschaffen, das die Menschen fühlen lässt, dass sie nicht alleine sind. Musik ist ein großartiges Werkzeug, um das herum man sein Leben ausrichten kann. Das wirst du ja nachvollziehen können, wenn du dich mit der Musik beschäftigst. Musik ist ja deswegen so großartig, weil man so viele Menschen trifft und so viele Dinge lernt, wenn man sein Leben darum herum organisiert. Musik kann wie eine Blaupause für dein Leben sein.“
Letzte Frage: Was will uns denn der Projektname Lucky Break sagen? „Eine meiner Lieblingsbands ist Big Star. Ich habe mir gedacht, dass es cool wäre, einen augenzwinkernden Namen wie eben Big Star zu haben. Ich habe einen Artikel über meinen alten Boss bei dem Label gelesen, weil ich seine Psyche besser verstehen wollte, damit ich eine bessere Angestellte sein könnte. In dem Artikel erzählte er davon, dass er in einem Plattenladen gearbeitet habe, und dass das sein erster Glücksfall im Business gewesen sei. Und da dachte ich mir, dass das doch ein cooler Projektname für mich wäre.“
„made it!“ von Lucky Break erscheint bei Fire Records/Cargo.




