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Mit ihrem letzten Album, „Attachment Theory“, hatte sich Sophie Chassée produktionstechnisch dem Pop zugewandt, jetzt rückt die in Köln heimische Singer/Songwriterin wieder das in den Mittelpunkt, was sie seit vielen Jahren auszeichnet. „Elyra / Solune“ heißt ihr neues Werk, mit dem sie einen Bogen von anspruchsvollem Modern-Fingerstyle-Gitarrenspiel zu emotionalen Songs im Dunstkreis von Indie und Folk schlägt – und erstmals auch mit zwei deutschsprachigen Songs überrascht. Nachdem sie auf dem letzten Album eine zerbrochene Liebe aufgearbeitet hatte, ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen, werden auch die neuen Lieder, die um persönliche Stärke, Rückschläge, Hoffnung und natürlich auch die Liebe kreisen, von tief empfundenen Emotionen befeuert.
Sophie Chassée ist erst Ende 20, hat aber schon viel erreicht. Nicht nur, „Elyra / Solune“ bereits ihr sechstes Soloalbum ist, auf dem sie im Geiste Andy McKees oder John Mayers mit ihrem filigranen Gitarrenspiel glänzt, in der Vergangenheit teilte sie auch bereits die Bühne mit Gitarrenvirtuosen wie Jon Gomm, Joscho Stephan und Mike Dawes und trat als Bassistin von AnnenMayKantereit, Alli Neumann oder Blumengarten in Arenen oder sogar Fußballstadien auf. Mit der Frage, was sie rückblickend am meisten stolz macht, tut sie sich im Gaesteliste.de-Interview trotzdem schwer.
„Ich hab’s ja nicht so mit dem Stolz“, erwidert sie lachend. „Das ist immer ein schwieriges Thema für mich. Aber ich glaube, ich bin auf das neue Album sehr stolz. Vor allen Dingen bin ich stolz darauf, dass ich das geschafft habe, denn die meisten Songs sind innerhalb von nur zehn Tagen entstanden und ich hatte zuvor noch nie solch einen Songwriting-Marathon wirklich erfolgreich abgeschlossen.“
Der ungewöhnliche Doppeltitel ihres neuen Albums symbolisiert derweil zwei Seiten der gleichen Medaille. Die fünf bereits vorab auf der EP „Elyra“ veröffentlichten Songs rücken Sophies Vorliebe für Modern-Fingerstyle-Tugenden ins Zentrum, während sich die „Solune“-Songs, die nun das Album vervollständigen, einem organischen Folk-Pop-Sound widmen, der im Gegensatz zum Vorgänger „Attachment Theory“ etwas weniger auf Mainstream und Zeitgeist schaut.
„Mehr Gitarre, mehr Fingerstyle und mehr ich“, hatte Sophie bei der Crowdfunding-Kampagne für „Elyra / Solune“ im vergangenen Herbst als Ziel ausgegeben, und tatsächlich hat sie bei diesen zehn von Ben Howard, José Gonzalez, Petteri Sarola, Lizzie McAlpine und sogar Mk.gee inspirierten Songs auch keine Mühe, ihre Vorstellungen Realität werden zu lassen. Doch was hat in ihr eigentlich den Wunsch ausgelöst, den vor zwei Jahren auf „Attachment Theory“ beschrittenen Weg zumindest ein Stück weit zu verlassen?
„Ich glaube, das kam vor allem aus der Erfahrung heraus, dass beim letzten Album doch viel gesagt wurde: ‚Ja, Fingerstyle darf dabei sein, aber wir mischen das mit Pop‘, oder: ‚Das darf nicht zu extrem sein’“, sagt sie. „Deshalb gab es auf der letzten Platte eigentlich nur zwei Fingerstyle-Songs – ‚Fleeting‘ und den Zaunkönig-Song (‚Last Journey Of The Wren‘) -, aber sonst hieß es immer: ‚Die Gitarre darf nicht zu sehr im Fokus sein, und das muss alles jetzt ein bisschen poppiger sein.’“
Auf „Elyra / Solune“ hingegen kehren nun wieder die Tugenden zurück, mit denen Sophie schon in der Vergangenheit auf Alben wie „Progress“ (2016) oder „Lesson Learned“ (2021) begeistern konnte.
„Beim neuen Album war es mir bei der Produktion wichtig, dass bei Songs wie ‚Treehouse‘ oder ‚Not Enough‘ wirklich alle Elemente mit der Gitarre eingespielt sind. Da war es auch egal, wenn man sie gelayert hat, denn Fingerstyle bedeutet für mich auch, dass man das meiste aus der Gitarre selber herausholt und alles andere nur unterstützt und nicht andersherum, wie es vielleicht beim letzten Album gewesen ist. ‚Mehr ich‘ ist es natürlich auch, weil ich dieses Mal komplett die Chefin war. Wenn ich gesagt habe: ‚Ich will das machen!‘, dann wurde das auch gemacht. Das hatte ich vorher noch nie in der Form.“
Nachdem „Attachment Theory“ ein Album war, das Sophie machen „musste“ (um eine schmerzvolle Trennung zu verarbeiten), ist „Elyra / Solune“ nun gewissermaßen die Platte, die sie – gerade auch in klanglicher Hinsicht – machen wollte. Doch auch wenn sie dieses Mal produktionstechnisch die Zügel fester in der Hand hielt als je zuvor – ganz allein hat sie die neue Platte dennoch nicht aufgenommen. Unterstützt wurde sie vor allem von Jonas Axt, der bei den Aufnahmen in den schleswig-holsteinischen Cherry Tree Studios als Produzent fungierte.
„Jonas ist ursprünglich ein Studienkollege von mir aus Osnabrück“, verrät Sophie. „Wir sind einfach supergut befreundet und er hat ja auch schon beim letzten Album mitgewirkt, neben Jem Seifert, dem anderen Produzenten. Mit Jonas zu arbeiten ist immer total entspannt, denn wir verstehen uns musikalisch auch (fast) ohne Worte. Wenn ich etwas sage wie: ‚Ich will einen Synthie, der ein bisschen Sparkle macht und luftig durch die Gegend fliegt‘, dann weiß er ganz genau, was ich meine, und macht genau diesen Sound. Auch wenn er selbst kein Fingerstyle-Dude jetzt ist – er kommt eigentlich aus dieser Bon-Iver-Folk Ecke -, hat er trotzdem gesagt, er macht das.“
Tatsächlich fühlte sich Sophie während des Entstehungsprozesses von „Elyra / Solune“ bei ihrem Produzenten gut aufgehoben. „Ich wusste einfach, dass Jonas mich gut unterstützt in meinen musikalischen Visionen, einfach, weil wir uns so gut verstehen“, sagt sie. „Er weiß ganz genau, wann er was sagen kann, weil irgendwas vielleicht komisch ist oder etwas nicht passt. Er macht das auf ’ne sehr angenehme Art und Weise und redet mir da nicht so rein, sondern ist sehr unterstützend. Genau das war auch seine Aufgabe. Ich habe ihm von Anfang an gesagt: Ich will das und das, und so und so stelle ich mir das vor, und das sind die Referenzen. Er hat dann die Referenzen rauf und runter gehört und sich da richtig reingefuchst.“
Auf dem neuen Album ist auch erstmals die Harp Guitar zu hören, die Sophie liebevoll Riley getauft hat und mit der sie ihre erste Liebe zur Gitarre mit ihrer zweiten Leidenschaft, dem Bassspiel, vereinen kann. Live spielt sie das imposant aussehende Instrument schon seit einigen Jahren, doch auf Platte feiert es erst jetzt seine Premiere. Der Grund dafür ist nicht zuletzt die Komplexität der Harp Guitar.
„Es gibt noch zigtausend Entwürfe und Ideen auf dem iPhone oder in der App, aber das Tuning, dass man nicht alles einfach mal schnell umstimmen kann, ist schon ein Problem“, erklärt Sophie den langen Anlauf. „Ich würde die Harp Guitar tatsächlich sehr gerne noch viel mehr in die Live-Konzerte einbauen.“ Lachend fügt sie hinzu: „Vielleicht ergibt sich das ja, wenn ich irgendwann in meinem Leben mal drei Stunden spielen darf.“
Unverändert ist derweil, dass auch dieses Mal in vielen Liedern eine sanfte Schwermut mitschwingt, etwa, wenn mit dem bereits erwähnten „Treehouse“ auch auf dieser LP ein Lied um die Erinnerung an ihre geliebte, vor fünf Jahren verstorbene Großmutter kreist. Schon immer waren Melancholie und Trauer ein wichtiger kreativer Motor für Sophie. Ihr Songwriting wird so zum Kompass ihrer Gefühle, um Ereignisse und Erlebnisse in ihrem Leben zu sortieren und zu verarbeiten. „Natürlich ist das Songwriting für mich auch eine Form von Therapie“, sagt sie. „Auf dem neuen Album sind zum Beispiel Songs wie ‚Not On Me‘ oder ‚Not Enough‘ aus einer krassen Wut heraus entstanden, die man, glaube ich, auch spürt. Dann ist es auch irgendwie erst mal gut, dann ist das erst mal raus. Für die Konzerte kann ich mich da immer reinfühlen und reinversetzen, aber in erster Linie ist es für mich total gut, diese Emotionen irgendwo hinpacken zu können.“
Die wohl größte Überraschung auf „Elyra / Solune“ ist derweil, dass sie sich erstmals auch an zwei deutschsprachige Songs herangewagt hat. Zumindest ein Stück weit ist dieser Schritt auch der kurzen Entstehungsphase des neuen Albums geschuldet. Mit dem erklärten Ziel, die Platte ohne großen Anlauf fertigzustellen, rückte auch die Freude am Ausprobieren stärker ins Zentrum.
„Alle haben immer gesagt: ‚Du kommst groß rauskommst, wenn du mal auf Deutsch schreibst‘, deshalb dachte ich mir: Gucken wir doch mal, ob mir vielleicht ein, zwei Zeilen einfallen“, erinnert sie sich. „Ich habe mir aber immer gesagt, dass das nicht krampfhaft sein sollte. Es sollte kein ‚Bitte schreib jetzt auf Deutsch‘ sein, das musste wirklich aus mir herauskommen, und ich musste das auch wirklich so meinen. Irgendwann kamen mir die Zeilen ‚Warme Haut, Fliederfarben / Du klebst Pflaster auf meine Narben‘ in den Sinn und ich dachte mir: ‚Ich glaube, das ist gar nicht so schlecht.‘ Ich habe das meiner Schwester vorgesungen und dann meiner Freundin, und beide sagten: ‚Ah, voll cool, da musst du was draus machen!“
Die zweite Nummer auf Deutsch beschließt das Album und heißt „Karma“. „Bei ‚Karma‘ hab ich ein bisschen damit gespielt, dass ich einen Song haben wollte, der klingt wie Mk.gee“, verrät sie. „Ich habe mich dann gefragt: Was wäre eigentlich, wenn Mk.gee auf Deutsch schreiben würde? Ich wollte einen E-Gitarrensong haben und ich hatte auch einfach total Bock auf dieses Riff und habe mir gedacht: Ich mache einfach jetzt irgendwas, was die Leute – zumindest für meine Verhältnisse – noch mal so richtig schockt!“
Auch wenn Sophie ihre Erwartungen an das neue Werk im Zaum halten will, hat sie natürlich schon die leise Hoffnung, dass gerade die beiden deutschen Songs vielleicht den Sprung ins Radio schaffen, aber ansonsten haben sich ihre Wünsche und Ziele für die Zukunft nicht grundlegend gewandelt. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit im Ausland wäre schön, aber vor allem stehen für Sophie jetzt erst einmal die Konzerte im Fokus. Ein Release-Konzert an einem noch geheimen Ort wird es am 29.05. geben, die von Gaesteliste.de präsentierte Tournee zum Album steht im Oktober und November an.
Dort kann Sophie dann auch auf die während der knappen Produktionsphase von „Elyra / Solune“ gewonnene Erfahrung zurückgreifen, dass Spontaneität im kreativen Prozess bisweilen genauso wertvoll sein kann wie ein Hang zum Perfektionismus. „Das hat mich tatsächlich sehr überrascht“, gesteht sie. „An ein paar Stellen habe ich mir im Nachhinein zwar gedacht: Da hätte jetzt vielleicht doch noch ’ne Bridge kommen können oder: Da hätte man jetzt vielleicht doch noch zwei Zeilen dazu texten können, aber im Großen und Ganzen bin ich echt sehr zufrieden. Das war für mich eine Erfahrung, zu checken, dass ich in zehn Tagen einfach mal so sieben Songs schreiben kann. Ich glaube, das habe ich irgendwie mal gebraucht.“
Als Beispiel für die positive Auswirkungen des selbstgewählten Zeitdrucks nennt sie abschließend die Nummer „Wrongs And Rights“, die fraglos eines der Highlights der Platte ist, gerade weil sie etwas aus dem Rahmen fällt. Geschrieben hat Sophie das Lied, als sie krank war, und auch die Demo-Version hat sie mit rotziger Nase eingesungen. Doch obwohl sie sich mit diesem Song am allerwenigsten beschäftigt hatte – „Den hab ich liebevoll hingeklatscht“, sagt sie lachend – , war genau dieser „Augen zu und durch“-Vibe am Ende Gold wert – oder wie sie selbst es abschließend ausdrückt: „Das war auf jeden Fall eine echte Erfahrung für mich, zu merken: Manchmal ist es vielleicht doch besser, einfach nicht so viel über die Dinge nachzudenken und einfach mal zu machen!“
„Elyra / Solune“ von Sophie Chassée erscheint auf Chocolate & Cheese Records.




