Insbesondere als Live-Band haben sich Gini Jungi und ihre Jungs (a.k.a. Annie Taylor) in den letzten Jahren auch international einen Ruf als solide musikalische Abrissbirne erworben. Das auch deswegen, weil auf den ersten beiden Alben der Schweizer Band der kompromisslose Durchmarsch in Sachen Rock-Power zum Programm erhoben wurde. Dabei fiel dann fast schon unter den Tisch, dass Jung & Co. nicht nur rocken können wie die Teufel, sondern durchaus auch sehr gute Songs zu schreiben im Stande sind – die oft genug auch poppige Lebensfreude verbreiten können.
Nun ist das zwar so, dass poppige Lebensfreude nicht eben das Thema des nun vorliegenden, dritten Annie Taylor-Albums ist (was angesichts des Titels „Out Of Scale“ ja auch gar nicht zu vermuten gestanden hätte) – aber was die Betonung der songwriterischen Fähigkeiten betrifft, machen Gini & Co. erneut große Fortschritte. Das liegt vor allen Dingen daran, dass nicht alle der neuen Songs um „intensive Gefühle, chaotische Beziehungen und große Träume“ mit der Dampframme vorgetragen werden – wie zum Beispiel der dennoch brillante Opener „Alligator“ oder auch die punkigen Rausschmeißern „Lucidity“ und „The Cure“ – sondern dass in Bezug auf Tempo, Stimmung und Instrumentierung sehr viel mehr variiert wird, als bislang gewohnt.
Während es auf dem Album „Out Of Scale“ auch bei den Up-Tempo-Rockern nie an Melodie oder Catchyness fehlt, sind es vor allen die subtilen Zwischentöne, die bei Songs wie beim wavigen „Something Ain’t Right“, der Psych-Ballade „Fire“, dem potentiellen Indie-Pop-Hit „That City“, dem pulsierenden Grunge-Power-Pop von „Overlord“ oder der fast hippiesken, hypnotischen Psychedelia von „The Ocean“ aufhorchen lassen. Ganz klar stehen hier die Lyrics, Melodien und klassische Songstrukturen im Vordergrund – und nicht alleine die musikalische Machtdemonstration. Aufgrund des überwiegend grungigen Sounds und geschickt gesetzter Power-Chords sind dabei Nirvana und Hole als Referenzen zwar nie weit weg – aber das ist ja keine schlechte Adresse – und sorgt zudem für eine Reihe potentieller Hits.
In ihren Lyrics macht sich Gini Jungi Gedanken um die Balance zwischen unerfüllten Erwartungshaltungen und Reality-Checks, Utopien und Dystopien und die allgemeinen Unebenheiten, die das Leben eben mit sich bringt. Gerade das Thema „Balance“ ist dabei dann auch musikalisch ausschlaggebend, denn zwischen kanalisierter Energie, Wut und Zorn, aber auch nachdenklicher Melancholia findet da alles seine musikalische Entsprechung.
Bekanntlich war ja die namensgebende Annie Taylor die erste Person, die sich 1901 in einem Fass die Niagara-Fälle hinunter stürzte. Musikalisch gehen Annie Taylor (die Band) auf diesem Album aber nicht so unüberlegt zu Werke, wie das ihre Namensgeberin getan hat, sondern mit Übersicht und Balance – und das ist gut so.
„Out Of Scale“ von Annie Taylor erscheint auf Clouds Hill/Broken Silence.




