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Sie kommen aus Düsseldorf, klingen aber eher klassisch britisch und haben mit Videodrehs in Paris oder Tokio bereits die ganze Welt fest im Blick: Mit einer betörenden Mischung aus flirrenden Gitarrenwänden, nostalgischen Dream-Pop-Elementen und einer bisweilen ätherisch anmutenden Stimme sorgt das Quintett Attic Ocean seit inzwischen rund fünf Jahren für viel Aufmerksamkeit und darf sich inzwischen längst zu den Shooting-Stars der deutschen Shoegaze-Szene zählen. Jetzt veröffentlichen Hanni Nasirat (Gesang), Niels Baumgarten (Gitarre), Philip Marx (Bass), Lukas Moore (Schlagzeug) und Camila Agudelo (Gitarre) ihre bereits dritte EP, „I Promise I‘ll Try Everyday“.
Eigentlich lautet die alte Binsenweisheit ja „Never meet your heroes“, aber Attic Ocean machen da schon mal eine Ausnahme. Mit ihrem effektschwangeren, oft von Melancholie und einem Hauch 90er-Jahre-Nostalgie getränkten Sound ist die Düsseldorfer Band nicht nur in der gleichen Klangwelt zu Hause, die vor mehr als drei Jahrzehnten auch sagenumwobenen Bands wie Ride oder Slowdive als Karrieresprungbrett diente, sie hat in der Vergangenheit auch des Öfteren die Wege mit den alten Haudegen gekreuzt. Simon Scott von Slowdive masterte vor zwei Jahren die EP „Retriever“, während diese Rolle bei „I Promise I‘ll Try Everyday“ Mark Gardener von Ride zufiel. Auch eine gemeinsame Tournee mit eben jenen Ride im Frühjahr 2025 sorgte für viel positives Echo und gerade bei älteren Shoegaze-Fans oft für ungläubiges Staunen.
Vielleicht liegt das auch ein Stück weit daran, dass Attic Ocean, anders als viele andere Acts ihres Genres, auch eine betont visuelle Band sind. Angefangen bei den Abschlussball-inspirierten Outfits ihrer Live-Auftritte bis hin zu mit Kollaborateur*innen in Paris oder Tokio verwirklichten, inzwischen hunderttausendfach aufgerufenen Videoclips, die den kosmopolitischen Anspruch der fünf unterstreichen – das Auge hört stets mit.
Mit ihrer von Luis Nussbauer (Nothhingspecial) produzierten neuen EP „I Promise I‘ll Try Everyday” schlagen Attic Ocean nun das nächste Kapitel auf und beweisen dabei Mut zur ultimativen Verletzlichkeit. Die fünf neuen Stücke verarbeiten nicht zuletzt schmerzhafte persönliche Verluste und Tragödien aus dem direkten Umfeld der Band. Entstanden ist so ein ebenso facettenreiches wie nicht selten breitwandiges Werk im Spannungsfeld von tiefempfundener Trauer und der unerschütterlichen Suche nach Hoffnung.
Auch klanglich trägt die Band dieser Veränderung Rechnung. Songs wie „Aurora“ oder „Coastal“ zeigen Attic Ocean als auch musikalisch gereifte Band, die weiß, wie man emotionale Ausnahmezustände in faszinierende Songs übersetzt, die kompakt im Songwriting sind, aber trotzdem mit cineastischer Größe glänzen und trotzdem nicht die Verspieltheit früherer Veröffentlkichungen einbüßen. Mit „Love Spells“ gibt es derweil auch eine Nummer, die aus gewohnten Mustern ausbricht und mit einem fast balladesken Touch und „Twin Peaks“-Vibes überraschen kann.
Gleich nach der Veröffentlichung der neuen EP in der ersten Juli-Woche geht es für das Quintett für ein Konzert nach London, bevor im Herbst u.a. ein Auftritt beim Automatic-Noise-Festival in Berlin und ein Abstecher nach Holland anstehen. Zuvor allerdings nahm sich Drummer Lukas Zeit für unsere Fragen.
GL.de: Wenn ihr auf euren bisherigen Weg zurückschaut: Was macht euch besonders stolz?
Attic Ocean: Wir sind nach knapp einem Jahr in der aktuellen Besetzung und fünf Jahren Attic Ocean superhappy darüber, eine Gruppe an Freund*innen zu sein, die zusammen geiles Zeug erleben und diese besondere Art von Emotionen miteinander teilen dürfen. Wir sind eine sehr selbstbestimmte und gleichberechtigte Band und glauben, das ist absolut nicht selbstverständlich.
GL.de: Ihr habt in der Vergangenheit mit einer Reihe Giganten des Genres – von Simon Scott bis Mark Gardener – zusammengearbeitet, außerdem seid ihr gemeinsam mit Ride auf Tour gewesen. Was konntet ihr euch da abschauen, was jetzt in eure Arbeit einfließt?
Attic Ocean: Wir glauben, von beiden Bands lässt sich ein lebenslanges Commitment gegenüber dem Genre und dem Live-Auftreten abschauen. Ein ganz großes Plus in unserem Genre ist, dass die “Promis” alle unfassbar normale, bodenständige und liebenswürdige Persönlichkeiten sind. Wir befürchten, dass andere Genres durchaus problematische Charaktere anziehen und groß gemacht haben.
GL.de: Gerade die Tournee mit Ride im Frühjahr 2025 scheint eine Menge bewirkt zu haben. Mal ganz naiv gefragt: Seid ihr ein bisschen überrascht gewesen, wie gut ihr gerade im Vergleich mit einer solch legendären Band bei einem ja durchaus „älteren“ Publikum angekommen seid?
Attic Ocean: Tatsächlich waren wir nicht allzu überrascht, da wir in der Vergangenheit schon oft die Erfahrung gemacht haben, dass die “alten Shoegazer” unsere Konzerte sehr gut finden, weil wir Musik spielen, die dieses Publikum in seiner Jugend erlebt hat. Den original sound in allen Ehren, ist es uns aber wichtig, viele neue Sachen auszuprobieren und uns nicht nur in Nostalgie zu wälzen (auch wenn das sehr schön sein kann).
GL.de: Was hat euch dazu bewogen, in Zeiten eine Band zu gründen und Platten (auch) auf Vinyl zu veröffentlichen, in denen der Musikmarkt auf Single-Releases ausgelegt ist und immer mehr Acts aus dem Boden sprießen, die allein mit Laptop auf den Festivalbühnen stehen? Warum sind Bands, die Gitarrenmusik machen, auch 2026 unentbehrlich?
Attic Ocean: Für die Liebe zum gemeinsamen Musizieren, Komponieren und Auftreten. Wir selbst sind regelmäßige Konzertgänger*innen, und es ist unfassbar inspirierend, andere Bands live Musik spielen zu sehen. Sich die Mühe zu machen, als Band zu performen, führt einfach zu einem besonderen Erlebnis, welches man mit Backingtracks unmöglich replizieren kann. Abgesehen davon sind wir alle schon seit Kindheitstagen Musikliebhaber*innen und haben immer davon geträumt, in einer Band zu spielen. Dazu gehören bei uns nicht nur aufwendige Aufnahmen, sondern auch Menschen in unserem Umfeld, die für uns Musikvideos drehen oder Plakat- oder Shirt-Designs erstellen.
GL.de: Ihr seid nicht die einzige Band, die sich derzeit im Spannungsfeld von Indierock, Dream-Pop und Shoegaze bewegt. Was macht für euch, die ihr ja zu jung seid, um die Entstehung dieses Sounds selbst miterlebt zu haben, den besonderen Reiz an diesem Sound, an dieser Ästhetik, an dieser Attitüde aus, die ihr vielleicht in moderneren Produktionen nicht findet?
Attic Ocean: Wir mögen es sehr, uns mit Sounds zu beschäftigen. Wir sind alle überhaupt keine Fans von diesen 2:30-Minuten-Songs, die nicht mehr als ein “Vibe” sind. Uns ist wichtig, dass man bei uns hört, dass sich da fünf Leute drin verewigt haben und es nicht nur eine nette auf Songlänge gezogen Idee ist. Unser Anspruch ist, dass wir bei unseren eigenen Songs selbst nach fünfzigmal Hören noch was Neues entdecken. Wir merken, dass das in Deutschland keine Selbstverständlichkeit ist, weil die Leute doch ihrem Genre sehr treu sind. In den Niederlanden, wo wir richtig tolle Connections haben, sieht das ganz anders aus. Da benutzen echt viele upcoming bands den Begriff Shoegaze.
GL.de: Wenden wir uns der EP zu. Was war für euch selbst die größte Überraschung bei der Produktion der EP?
Attic Ocean: Wahrscheinlich der Song „Love Spells“. Entstanden ist er anfangs als Jam mit dem Fender VI, eine Art Hybrid aus Bass und Gitarre. Als es dazu kam, die Tracks für die EP festzulegen, kamen wir auf den Jam zurück und haben diesen ausgearbeitet und somit einen der bisher einzigartigsten Attic-Ocean-Songs kreiert. Die Songstruktur ist sehr untypisch für uns, und durch den Fender VI entsteht eine andere klangliche Komponente, da dieser statt einem klassischen Viersaiter-E-Bass gespielt wird.
GL.de: Eure Musik ist fraglos ziemlich effektschwanger. Augenzwinkernd gefragt: Könnt ihr an einem Musikladen vorbeigehen, ohne am Ende mit einer Handvoll neuer Effektgeräte nach Hause zu gehen?
Attic Ocean: Mit einer Handvoll neuer Effektgeräte nach Hause zu gehen, könnten wir schon vermeiden, aber am Laden einfach vorbeigehen eher nicht. Wir müssen definitiv einen Fuß reinsetzen und uns das ein oder andere Pedal, Instrument oder was auch immer anschauen.
GL.de: Thema Effektgeräte: Ist es dabei die Freude am Ausprobieren und Experimentieren, die euch da reizt, oder geht es eher um das Endergebnis? Wenn ihr mit den Fingern schnipsen könntet und ihr hättet die fertige Soundwand, wäre das genauso gut wie nach langem Tüfteln?
Attic Ocean: Das Tüfteln ist definitiv extrem wichtig. Ohne das ganze Rumprobieren und die Zeit, die man investiert hat, einen gewissen Sound zu finden, könnte man diesen Sound niemals wirklich wertschätzen. Es ist megacool, heutzutage auf Foren wie Reddit zurückgreifen zu können, um sein Wissen weiterzuentwickeln.
GL.de: Der Titel „I Promise I’ll Try Every Day” legt bereits nahe, dass die Texte eine gewisse Tiefe und Schwere haben. Doch wonach sucht ihr beim Texten? Geht es um Festhalten von bestimmten Momenten, um ein Verstehen, oder ist das Ziel, durch die künstlerische Verarbeitung Antworten auf ungeklärte Fragen zu finden?
Attic Ocean: Einerseits sind die Texte teilweise beinahe Hannis „Tagebucheinträge“ und halten teilweise wortwörtliche Konversationen oder persönliche Erlebnisse aus unseren Leben fest. Andererseits ist es uns besonders wichtig, gleichzeitig ausreichend Interpretationsspielraum zu lassen, um Hörer*innen dazu einzuladen, zwischen den Zeilen etwas zu finden, was sie bei eigenen inneren Konflikten unterstützen könnte. Wenn unsere Musik dazu beiträgt, dass sich irgendjemand da draußen ein bisschen mehr verstanden oder weniger allein fühlt, haben wir unser Ziel erreicht.
GL.de: Was genau löst den Wunsch aus, zu sagen: Ja, dazu muss es einen Text, einen Song geben?
Attic Ocean: Am Anfang ist da erst mal immer ein Gefühl. Es hört sich vielleicht etwas dramatisch an, aber vor allem lösen starke Emotionen diesen Wunsch aus. Das können sowohl schmerzhafte Erfahrungen, wie der Verlust eines geliebten Menschen, aber auch unvergessliche Glücksmomente, wie unser erster gemeinsamer Bandurlaub im Sommer mit stundenlanger Jamsession im Dachgeschoss, sein, die uns inspirieren. Manchmal spielen wir auch einfach so drauflos und merken im Prozess dann schnell, ob die Musik uns berührt und etwas in uns auslöst oder die Idee sofort wieder verworfen wird. Ohne tiefe Emotion gibt’s keinen Attic-Ocean-Song.
GL.de: Was gibt beim Songwriting die Richtung vor: Leitet der Sound die Texte oder ist die Musik das Spiegelbild der inhaltlichen Emotionen?
Attic Ocean: Wir einigen uns meist vorab auf eine „emotionale Richtung“, in die ein Song in etwa gehen soll, und inspirieren uns im Prozess dann gegenseitig.
GL.de: Eure Musik scheint mir stets von starken Gefühlen aller Art angetrieben zu sein. Gibt es für euch eine gewisse „Lieblingsemotion“, die sich für euch besonders gut in Songs „übersetzen“ lässt?
Attic Ocean: Eine „Lieblingsemotion“ zu benennen ist schwierig, da oft mehrere gleichzeitig existieren – sowohl im echten Leben als auch in unseren Songs. Wenn wir uns entscheiden müssten: Sehnsucht und Nostalgie sind auf jeden Fall Emotionen, die sich sowohl in unserem Sound als auch in den Texten und Musikvideos sehr oft wiederfinden. Sehnen und Erinnern sind etwas so Menschliches und Ursprüngliches, dass es uns sehr leichtfällt, da hineinzufühlen.
GL.de: Wenn ihr euch entscheiden müsstet: Nur noch Studioproduktionen oder nur noch live spielen: Wie würdet ihr euch entscheiden?
Attic Ocean: Definitiv live spielen. Unsere Ideen entstehen immer aus der Situation heraus, dass wir gemeinsam Zeit verbringen und jammen. Aufnehmen fühlt sich daher immer so ein bisschen an, als würde man nachstellen wollen, was man vorher erlebt hat. Natürlich ist im Studio aufnehmen dann trotzdem immer noch die Intensivierung und ernsthafte Auseinandersetzung mit Ideen, wo man ja auch Geld reinsteckt. Vielleicht ist das bei uns immer wie so eine Prüfung? Was kann man noch rausholen aus einem Track? Wir hatten mit Luis Nussbauer zum Glück bei der aktuellen EP einen Produzenten, der das mindestens genauso sehr verstanden hat und noch krasser umsetzen konnte.
GL.de: Ihr seid auch schon im Ausland aufgetreten und eure Videos haben euch sogar bis nach Tokio oder Paris getragen. Macht ihr das, weil es fraglos aufregender ist als ein Videodreh in Düsseldorfer Industriegebieten wie Heerdt oder Lierenfeld, oder ist das ein ausgeklügelter, zukunftsweisender Plan für weltweite Karriereambitionen?
Attic Ocean: Ein bisschen von beiden. Natürlich gibt es auch viele schöne Orte in Deutschland, wo wir schon Videos gedreht haben. Wir haben für „Aurora“ zum Beispiel in Benrath gedreht. Allerdings ist es uns auch wichtig, mit internationalen Künstler*innen in Kontakt zu treten, um ein breiteres Publikum ansprechen zu können und um Kontakte zu knüpfen für mehr Kollaboration. Wir verstehen die Videos als gleichberechtigte Parts zu unseren Songs und sind daher auch sehr wählerisch. Wir sind so unfassbar happy, so ein globales Netzwerk an Künstler*innen aufgebaut zu haben, was unsere Ideen checkt. Große Artists stecken Unsummen in eine blöde Reel-Kampagne, und wir geben das bisschen Kohle, was wir mal verdienen, für Musikvideos aus. Unser Gitarrist Niels hat das mal richtig formuliert: Ein Reel ist spätestens nach einer Woche vergessen, aber an die richtig guten Musikvideos erinnert man sich vielleicht für immer.
GL.de: Als würde es nicht reichen, dass ihr Musik macht, die Eindruck hinterlässt, folgt ihr bei euren Konzerten auch dem alten Rockstar-Ratschlag „Dress like you’re coming from out of town“. Was hat euch dazu inspiriert?
Attic Ocean: Jaaa, gute Formulierung! Wir haben die Prom-Idee jetzt seit einiger Zeit. Auch wenn einige bei uns (Lukas) da erst reinfinden mussten. Das macht schon immer was her, sich für einen Gig Mühe zu geben für ein Outfit. Es wirkt einfach anders als fünf lustlose Gestalten, die eine Nummer nach der anderen runterspielen. Da kommen wir wieder zum Titel der EP… Wir geben uns Mühe!
GL.de: Letzte Frage: Welche unerfüllten Träume habt ihr auf der bucket list?
Attic Ocean: Ein Konzert in Tokio, ein Album aufnehmen, eine Tour spielen und bei einer Episode von „What‘s in my Bag“ dabeisein.
„I Promise I’ll Try Everyday“ von Attic Ocean erscheint auf Super 78/Kontor/Edel.




