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Flüchtig, schwer zu greifen und dabei wunderbar intim: Mit seinem feinen neuen Werk „Somewhere Good“ bewegt sich das aus Bristol stammende Tara Clerkin Trio in einer atmosphärischen Zwischenwelt, um ein fragiles Mosaik aus Lo-fi-Experimenten, verschachtelter Elektronik, hypnotischem Dream-Pop und freigeistigem Kammer-Jazz zu basteln, das sich konsequent jeder vorschnellen Genre-Kategorisierung entzieht. Statt auf polierte Studioästhetik setzt das Trio auch dieses Mal unbeirrt auf die Poesie des Unperfekten, auf Raum, Stille und eine seltene, fast schlafwandlerische Balance zwischen kompositorischer Struktur und Improvisation, mit der sie die persönlich herausfordernden Zeiten, die hinter ihnen liegen, kunstvoll zum Klingen bringen.
Das Tara Clerkin Trio ist nicht in Eile. Das gilt für seine neue EP „Somewhere Good“, auf der die ebenso filigranen wie detilverliebten Songs oft in Zeitlupe aufzublühen scheinen, genauso wie für den bisherigen Werdegang der Band. Bestehend aus der Namensgeberin Tara Clerkin, ihrem Partner Sunny-Joe Paradisos und dessen Bruder Patrick Benjamin, hat sich die Formation in den vergangenen Jahren zu einer der eigenwilligsten, aber brillantesten Stimmen der britischen Avantgarde-Pop-Szene entwickelt.
Ein Rückblick auf die bisherige Diskografie der Band offenbart eine organische, fast scheue Evolution. Schon ihr selbstbetiteltes Debütalbum aus dem Jahr 2020 deutete an, dass hier eine Band am Werk ist, die Zeit anders wahrnimmt. Die Stücke wirkten wie flüchtige Momentaufnahmen aus dem Leben der drei Musikerinnen und Musiker, und mit den nachfolgenden EPs „In Spring“ (2021) und insbesondere dem famosen Nachfolger „On The Turning Ground“ (2023) verfeinerten die drei diese Ästhetik dezent, aber stetig. Wer das Tara Clerkin Trio danach in ähnlichen Sphären wähnte wie Broadcast, Pram oder Young Marble Giants, liegt sicher nicht vollkommen daneben.
Frei nach der alten Faustregel „Alles kann, nichts muss“ haben die drei in der Vergangenheit ein bemerkenswertes Gespür dafür entwickelt, Loops und elektronische Elemente so bruchlos mit analogen Instrumenten zu kombinieren, dass die Grenzen zwischen Nostalgie und Futurismus bisweilen fließend waren – und nie gelang der Band dieser Brückenschlag so stimmig wie auf „Somewhere Good“.
Die neue EP, die man mit sieben Songs und 41 Minuten Spielzeit durchaus auch guten Gewissens als Album bezeichnen könnte, zeigt die Band ständig in Bewegung und wird so zum Spiegel der unsteten Zeiten, denen sich die drei Protagonistinnen und Protagonisten in den vergangenen Jahren ausgesetzt sahen. Gleichzeitig weicht das Skizzenhafte früherer Veröffentlichungen hier einem fülligeren, facettenreicheren Klangbild und einem meisterlichen Spiel mit den Kontrasten.
Ebenso faszinierend ist, wie die Lieder auf „Somewhere Good“ textlich die Realitäten des modernen Lebens in den Fokus rücken. Unter der sanften Oberfläche der Songs verbergen sich scharfkantige Beobachtungen über soziale Kälte, Prekarität oder die schmerzhaften Veränderungen des urbanen Raums. Auch familiäre Sorgen – Clerkin zog während der Entstehung der EP für einige Monate nach Liverpool, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern – haben Spuren hinterlassen.
Das macht aus „Somewhere Good“ mehr alsnur eine Aneinanderreihung schöner Melodien. Vielmehr wird dieses Album so – allen Widrigkeiten zum Trotz – zu einem zutiefst menschlichen Dokument des Weitermachens.
Im September ist das Tara Clerkin Trio für Auftritte in Köln und Berlin auch in Deutschland zu Gast, zuvor nahm sich die Namensgeberin Zeit für die Fragen von Gaesteliste.de.
GL.de: Tara, in Zeiten, in denen viele Künstlerinnen und Künstler von Album zu Album im Namen des „künstlerischen Fortschritts“ gewaltige stilistische Kehrtwenden vollziehen, bleibt ihr eurem Stil treu und geht lieber in die Tiefe. Wie schafft ihr es, dem Druck zu widerstehen, euch ständig komplett neu erfinden zu müssen?
Tara Clerkin: Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass wir diesen Druck überhaupt spüren – zum Glück! Wir sind uns zwar verschiedener potenzieller Druckfaktoren bewusst, versuchen aber, sie aus dem Proberaum fernzuhalten. Ich denke, wir machen immer dann die beste Musik, wenn wir keine vorgefassten Meinungen haben und uns einfach erlauben, viele verschiedene Dinge auszuprobieren. Ich glaube nicht, dass wir bisher Musik mit vorher festgelegten Absichten gemacht haben. Was herauskommt, ist also einfach das, was wir in dem Moment fühlen – zumindest am Anfang. Sobald wir beginnen, Songs abzumischen oder zu strukturieren, sprechen wir auch konzeptioneller darüber.
GL.de: Euer neues Werk „Somewhere Good“ zeichnet sich stärker als die vorangegangenen Werke durch strukturiertes Songwriting und Storytelling aus. Ist das der wichtigste Unterschied?
Tara Clerkin: „Somewhere Good“ hat sich für mich während der Entstehung ganz anders angefühlt. Ich glaube, der Hauptgrund dafür ist, dass unser Leben auf den Kopf gestellt worden war und wir eine ziemlich schwere Zeit durchgemacht haben. Da steckt viel Trauer, Schmerz und Unsicherheit drin, und zwei von uns waren heimatlos und ziemlich verloren. Das spiegelt sich auch in der Entstehungsweise wider.
Die Songs entstanden an so vielen verschiedenen Orten, manchmal mit sehr minimaler Ausrüstung in provisorischen Unterkünften, kleine Teile entstanden auf Tour, andere zwischen den Besuchen bei meiner Mutter im Krankenhaus. Außerdem glaube ich, dass wir zuvor viel Zeit mit Experimentieren verbracht hatten. Als wir dann an das Schreiben gingen, hatten wir das Gefühl, dass wir die Prozesse und Sounds, die wir im Laufe der letzten drei Alben entwickelt hatten, nutzen konnten, um uns ganz auf das Schreiben der Songs zu konzentrieren.
GL.de: Lass uns darüber sprechen, was Ryan Davis in der Pressemappe zum neuen Album als den „Frankenstein“-Aspekt eurer Musik bezeichnet: das Rätsel, woher all die Elemente stammen und wie sie am Ende so organisch zusammenpassen – und noch dazu in einem demokratischen Bandkontext. Vertraut ihr an diesem Punkt einfach dem Prozess, dass die Chemie zwischen euch dreien euch zu etwas Großartigem führen wird?
Tara Clerkin: Es ist ein echtes Durcheinander! Wer auch immer mit einem beliebigen Instrument einen Klang erzeugen möchte, macht es einfach – oder bittet einen der anderen, der dieses Instrument besser beherrscht, es zu übernehmen. Ich glaube, das Wichtigste ist, offen für Ideen zu bleiben und sich gegenseitig dabei zu helfen, das umzusetzen, was wir uns vorstellen.
GL.de: Heute streben viele Musikerinnen und Musiker nach einer vagen Vorstellung von Perfektion. Ihr hingegen scheint euch stark von glücklichen Zufällen inspirieren zu lassen. Ist das das Ergebnis der Erkenntnis, dass Menschen oft stärker auf Überraschungen und Unvollkommenheiten reagieren als auf ausgefeilte Makellosigkeit?
Tara Clerkin: Viel von unserer Lieblingsmusik steckt voller Zufälle und Spuren ihres Entstehungsprozesses, und ich glaube, dass überall um uns herum in all den zufälligen Geräuschen des Lebens wunderschöne Musik entsteht – das finde ich alles sehr inspirierend. Ich denke, wenn wir etwas zu sehr „aufpolieren“ würden oder diese Elemente nicht in unsere Musik einfließen lassen würden, würden wir viel verpassen.
GL.de: Wonach suchst du, wenn du Texte schreibst, und wie hat sich das im Laufe der Jahre verändert?
Tara Clerkin: Ich glaube, ich suche nach Gefühlen, die schwer zu beschreiben sind, und achte auf Dinge, über die ich viel nachdenke, und darauf, wie sie mich beeinflussen. Ich würde sagen, das war schon immer so – nur meine Gedanken und Gefühle haben sich verändert. Vielleicht denke ich in letzter Zeit auch mehr darüber nach, wie andere Menschen sich mit dem identifizieren können, was ich sage. Ich schreibe gerne Texte, um zu versuchen, ziemlich immaterielle Dinge sowie die Fluidität von Emotionen und Erfahrungen auszudrücken.
GL.de: Die Songtexte handeln von den schwierigen Zeiten, die du in den letzten Jahren und während der Arbeit an diesem Album durchgemacht hast. Hattest du das Gefühl, dass du keine andere Wahl hattest, als diese Gedanken und Erfahrungen in Songs zu verarbeiten, oder ist es einfach leichter, die dunkleren Momente künstlerisch zu verarbeiten?
Tara Clerkin: Ehrlich gesagt war bei uns so viel los, dass wir gar keine Zeit hatten, zu viel darüber nachzudenken – diese Songs sind einfach das, was in dieser Zeit entstanden ist. Wir sind wirklich stolz darauf. Ich glaube, wir haben etwas sehr Ehrliches geschaffen, und ich hoffe, man hört auch den Optimismus heraus.
Wir haben viel Zeit damit verbracht, über Gefühle zu sprechen – darüber, wie wir uns beim Anhören dieser Songs fühlen wollen und wie wir möchten, dass sich andere Menschen dabei fühlen. Wir haben versucht, uns vorzustellen, wie unsere Zukunft nach solch großen Veränderungen aussehen würde und wo wir vielleicht landen würden, und wollten etwas schaffen, das uns ein besseres Gefühl gibt und uns neuen Schwung für die Zukunft verleiht.
GL.de: Ihr steckt offensichtlich alle möglichen Emotionen in diese Songs. Bei all den unterschiedlichen Gefühlen, die darin zum Ausdruck kommen – habt ihr eine Lieblingsemotion, die sich am besten in Songs „übersetzen“ lässt?
Tara Clerkin: Glücklich/traurig, albern/wütend? Alle meine Lieblingslieder bestehen aus starken Kontrasten, ebenso wie alle meine Lieblingsfilme und meine Lieblingskunstwerke.
GL.de: Ihr kommt im September nach Deutschland, um live aufzutreten. Angesichts der Vielschichtigkeit von „Something Good“ – wie reduziert ihr die Musik für ein Trio-Live-Set?
Tara Clerkin: Ich bin mir nicht sicher, ob da überhaupt eine Reduzierung stattfindet, denn wir nehmen auf jede Tour letztendlich ein Instrument mehr mit als beim letzten Mal – wir brauchen ein größeres Auto! Die Songs sind live oft länger und bauen sich langsamer auf, vor allem, weil ich ein langsamer Mensch bin. Aber wir entscheiden schon, wann es am besten ist, Teile live aufzubauen, und wann es vielleicht besser ist, vorab gespeicherte Loops zu verwenden – das ist bei jedem Song anders. Das Set ändert sich auch jeden Abend, je nach Veranstaltungsort, Stadt oder Land, in dem wir sind, der Tageszeit oder wer sonst noch auftritt.
GL.de: Eine letzte Frage: Was steht noch auf eurer bucket list? Was wollt ihr mit dieser Band unbedingt noch erreichen?
Tara Clerkin: Die Jungs sind große Nerds, deshalb wollen sie Musik für Videospiele machen. Außerdem lieben wir es, viel zu reisen, also wollen wir das noch öfter machen. Ich denke, wir wollen einfach weitermachen. Es ist ziemlich schwierig, das Bandleben so zu gestalten, dass man davon leben kann, und ich hoffe einfach, dass wir einen Weg finden, es für immer in unserem Leben zu behalten.
„Somewhere Good“ von Tara Clerkin Trio erscheint bei World Of Echo/Cargo.




