Nachdem das letzte Waterboys-Album „Life, Death And Dennis Hopper“ hierzulande keinerlei Öffentlichkeit erfuhr und Mike Scott sich mit einer Schar illustrer Gäste vollständig auf die USA konzentrierte, geht es in diesem Jahr wieder zurück in die Zukunft. Will meinen: Mike Scott konzentriert sich (nach der Veröffentlichung des Boxed Set des Albums „This Is The Sea“) auf das nächste prägende Kapitel seiner Historie und stellt 2026 erneut unter das Motto „Fisherman’s Blues“ – zweifelsohne die produktivste Phase des Waterboys-Universums. Das ursprüngliche Album „Fisherman’s Blues“ erschien 1988 – nachdem Scott die drei Jahre seit der Veröffentlichung von „This Is The Sea“ in verschiedenen Besetzungen mit Aufnahmesessions verbracht hatte, die insgesamt um die 100 Songs und 400 Aufnahmen zeitigten.
Mit dem Album „Fisherman’s Blues“ konzentrierte sich Scott dabei hauptsächlich auf die Folk-Aspekte, die in den Sessions zum Vorschein kamen – und die damals viele Fans überraschten. Der Titeltrack des Albums wurde dabei zu einem großen Hit für die Waterboys und führte Steve Wickham als „Fiddler“ für die nächsten Jahre als prägenden Mitstreiter Scotts ein. Der inzwischen verstorbene Karl Wallinger – neben Scott ein Gründungsmitglied der Waterboys – leitete hingegen mit dem Song „World Party“ (dessen Titel er für sein eigenes Musikprojekt verwendete) seinen Abschied ein. Und mit dem vertonten W.B. Yeats-Gedicht „The Stolen Child“ verwies Scott bereits auf das Konzept für ein ganzes Album mit W.B. Yeats-Vertonungen, das er 2011 realisierte.
Das Thema „Fisherman’s Blues“ ließ Scott im Folgenden dann nie wieder los. Bereits 2001 erschien unter dem Titel „Too Close To Heaven“ (in den USA „Fisherman’s Blues Pt. II“) eine weitere Songsammlung aus den Sessions zum ursprünglichen Album. Weitere Tracks fanden dann den Weg auf diverse Kompilationen und das Nachfolgealbum „Room To Roam“. 2006 erschien dann eine überarbeitete Collector’s Edition des „Fisherman’s Blues“-Albums. 2013 gab es schließlich die vermutete ultimative Dröhnung in Form der „Fisherman’s Box: The Complete Fisherman’s Blues Sessions (1986-1988)“
Für den Sommer nun kündigte Scott die „Fisherman’s Blues Revue Tour“ an, auf der er – unterstützt von einer achtköpfigen All-Star-Band, bei der auch der zwischenzeitlich ausgestiegene Steve Wickham wieder mit dabei sein wird und Steve Earle als Gitarrist und Mandolinist gastiert – Material aus der „Fisherman’s Blues“-Ära zum Besten geben wird. Aus diesem Grund erscheint nun mit „Atlantic Rain“ ein monumentales 3-Disc-Set mit weiteren 25 Songs aus den Aufnahmesessions zwischen ’85 und ’88, die Mike Scott aus dem angesammelten Material extrahierte. Zwar gibt es auch auf diesem Projekt dann alternative Versionen zu bereits bekannten Songs zu hören (etwa die als Single extrahierte Live-Version des Tracks „We Will Not Be Lovers“) – aber auch einige Tracks, die der Kuration des Materials bislang entgangen waren, wie zum Beispiel „Come Back To Galway“, „Man With The Wind At His Heels“ oder „Light Shine On Me“. Was die Fans indes besonders freuen dürfte, sind die zahlreichen Coverversionen, die den Weg auf diese Kompilation gefunden haben – und zwar in voll produzierten Studio-Versionen.
Allen voran wäre da die ausformulierte Version von Woody Guthries „This Land Is Your Land“ zu nennen (auf dem Album nur als Skizze angedeutet), aber auch Dylans „Knockin’ On Heaven’s Door“, Willie Nelsons „Angel Flying Too Close To The Ground“, „No Expectations“ von den Stones, eine überraschend folkige Version von Princes „When Doves Cry“, Hank Williams „Lost Highway“ oder „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ überzeugen – jede auf ihre Weise – durch die teils recht eigenwilligen, aber auch erleuchtenden Ansätze der Waterboys.
Die sich im Studio entwickelnde Eigendynamik – die letztlich dann auch verhinderte, dass bestimmte Songs bislang nicht veröffentlichungstechnisch berücksichtigt wurden – lassen sich am deutlichsten an den mit langen Improvisations-Passagen durchzogenen Epen „Come Back To Galway“, „The Man With The Wind At His Heel“, „Endless Store“ und besonders dem brillanten „The Last Jam“ ablesen. Solche Tracks dominieren das Geschehen denn auch – während es auf der anderen Seite mit „Bob And Anto’s Soundcheck“ und „Night Falls On Windmill Lane“ nur zwei lautmalerische Fragmente zu hören gibt. Die operettenhafte, 13-minütige Version von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ – die am Ende nahtlos in ein „Hey Jude“-Finale übergeht und zudem um eine siebenminütige Jam-Reprise ergänzt wurde – stellt dabei das abschließende Highlight in Sachen epischer Selbstverliebtheit dar; wie bereits erwähnt nicht als Live-Mitschnitt, sondern in Form einer perfekt produzierten Studio-Aufnahme. Was übrigens fast alle der auf dem Album versammelten Tracks zusammenhält, sind die Beiträge von Steve Wickham und das Saxophon Anthoy Thistlewaites.
Fazit: Selbst für diejenigen, die glauben schon alles in Sachen „Fisherman’s Blues“ zu kennen und zu haben, dürfte „Atlantic Rain“ noch die eine oder andere Überraschung bereit halten.
„Atlantic Rain – The Lost Fisherman’s Blues Recordings“ von The Waterboys erscheint auf V2/Bertus.




