Kurt Wagner singt. Justin Vernon spielt Banjo (oder Gitarre oder Mandoline) und ab und zu kommt so etwas wie ein präparierter Herrenchor dazu – oder einige Störgeräusche organischer oder gesampelter Natur. Das ist es im Wesentlichen, was das neue Lambchop-Album ausmacht und womit die Fans auskommen müssen, werden und können, denn Kurt Wagner vollzieht wieder mal eine Kehrtwende in seinem künstlerischen Schaffen. Es ist ja nicht unerklärlich, dass es nun wieder um Songs und organische Instrumente geht, anstatt um Geräusche und Elektronika – aber überraschend ist es dann schon.
Lange Zeit waren Kurt Wagner und Lambchop ja ein Garant für den von ihnen kreierten Leftwing-Soul-Americana-Nashville-Sound. Das wurde aber dann irgendwann auch zur Last, denn so manche musikalische Idee wiederholte sich da. Das war auch Wagner klar und so begann er beginnend mit dem Album „Flotus“ (das er für seine Frau (=First Lady Of The US) geschrieben hatte), sich mit seiner Leidenschaft für die Elektronika der Gründerväter auseinanderzusetzen und diese Elemente verstärkt ins Lambchop-Universum einzugliedern.
Damit ist jetzt erst mal Schluss. Nach einer kreativen Pause von ungefähr fünf Jahren geht es auf der ersten Scheibe seit dem 2022er Werk „The Bible“ zurück zu den Wurzeln – beziehungsweise zum musikalischen Samenkorn, aus dem diese Wurzeln mal entstanden sein mögen, denn so radikal reduziert, asketisch und auf das Wesentliche beschränkt (= die Songs und die Geschichten dazu) war Kurt noch nie aufgelegt.
Die Idee für diesen Ansatz kam ihm, als er beim Tanken einen Folksong im Radio hörte, der ihn sehr berührte – den er dann aber nicht mehr auffinden konnte. Bei seinen diesbezüglichen Recherchen stieß er auf eine Musikform, die es heute gar nicht mehr gibt: Das sogenannte „Lining Out“ – eine klerikale Musikform, bei der der Clerk (= der Küster) mit der des Lesens unfähigen Gemeinde im 18. Jahrhundert Kirchenlieder einstudierte. Nicht, dass Wagner hier zum Prediger wird – aber dank der spartanischen Ausrichtung und der eingesetzten Chor-Elemente kommt zuweilen schon eine liturgische Grundstimmung auf.
Warum sollte uns das interessieren? Nun, weil es um das 16. Lambchop-Album geht und Kurt Wagner ja nicht deshalb zum schlechten Menschen wird, weil er sich gegen alle Konventionen und Erwartungshaltungen sträubt. Und irgendwo im kanonischen Oeuvre kann man dann ja auch den alten Kurt Wagner entdecken, der ja nicht nur sprichwörtlich älter geworden ist, und schon alleine deswegen seine knorrigen Altersweisheiten („Ich bin ein menschlicher Taschenrechner und mache niemals Fehler“) mit brüchiger Stimme und viel moralischer Substanz vorträgt. Dass er dabei zuweilen eher wie sein Kollege Bill Callahan klingt als nach seinem alten Selbst, kommt mit dem Terrain daher, das er da beackert. Man wird ihm schon deswegen keine runterhauen. Folkmusik ist das übrigens trotz allem nicht. Und Videos mit Bewegtbild sind auch nicht verfügbar. Eigentlich typisch Lambchop.
„Punching The Clown“ von Lambchop erscheint auf City Slang.




