In diesem Jahr feiern die Jayhawks ihr 40. Jubiläum. Bandgründer Mark Olson stieg zwar 1995 aus, um mit den Original Harmony Ridge Creekdippers weiter den Folk- und Alternative-Country-Pfad zu beschreiten. Gary Louis, nun der Mastermind der Gruppe, steuerte mehr in Richtung Rock und Pop, wenngleich mit Americana-Schlagseite. Mit Marc Perlman (Bass, Mandolin), Karen Grotberg (Keyboards, Gesang) und Tim O’Reagan (Drums, Percussion, Gesang) hat der Songschreiber und Leadsänger seit langem ein stabiles Gefüge an seiner Seite. Eine schlechte Platte haben die Jayhawks nie abgeliefert, aber mit „Sanctuary Park“ könnten sie ihrem eigenen Siegerpodest Konkurrenz machen, denn sie knüpft an die großen drei Alben an: „Blue Earth“, „Hollywood Town Hall“ und „Tomorrow The Green Grass“. Louris hat elf wunderbare Lieder komponiert, die sich in die Gehörgänge schmeicheln, getragen von dem dreistimmigen Harmoniegesang, der die Band schon immer auszeichnete.
Den Sanctuary Park gibt es tatsächlich in Dundas im kanadischen Ontario. Doch er ist zugleich ein magisch-symbolischer Ort. Hier stromern Kinder mit ihren Freunden herum, hier küssen sich jugendliche Liebespaare zum ersten Mal. Nicht immer haben diese Anbahnungen eine Zukunft: „Romeo and Juliet, they said we couldn’t win“. Doch was bleibt, sind die Erinnerungen an kleine Fluchten und große Geheimnisse. „You were soft and warm/I held you in the dark/The secrets that we keep/In Sanctuary Park“, singt Louris im Titelsong. Aber bald wird der Park zu klein, das Abenteuer der Straße ruft: „We’ll steal your daddy’s car/Roll down the window and ride on the breeze“. „Hands Upon The Wheel“ erinnert motivisch an Bruce Springsteens Cars- und Teenage-Songs.
In „Kingston Girl“ setzt das lyrische Ich all sein Geld auf das Mädchen. Wir wissen nicht, ob sich die Investition gelohnt hat. Vielleicht bleibt ein Initiationserlebnis auf dem Weg zum Erwachsenwerden: „Nur wir beide gegen die Welt, Baby. Sie stutzten uns die Flügel, aber ohne sie lernten wir zu fliegen“. Manche Erinnerung taucht in Träumen und Visionen wieder auf, nicht jede Entscheidung erweist sich als eine glückliche, aber doch: „It’ll Be Alright Tonight“ heißt das vorletzte Lied. Mike Johnsons Pedal Steel wimmert in süßer Melancholie. Der folkige Schlusssong gipfelt in der bewusst schlicht gehaltenen Botschaft, die mindestens so alt ist wie jene Schillers, nämlich sich auf das Menschsein zu besinnen: „We’re all part of this beautiful team/Rowing the boat together“. Louris Gesang erinnert hier ein wenig an Paul McCartney.
Die erste Singleauskopplung „Keeping Our Heads Above Water“ gibt zu Beginn sogleich die aufgeräumte Stimmung des Albums wieder. Hier ist jemand mit seiner Vergangenheit im Reinen. Power-Pop, der ein wohliges Gefühl verbreitet. Der dreistimmige Chorus bestimmt auch das folgende „Kingston Girl“, bereichert um Todd Lumleys Akkordeon. Für „Leap Of Faith“ greift er zur Mundharmonika, das Klavier klimpert fröhlich und Produzentenlegende Bob Ezrin (Alice Cooper, Pink Floyds „The Wall“, Peter Gabriels Debütalbum, Kiss, Lou Reeds „Berlin“ und die letzten Deep Purple-Alben) zupft die Ukulele. „Mr. Lincoln“ klingt, als hätten sich die Beatles an Americana versucht. Weshalb „American Midnight“ als zweite Single ausgekoppelt wurde, bleibt unklar, rockt der Song doch recht gradlinig dahin. Vielleicht genau deshalb die Wahl. Noch eine Schippe draufgelegt wird in „Always And A Day“ mit Louris‘ E-Gitarrensolo; die Harmoniegesänge verhindern, dass es bei einem simplen Rocksong bleibt. Und wenn die Band in „Familiar Strangers“ zum Refrain abhebt, jauchzt das Herz.
„Made in Canada“ steht auf dem Cover. Louris hat nach der Heirat einer Kanadierin deren Staatsbürgerschaft angenommen, Ezrin, selbst Kanadier, hat in einem kanadischen Studio produziert. Ihm ist es gelungen, die Jayhawks zu einem ihrer besten Alben zu motivieren. Der Hörer entscheidet, ob „Sanctuary Park“ das Zeug hat, eine Medaille zu erringen.
„Sanctuary Park“ von The Jayhawks erscheint auf SHAM/Thirty Tigers/Open.




