Share This Article
Mit Mikrofon und Herz
Jener geneigte Konzertgänger, der öfter unterwegs ist, meint ja gemeinhin immer, alles ganz gut einschätzen zu können. Und dann gibt es Acts wie die kanadische Songwriterin Ora Cogan, die mit Erwartungshaltungen kurzen Prozess machte und mit einer Show überraschte, die alles auf den Kopf stellt, was Konventionen und Formate betrifft.
Aber der Reihe nach: Zur Band der Kanadierin gehörte neben den kanadischen Musikern auch die befreundete irische Songwriterin Elaine Malone – die dann auch gleich als Support-Act fungierte und den Abend musikalisch mit einem Solo-Auftritt einleitete. Die kleine Irin machte gleich deutlich, worum es ihr ging: „Könnt ihr das Licht bitte ausmachen? Ich bin gerne im Dunkeln“, munkelte sie und spielte ihr Set dann nur von hinten beleuchtet aus den Schatten heraus. Das passte zumindest musikalisch, denn Elaine macht das, was sie auf ihrer Bandcamp-Page als „Psychedelic Folk“ bezeichnet.
Das heißt, dass ihre Songs grundsätzlich als klassische Folk-Songs durchgingen, wenn sie auf der akustischen Gitarre gespielt würden. In Köln indes spielte sie die Sachen auf einer elektrischen Gitarre – deren Sound dann mit einem digitalen Shimmering-Effect dermaßen zugekleistert war, dass sich die einzelnen Akkorde kaum mehr ausmachen ließen. Das war dann zwar ganz schön psychedelisch – aber von den Songs blieb nicht viel mehr übrig als Hauch und Hall. Bei den letzten Stücken kamen dann indes die Band-Musiker und letztlich auch Ora Cogan selbst hinzu – und diese Tracks zeigten dann die gleiche Qualität, wie jene, die im Folgenden Ora Cogan mit ihrer Band (zu der dann auch wieder Elaine Malone hinzustieß) spielen sollte.
Oras letztes Album „Hard Hearted Woman“ – das zwar käuflich erhältlich war, aber nur teilweise auf der Setlist berücksichtigt wurde – kann dann zweifelsohne lediglich als Gedankenstütze gesehen werden für das, was die Kanadierin mit ihren insgesamt fünf Musikern auf der Bühne des Blue Shell bei ihrem ersten Köln-Besuch ever zelebrierte. Denn das Ensemble begab sich von Anfang an mit einer solchen Intensität auf den musikalischen Mind-Trip, als gelte es, das Genre der klassischen Psychedelia nach eigenen Gesetzen neu zu definieren.
Der Unterschied zu den Studio-Versionen war dann ebenso frappant wie verblüffend. So bewegt sich Ora Cogan auf ihren Scheiben mal auf einer eher räumlich greifenden, symphonischen Ebene (etwa auf „Hard Hearted Woman“) oder auf einer eher folkig anmutenden Umsetzung der musikalischen Ideen (wie bei den letzten Scheiben „Formless“ oder „Bells In The Ruins“, die auch auf der Setlist bedacht waren). Live geht die Sache indes im munteren Zusammenspiel in Richtung einer vollen Dröhnung in Sachen Psychedelia. Der Unterschied zu den Studio-Versionen ist da schon recht eklatant. Gleich die ersten beiden Tracks „The Smoke“ und „Honey“ gingen gut los und steigerten sich in Sachen Lautstärke auch stetig – während auf der Scheibe grundsätzlich eher transparente, luftige Arrangements zu finden sind, auf denen die Gitarrenparts oft ganz weit hinten im Raum angesiedelt sind.
Nicht so in Köln – denn hier standen die Gitarrenparts im Zentrum. So steigerten sich Ora selbst und Gitarrist Jesse Conradson geradezu in einen sich verzahnenden Spielrausch, bei dem es darum ging, das fiebrige Riffing Oras und die psychedelischen Glissandi Jesses miteinander zu verzahnen. Mit einer solchen Energieausbeute hätte man schon alleine deswegen nicht rechnen können, weil die Ora Cogan Band selbst in den zur Verfügung stehenden Live-Videos wesentlich zurückhaltender agiert. Dabei standen Ora und Jesse sich oft direkt gegenüber – was wohl damit zu tun hat, dass sich Ora als Frontfrau nicht so recht wohl in ihrer Haut fühlt und sich deswegen öfter vom Mikro abwendet und mit dem Rücken zur Hälfte des Publikums vor sich hin tänzelt. Dafür spricht auch, dass sie sich immer wieder eine ulkige Anorak-Kapuze überstreifte und konsequent mit geschlossenen Augen sang. Nur relativ selten griff Ora Cogan zu ihrer Geige, denn der Folk-Aspekt ihres Tuns sollte bei dieser Show dann offensichtlich keine große Rolle spielen.
Spaß hatten alle Beteiligten dennoch. Als Jesse nach einiger Zeit eine neue Gitarrensaite aufziehen musste, redete sich Ora Cogan um Kopf und Kragen, als es darum ging, über ihre Köln-Abenteuer zu berichten – um dann schließlich auf das Wahlergebnis der AfD zu sprechen zu kommen und einen flammenden Appell zum Thema Zusammenhalt angesichts politischer und sozialer Widrigkeiten hielt. „Ich kann halt nicht anders“, entschuldigte sie sich, „denn ich habe ein Mikrofon und ein menschliches Herz.“
Aber um noch mal auf das Thema Spaß an der Freud zu sprechen, zu kommen. Als gegen Ende der Show der Track „Feel Life“ in eine stetig schneller und lauter werdende musikalische Hetzjagd ausartete und Drummer Finn Smith den Turbo einschaltete, löste sich die Bassistin Nancy Pittet aus dem Hintergrund (wo sie zuvor schon durch ihr sonniges Gemüt aufgefallen war) und stellte sich mit ihrem Bass ins Publikum – woraufhin ihr Ora dann mit ihrer Geige folgte. Das artete dann in eine muntere Jam-Session aus, bei der halt zwei Musiker vor anstatt auf der Bühne agierten. Danach sollte eigentlich Schluss sein – doch das Publikum gab keine Ruhe, bis die Musiker noch einmal für eine Zugabe auf die Bühne zurückkehrten und dabei eine Cover-Version von PJ Harveys „To Bring You My Love“ zum Besten gaben. Fazit: Wenn schon Old-School Psychedelia, dann bitte nur so.





















