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Unbändige Energie, unvergesslich raue Drei-Minuten-Hymnen und eine Botschaft, die bis heute nachhallt: Als Speerspitze des Queercore haben Team Dresch Mitte der 90er-Jahre Musikgeschichte geschrieben und dabei nicht nur dem feministischen Punk-Rock eine unüberhörbare Stimme gegeben, sondern eine ganze Generation von Outsidern durch die Dunkelheit geführt. Mit ihrem ersten Album seit 30 Jahren schließt die Band aus Portland, Oregon, nun den Kreis. „Furthermore“ beweist mit ungebrochener Dringlichkeit, dass ihr politisches Gewissen und ihre musikalische Wucht im Hier und Jetzt absolut unverzichtbar bleiben. Zwei Tage nach der Veröffentlichung des Albums startet zudem die erste Deutschland-Tournee von Team Dresch seit 1996.
Anfang der 1990er-Jahre war der pazifische Nordwesten der USA der Mittelpunkt für alles, was in der Musikwelt spannend war: Der Grunge-Boom katapultierte viele junge Männer mit Flanellhemden aus feuchten Proberaum-Kellern auf internationale Festivalbühnen und in den Fokus von MTV. Doch abseits davon startete in Portland, Oregon, und Olympia, Washington, eine weitaus radikalere Revolution.
An der Spitze dieser Bewegung stand eine Band, die nicht nur Musik machte, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Leben rettete: Team Dresch. Gegründet 1993 von Donna Dresch, Jody Bleyle, Kaia Wilson und Marcéo Martinez, war die Band von Anfang an weit mehr als eine wütende Punk-Formation – sie waren die maßgeblichen Architektinnen des Queercore.
Was Team Dresch damals so einzigartig und besonders machte, war die kompromisslose Verknüpfung von roher musikalischer Finesse und purer, lesbischer Identität. Denn während die zeitgenössische Riot-Grrrl-Bewegung den Feminismus in den Fokus rückte, gingen Team Dresch einen Schritt weiter: Sie machten in Songs wie „Fagetarian And Dyke“, „Fake Fight“ oder „She’s Amazing“ queeres Leben, lesbische Sehnsüchte und den kompromisslosen Kampf gegen Homophobie zum Fundament ihres Schaffens.
Ihre Lieder waren keine bloßen Punk-Nummern – sie waren politische Manifeste und emotionale Ankerpunkte für eine marginalisierte Community, die sich in den Texten herkömmlicher Bands schlicht nicht wiederfand. Auch deshalb war das gemeinsame Musikmachen für die Bandmitglieder von Anfang an ein Ventil, um zunächst einmal die eigene Traurigkeit und dann gleich danach die Wut über die herrschenden Verhältnisse in hochemotionale Songs fließen zu lassen.
„Musik ist alles“, unterstreicht Kaia Wilson deshalb folgerichtig im Gaesteliste.de-Interview. „Die Rolle, die sie spielt, mag zwar mal mehr, mal weniger ausgeprägt sein, aber sie erfüllt stets genau meine Bedürfnisse – sei es das Komponieren, das Hören oder das Erleben von Live-Auftritten.“ – „Als Kind war es ein Weg, dem Chaos zu entkommen, das das Leben so mit sich bringen kann“, erinnert sich Marcéo Martinez rückblickend, und dem stimmt auch Jody Bleyle zu, wenn sie sagt: „Musik war schon immer der Mittelpunkt meines Lebens.“
Musikalisch sprengte die Band von Anfang an alle Ketten des simplen Drei-Akkorde-Punks. Ihre zwei legendären Alben „Personal Best“ (1995) und „Captain My Captain“ (1996) bewiesen eine technische Brillanz und kompositorische Dichte, die damals im klassischen DIY-Umfeld selten waren. Mit vertrackten Rhythmuswechseln, dynamischen Stop-and-Go-Gitarren und dem intensiven, harmonischen Doppelgesang von Bleyle und Wilson kreierten sie einen Sound von sagenhafter Dringlichkeit.
Sie verbanden die angstvolle Schwere des Grunge mit der Unerschrockenheit des Punk und legten damit ganz nebenbei den emotionalen Grundstein für das, was später im Emo nachhallen sollte. Tocotronic sangen übrigens bereits 1996 ein Lied davon: Ihre auch klanglich perfekte Hommage „Die Sache mit der Team Dresch Platte“ erschien auf ihrem zweiten Full-Length-Album, „Wir kommen, um uns zu beschweren“.
Parallel bauten Team Dresch mit Labels wie Chainsaw Records (Dresch) und Candy-Ass Records (Bleyle) eine eigene Infrastruktur auf, die auch anderen Acts wie Sleater-Kinney als Sprungbrett diente. Dass Team Dresch für ihre Verdienste inzwischen in die Oregon Music Hall of Fame aufgenommen wurden, macht Martinez rückblickend besonders stolz.
Tatsächlich hinterließ all das natürlich nicht nur bei vielen Fans und Weggefährtinnen tiefen Eindruck, sondern auch bei Team Dresch selbst. „Das Schreiben und Performen von Musik war für mich vielleicht das wichtigste Mittel, um Gefühle zu verarbeiten, eine Gemeinschaft zusammenzubringen und Zugang zu jenen eher ’spirituellen‘ Bereichen zu finden, in denen die Energie der Musik lebt“, erklärt Wilson. „Das ist ein Gefühl, das mit nichts anderem zu vergleichen ist. Ich schätze mich definitiv glücklich“.
Dennoch war nach zwei bahnbrechenden Platten erst einmal alles gesagt. Schon auf dem zweiten Album hatte Melissa York Martinez am Schlagzeug abgelöst; 1998 trennte sich die Band, um Soloprojekte zu verfolgen. Bereits 2004 kam es dann allerdings beim Homo-A-Go-Go-Festival in Olympia zu einer ersten Reunion. Weitere sporadische Auftritte und Tourneen in den USA folgten in den letzten zwei Jahrzehnten, ebenso wie Wiederveröffentlichungen der ersten beiden Platten. Inzwischen sind Team Dresch offiziell ein Quintett, in dem Martinez und York gemeinsam Schlagzeug spielen.
Ein weiteres Album war trotz alledem lange eigentlich kein Thema, bis Bleyle sich weigerte, weiter allein mit den alten Songs aufzutreten. Das machte den Weg für das dritte Team-Dresch-Album, „Furthermore“, frei, das Mitte September wie die beiden Vorgänger auf dem Label Jealous Butcher erscheint.
Ganz ohne Stressmomente kam die Entstehung der neuen LP nicht aus, schließlich wollte die Band nicht an ihren eigenen hochgesteckten Zielen scheitern. So arbeiteten die fünf viel getrennt voneinander und fanden am Ende doch einen gemeinsamen Nenner. „Zielsetzung, Beständigkeit und Kommunikation“, antwortet Martinez deshalb kurz und bündig auf die Frage, was bei der Entstehung der neuen Songs besonders hilfreich war.
Mit „Furthermore“ beweisen Team Dresch nun eindrucksvoll, dass sie den Spagat zwischen dem eigenen musikalischen Erbe und der Gegenwart perfekt beherrschen, wenngleich das eher unbewusst geschah. „Darüber haben wir gar nicht groß nachgedacht“, gesteht Wilson lachend. „So schreiben wir eben gerade – und das ist für alle von uns eine Mischung aus vielen verschiedenen Dingen, die wir in den letzten 30 Jahren erlebt haben. Alles, was wie eine Verbeugung vor unserem alten Stil klingt, lebt einfach in uns!“
Songs wie die Singles „One Song“ und „Growing Underground“ ebnen dabei perfekt den Weg für das restliche Album, das mit vielen betont persönlich gefärbten Songs unterstreicht, dass es falsch ist, Team Dresch ausschließlich auf ihr ohne Zweifel vorhandenes politisches und gesellschaftliches Gewissen zu reduzieren. „Wir haben uns auf jeden Fall gründlich überlegt, welche Songs wir als Singles veröffentlichen wollten, um die Weichen für das gesamte Album zu stellen“, erklärt Wilson. „Es freut mich zu hören, dass das rüberkommt!“
So drücken die neuen Lieder unmissverständlich aus, dass es unmöglich ist, Politik und Liebe voneinander zu trennen, weil das Ausleben queerer Liebe und Sehnsüchte schon immer ein radikaler politischer Akt gewesen ist. Vielleicht auch deshalb gingen und gehen Texte der Band sofort zu Herzen. Man könnte sogar, ohne rot zu werden, behaupten, dass sie zuerst auf das Herz der Zuhörenden zielen, bevor sie den Verstand erreichen: Eine ungewöhnlich emotionale Reaktion ist die Folge. Doch spiegelt sich darin einfach die Persönlichkeit der Bandmitglieder wider?
„Das ist eine so coole Frage!“, freut sich Wilson. „Bei mir ist es oft so, dass ich Texte entweder schreibe, während ich an Gesangsmelodien arbeite, ohne groß darüber nachzudenken, oder dass ich sie schneller tippe, als mein Gehirn denken kann! Vielleicht ist es also eher unbewusst? Ich versuche aber stets, mein Herz in die Stimmung der Musik einzubringen.“
Deshalb ist es nicht überraschend, dass es Team Dresch auch nach all den Jahren nicht um kommerzielle Erfolge geht, sondern um das, was sie seit jeher am besten können: Verbindungen schaffen und das Gefühl von Community fördern. Trotzdem hat sich in den letzten drei Jahrzehnten vieles gewandelt. Damals drückte sich der Gemeinschaftsaspekt und der persönliche Kontakt, der Team Dresch von Beginn an wichtig war, noch in von Hand fotokopierten Fanzines und per Telefon gebuchten Auftritten aus. Heute verknüpft sich auch die DIY-Szene längst per Internet – der Fortschritt ist schließlich nicht aufzuhalten.
Für Wilson haben die alten Werte allerdings nichts an ihrer Relevanz eingebüßt. „Ich bin immer noch eine große Befürworterin von gedruckten Medien, DIY und Handgemachtem“, sagt sie. „Allerdings sehe ich auch, wie das Internet lebensrettende Dinge für Menschen überall zugänglich gemacht hat, also hat das auch seine positiven Seiten – und letztendlich sind unsere Musik und unsere Live-Shows immer ein Familientreffen, es ist also immer noch total handgemacht und sehr verbindend!“
Wenn sie an die Deutschland-Konzerte vor genau dreißig Jahren zurückdenkt, fallen Wilson zuerst viele tolle besetzte Häuser, fantastisches Essen, wunderbare Gemeinschaften und herzliche Menschen ein. Kein Wunder, dass auf der kommenden Europa-Tournee gleich sieben der neun Konzerte in Deutschland stattfinden!
Viele Einträge auf der bucket list haben Team Dresch nach all den Jahren nicht mehr – Supportact für Kate Bush zu sein, das wär’s! – und deshalb lautet die Antwort auf unsere abschließende Frage, was geschehen muss, damit die fünf das neue Album als Erfolg verbuchen, folgerichtig: „Wenn es Menschen so berührt, dass sie das Gefühl haben, es würde ihnen in irgendeiner Weise helfen.“
„Furthermore“ von Team Dresch erscheint auf Jealous Butcher/Bertus.




