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Viel zu tun
Vier Tage bzw. Nächte über die Reeperbahn – das kann durchaus anstrengend sein, aber wenn das Reeperbahn Festival ruft, kommen dann doch wieder alle. 2026 sollen es wieder rund 45.000 Leute gewesen sein, die sich über eine Auswahl von über 540 Konzerten freuen konnten. Dazu gesellten sich natürlich auch dieses Jahr wieder Arts & Word-Programmpunkte, Lesungen, Live-Podcasts, Ausstellungen und und und. Viel zu tun, viel zu sehen, viel zu hören.
Wer wann womit die Reeperbahn Festival-Experience anstößt, ist natürlich relativ – aber bereits bevor abends das Clubprogramm losgeht, sind ja bereits diverse kleine Showcase-Programme auch ohne Ticket zugänglich. Beispielsweise bei der fritz-kola-Bühne auf dem Heiligengeistfeld. Die auf einem Bus montierte Bühne bietet jedes Jahr einen bunten Querschnitt von Acts, die hier tagsüber Werbung für ihre Clubkonzerte am Abend machen.
Den Anfang machte amelie, die laut eigener Aussage nicht weit entfernt vom Heiligengeistfeld in Hamburg wohnt und sich deswegen natürlich doppelt freut, vom Reeperbahn Festival eingeladen worden zu sein. Es hat zwar das typische Hamburger Schietwetter zeitgleich eingesetzt, aber dennoch fand sich eine bunte Truppe vor der Bühne, um den Songs von amelie zu lauschen. Wenn das denn ohne Probleme möglich gewesen wäre, denn leider hatte amelie mit einigen argen Mikrofonproblemen zu kämpfen und war teilweise gar nicht mehr zu hören. Was sehr schade war, denn ihre Pop-Songs, die mit allerlei Geschichten über Alltag und Beziehungen gespickt waren (und zudem eine clevere und angenehme Verwendung der Worte, kein holpriges Reinpressen der Texte in die Songstrukturen), konnten sehr überzeugen. Zum Glück war noch ein kleiner Fanclub anwesend, der stimmlich unterstützen konnte, wenn das Mikro mal wieder nicht wollte.
Im Anschluss konnte man die junge Synthpop-Künstlerin Thelma Malar bewundern, die mit ihren deutschsprachigen Selbstfindungs-Songs als Indie-Künstlerin im Rahmen der diesjährigen FLINTA*-Aktion „It’s Fine“ ihren Weg in das Line-Up gefunden hatte. Thelma Malar macht E-Pop mit Club-Ansätzen, die sie zunächst auf Englisch intonierte, heutzutage aber auf Deutsch singt – und dabei dann auch konkret auf ihre Erfahrungen als Frau in der von Männern dominierten Musikwelt eingeht – und das dann auch noch mit ansprechenden Bildern und Aphorismen aus der Jetztzeit verbindet. Da mittlerweile auch die Sonne herausgekommen war, war das dann ein Festivalstart wie gemalt.
Das FLINTA*-Thema wurde in diesem Jahr dabei von den betreffenden Künstlerinnen übrigens ganz unterschiedlich behandelt. Etwa gar nicht (indem einfach die Musik ins Zentrum gestellt wurde) – oder im Allgemeinen, grundsätzlich, politisierend oder aber – wie im Falle des Berliner Quintetts Remote Bondage, das seinen Emanzipations- & Empowerment-Pop-Punk mit Selbstironie und intelligenten Sprüchen wie „Unsere Identität ist doch keine Meinung, die man diskutieren könnte“ in ein rechtes Licht rückte. Die Idee war dabei, der Sache mit einer Retro-Pop-Group-Performance inklusive entsprechender Kostüme und Choreographie nach dem Motto ihrer Single „Good Girl Go To Hell“ eine ironische Note zu verleihen (auch so etwas muss man sich ja erst mal trauen!) – auch wenn die Musik dann ziemlich straight in Richtung Power-Pop abgeht. Nun ja – bei dem Projektnamen war das jetzt nicht so erstaunlich. Schade nur, dass die Show auf der von einem Schutzgitter abgegrenzten fritz-kola-Bühne nur halb zu sehen war.
Aus dem Clubprogramm gilt es an dieser Stelle dann gerade jene Acts hervorzuheben, die außerhalb der normalen Tour- und Bookingroutinen zu Showcasezwecken oder besonderen Projekten herangeführt worden waren. Das aus der Londoner Windmill-Szene hervorgegangene, junge Indie-Prog-Ensemble The Orchestra (For Now) gehört zu jener Kategorie und startete das Programm im überfüllten Molotow Club. Dabei überraschte das Ensemble mit dem Einsatz eines Cellos – aber auch mit überambitioniert zerhackten Songs, die noch nach einem hörbaren Format zu suchen scheinen. Zweifelsohne hat die Band ja eine ganz eigene Vision – einfach indem sie es hinbekommen hat, die Ästhetik des Prog-Rock der 70er Jahre mit der Indie-Energie der Jetztzeit in Verbindung zu bringen. In der Praxis hapert das noch etwas, denn jetzt müssten die Musiker eigentlich noch eine eigene Vision für das Songwriting entwickeln, die über die Aneinanderreihung ständiger dynamischer Sprünge und dramatischer Stops & Gos hinausreicht. Vielleicht sind sieben Bandmitglieder auch einfach zu viel – zumindest, wenn jeder seine eigenen Ideen einbringen will?
Auf der Bühne übersichtlicher, aber dennoch nicht unbedingt weniger opulent, was Arrangements betrifft, ging es dann beim Auftritt von Lauren Auder im Nochtspeicher weiter. Die Singer-Songwriterin aus London hatte einen Gitarristen und einen Drummer mitgebracht, alles andere wurde per Notebook eingespielt (Keyboard, Background-Gesang, Effekte). Ist schon manchmal etwas befremdlich, wenn selbst der Background-Gesang eingespielt wird, aber Lauren Auders Bühnenpräsenz lässt darüber leicht hinwegsehen. Irgendwo im Art-Pop angesiedelt, singt sie über wichtige Themen des Menschseins, dargeboten mit schönen Melodien und großen Gefühlen.
„In classic Beatles fashion… our first gig outside the UK is in Germany! Die Sukis take on Hamburg!“ – so ließen es The Sukis auf Instagram verlauten, und klar, Liverpool und Hamburg passt eigentlich immer. So auch an diesem Abend in der vollen Nochtwache – die Lads sind sofort voll eingestiegen, rockten sich durch ihre energiegeladenen Songs, freuten sich sehr, in Hamburg zu sein, und steckten alle an mit ihrer guten Laune und mitreißenden Songs. Wenn jetzt noch ein paar größere Melodien vorhanden wären, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.
Die gute Laune war auch anschließend bei Vicky Sometani eine Etage höher im Nochtspeicher sehr ansteckend. Begleitet von einem Bassisten, konnte man einen eher zweigeteilten Auftritt miterleben – im ersten Teil spielte Vicky noch selbst Gitarre, im zweiten Teil dann konnte sie sich ohne Instrument ihrem Bewegungsdrang vollkommen hingeben und lieferte einige Tanz-Einlagen ab – ohne dabei natürlich irgendwelche Abstriche beim Gesang zu machen. Das war alles recht poppig, jazzig, soulig und machte einfach Spaß – Vicky hat auf jeden Fall einen sehr guten Mix gefunden, die Menschen mitzureißen.
In der Haspa-Filiale zeigte die Berliner Songwriterin Muryel bei ihrem Hamburg-Debüt, dass sich auch hierzulande mit eher generischen, englischsprachigen Selbstfindungssongs ein junges Publikum finden lässt. In Anbetracht dessen, dass das Reeperbahn Festival ja gerne ein jüngeres Publikum ansprechen will, war es nicht verwunderlich, dass es eine ganze Reihe jüngerer MusikerInnen in das diesjährige Line Up geschafft hatten. Muryel hat die Sache als Ersatz-Superstar dabei mit professioneller Routine im Griff und präsentierte das eigentlich recht überschaubare Songmaterial mit der vielleicht überdimensionierten Aura einer bereits erfolgreich etablierten Künstlerin. Das dürfte den blutjungen Fans indes egal gewesen sein.
Oft beklagt man sich ja, wenn man auf der Bühne so gar nichts mehr erkennen kann, sei es, dass einfach kaum Licht vorhanden ist, oder man ist komplett eingenebelt. Beides, also weniger Licht und Nebel, hätte dem Auftritt von Dry Skin aus Dresden sicherlich gutgetan, denn musikalisch bewegt sich die Band eher im düsteren New Wave der 80s und komplett ausgeleuchtet und einfach hell verpuffte etwas die Energie in der Prinzenbar. Rein musikalisch gibt es da nichts zu meckern – treibender Melodie-Bass, Analog-Synthies, Gitarre und ein eindringlicher Gesang, da passt alles zusammen.
Mehrere Spielstätten – wie das Kukuun oder das Gruenspan – standen in diesem Jahr wegen Umzug/Renovierung nicht zur Verfügung, was dazu führte, dass manche Shows in das beschauliche Schmidtchen Theater gebucht werden mussten – darunter beispielsweise die Eröffnungsveranstaltung sowie Gigs von eigentlich etablierten Künstlerinnen wie z.B. Mine oder Lùisa, die ohne Weiteres auch größere Spielstätten hätten füllen können. Das führte dann zu langen Warteschlangen beim Einlass, die sich zuweilen mit den anderen Warteschlangen an den verbleibenden bespielten Venues im Clubhaus (dessen Fassade ebenfalls gerade renoviert wird) kreuzten.
Sei es drum: Für diejenigen Fans, denen es gelang, zu den offensichtlich angesagten Shows im Schmidtchen zu gelangen, ergab sich so ja auch die Möglichkeit, die betreffenden Acts aus nächster Nähe begutachten zu können. Mine machte dann auch gut gelaunte Miene zum bösen Spiel und präsentierte die Songs ihres aktuellen Albums „Killer“ mit erklärenden Comedy-Einlagen. Die Sache war nämlich die, dass sie ein ganzes Sammelsurium von eher obskuren elektronischen Instrumenten angeschleppt hatte und sich einen Spaß daraus machte, deren Tücken auf humorvolle Art zum Thema zu machen. Gleich zu Beginn der Show ging es darum, ein Stylophone (bekannt aus David Bowies „Space Oddity“) ans Laufen zu bekommen. „Moment mal, wir müssen noch mal anfangen – ich habe mein Instrument gar nicht eingeschaltet“, meinte Mine. Im Folgenden wurde das Instrument dann zwar eingeschaltet, war aber falsch gestimmt. Ein weiterer Versuch führte dann dazu, dass Mine ihren Gesangseinsatz verpasste und dann gar (schmunzelnd) behauptete, dass sie ihren Text vergessen habe. Als Nächstes präsentierte sie ein braunes Omnichord und meinte, dass das ja viel besser klinge als ein weißes Omnichord – was aber auch daran liegen könne, dass es ihr Omnichord sei. Und dann griff sie noch zu einem Blas-Synthesizer, der so gar nichts mit einem Saxophon zu tun habe, was jeder bestätigen könne, der schon mal auf diesem Instrument gespielt habe.
Musik gab’s dann aber trotzdem noch – und die war dann sogar eine Spur zugänglicher als die doch recht getweakten Studioversionen des „Killer“-Albums. Übrigens: Wie auch die nach Mine im Schmidtchen aufspielende Lùisa hatte Mine ihr aktuelles Album ohne Label-Unterstützung in Eigenregie realisiert. Auch das ist eine der Konsequenzen der im Umbruch befindlichen Musikindustrie.
Während der Shows von Mine und anschließend Lùisa im Schmidtchen gab es im Bahnhof Pauli eigentlich eine Spielpause – die sich aber dadurch erklärte, dass die Berliner Band Agatha Is Dead!, die an diesem Tag die Release-Show für ihr gerade erschienenes Debüt-Album „Concrete“ angesetzt hatte, ziemlich lange brauchte, bis sie ihr Equipment bühnenfertig eingerichtet hatte und noch mit dem Soundcheck beschäftigt war, als die Fans längst ungeduldig im Bahnhof Pauli mit den Füßen scharrten. Aber die Wartezeit sollte sich auszahlen, denn die Band legte anschließend einen druckvollen und mitreißenden Auftritt hin. Mit ihrer Version des Post-Punk kann man da auch nicht besonders viel falsch machen, besonders die natürliche Bühnenpräsenz von Sängerin/Gitarristin Lilly Bartholomew-Günther holt einen sofort ab, ihre kraftvolle Stimme spielt eine nicht unwichtige Rolle. Das hat durchaus Eindruck hinterlassen und gibt Motivation für den nächsten Tag des Reeperbahn Festivals.
Der 2. Teil folgt in Kürze…








































