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Marie van Uytvanck – ihres Zeichens neben Amber Piddington die andere Hälfte des belgischen Indie-Pop-Duos Kids With Buns – hat sich die Haare abgeschnitten, weil sie von den Kommentaren genervt war, mit denen sie in Bezug auf den Bandnamen ständig konfrontiert wurde. Und vielleicht auch deshalb, weil sie nach einer schmerzlichen Trennung einfach auch ein neues Kapitel im Leben aufschlagen wollte. Und damit sind wir auch schon beim Thema der zweiten Scheibe des Antwerpener Duos, denn hier geht es um Heilung und Zuversicht – auch wenn der Titel des Albums „bell jar“ auf den einzigen Roman der Schriftstellerin Sylvia Plath verweist, die bekanntlich durch Freitod aus dem Leben geschieden ist.
Für ihr zweites Album reisten Marie und Amber nach Philadelphia, wo sie ihre Songs mit Hilfe des Produzenten Jacob Blizard einspielten (nachdem sie festgestellt hatten, dass das berühmte Chilly-Cheesesteak-Sandwich eigentlich ziemlich eklig ist und nicht für den menschlichen Verzehr geeignet scheint). Wie kam es denn zu dieser Zusammenarbeit?
„Wir sind 2020 bei einem Festival in Maastricht aufgetreten, wo auch Lucy Dacus gespielt hatte“, berichtet Marie, „wir sind Riesenfans. Die berühmte Boygenius-Scheibe war zu dieser Zeit noch nicht draußen. Es waren gar nicht so viele Leute bei der Show. Die Musiker haben dann aber wohl bemerkt, dass wir alle Songs mitgesungen haben. Als wir dann mit unserer Show dran waren, meinte Amber, dass Jacob Blizard – der als Gitarrist in Lucys Band gespielt hatte und ja auch ihr Produzent ist – sich nun bei uns im Publikum befand. Nach der Show bekamen wir dann eine Nachricht von Jacob. Er bedankte sich dafür, dass wir bei der Show von Lucy ‚gevibt‘ hatten, und gratulierte uns zu unserer Show. Ein paar Wochen später meldete er sich erneut und sagte, dass er gerne mal mit uns zusammenarbeiten würde und dass wir ihn benachrichtigen sollten, wenn wir daran interessiert seien. Damals war aber nicht der richtige Zeitpunkt, denn unsere Debüt-LP war noch gar nicht erschienen. Wir haben uns dann aber an die Nachrichten von Jacob erinnert, als wir unser zweites Album aufnehmen wollten – und sind dann nach Philadelphia geflogen. Erst auf dem Flug ist uns bewusst geworden, dass wir auf dem Weg zu einem Mann waren, den wir eigentlich ja gar nicht kannten – der aber die Scheiben produziert hatte, die uns selbst beeinflusst hatten, wie z.B. das Boygenius-Album.“
Auf dem Album „bell jar“ geht es inhaltlich ja ziemlich düster zu. Gibt es da überhaupt Liebeslieder, die man als solche bezeichnen könnte? „Das sind alles Liebeslieder – nur halt traurige“, meint Marie, „es gibt nicht einen fröhlichen Song auf der Scheibe.” Das war ja nur eine rhetorische Frage. Aber warum ist das Album so – nun ja – melancholisch ausgefallen?“
„Das ist alles autobiografisch“, erklärt Marie, „was lustig ist, denn wir sind eigentlich gar keine besonders traurigen Leute – aber über unsere Musik verarbeiten wir traurige Dinge. Die Sache ist nämlich die, dass wir vor ungefähr zwei Jahren zufällig beide langjährige Beziehungen beendeten. Somit hatten wir also eine Menge, über das wir schreiben konnten. Das war natürlich eine traurige Zeit in unserem Leben – die aber auch sehr produktiv für uns war.“
Viele Songwriter sagen ja, dass sie nur schreiben können, wenn es ihnen schlecht geht, um sich dann die Dinge, die sie bedrücken, von der Seele schaffen zu können. „Das ist bei uns auch so – das ist die einzige Art, auf die wir schreiben können. Wir können gar nicht anders“, erklärt Marie, „wir versuchen einfach, die schlechten Dinge hinter uns zu lassen, um dann ein glückliches Leben führen zu können.“ Das ist ja dennoch eine sehr emotionale Sache. „Ja, aber mit der Musik können wir emotionale Sachen ausdrücken, für die wir keine Worte haben, weil es da eben eine extra Ebene gibt“, meint Marie zu diesem Thema.
Bedeutet das dann, dass die Musik als generelles Konzept den Lebensmittelpunkt für Kids With Buns ausmacht? „Schon – Musik bedeutet mir alles“, bestätigt Marie, „es ist das Wichtigste in meinem Leben. Meine eigene Musik hilft mir, mit Sachen umzugehen – aber auch wenn ich die Musik anderer höre, geht das so. Wenn ich mich mit einem Song identifizieren kann, dann hilft mir das wirklich – und ich habe keine Kontrolle darüber.“ „Es ist schwierig, sich das Leben ohne Musik vorzustellen“, ergänzt Amber, „man wird ja manchmal gefragt, ob man lieber taub oder blind sein würde. Ich denke, ein Leben ohne Musik wäre furchterregend.“
Die Songs von Kids With Buns entstehen weitestgehend gemeinsam. Wie finden Marie und Amber dann zum Fokus eines Songs? Was interessiert sie denn außer traurigen Sachen? „Also, das ist eigentlich das Einzige, was uns interessiert“, schmunzelt Amber, „ich würde auch gar nicht sagen, dass wir die Themen suchen, sondern dass diese uns finden. Für uns fühlt sich das auch gar nicht wie eine Aufgabe an, Songs zu schreiben. Das passiert einfach auf eine ganz natürliche Weise. Ich glaube auch fest daran, dass das für mich eine Notwendigkeit ist. Wenn man nicht den Drang verspürt, über etwas Bestimmtes schreiben zu müssen, dann frage ich mich, warum es dann überhaupt existieren sollte. Viele Leute werden das bestimmt anders sehen, aber so sehe ich das. Die besten Songs schreiben sich sowieso von selbst.“
„Ja, aber dann stehen wir da und sagen uns: Das müssen wir jetzt aber aufnehmen, sonst vergessen wir das wieder“, wirft Marie ein. „Wenn etwas in dem Prozess dann kompliziert wird und man den Fokus verliert, dann hilft es, zurück zum ersten Take zu schauen. Denn es ist unglaublich wichtig, der ersten Eingebung treu zu bleiben.“
Dafür scheinen die Mädels dann im Studio ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Marie kam zum Beispiel auf die Idee, einige Songs – entgegen des Ratschlags des Produzenten – komplett mit einem Tremolo-Effekt zu unterlegen – was dann zu Klangerlebnissen führt, wie man sie so auch nicht oft zu hören bekommt. „Was ich festgestellt habe, ist, dass ich Spaß daran gefunden habe, Musik zu produzieren“, meint Amber. „Es war also nun so, dass es für uns wesentlich einfacher war, das, was wir im Kopf hatten, zu realisieren, weil wir die Technik kennengelernt haben.“
„Als wir das erste Album aufgenommen haben, waren wir ja neu im Geschäft“, ergänzt Marie, „wir kannten die Industrie nicht, wir wussten nicht, wie man Scheiben aufnimmt und produziert – eigentlich war alles neu. Wir lernten dann, wie wir die Musik, die wir im Kopf hatten, zu realisieren.“ „Ja, dadurch hatten wir jetzt mehr Zeit, die Texte auszuarbeiten“, führt Amber aus, „wir konnten die Texte auch über die Songs verteilen. Als wir die erste Scheibe gemacht haben, entstanden die Songs ziemlich natürlich. Wir haben die Texte dieses Mal dann eher wie Poesie behandelt – auch wenn das vielleicht anmaßend klingen mag. Texte zu schreiben und das Produzieren zu lernen hat auch tatsächlich viel Spaß gemacht.“
Kommen wir nun aber mal zum Titel der Scheibe. „The Bell Jar“ ist ja bekanntlich der Titel des einzigen Romans der Schriftstellerin Sylvia Plath, die sich bekanntlich das Leben nahm. Amber erklärt die Herkunft des Titels: „Wir haben einen Song geschrieben, der am Ende zum Titeltrack des Albums ‚bell jar‘ geworden ist. Der Titel kam eher zufällig zustande, weil ich das Buch in meinem Regal sah, als wir gerade in meinem Schlafzimmer an dem Song arbeiteten. Daraus entwickelte sich die Zeile ‚I saw us in a Bell Jar one or twice where we could avoid 1000 lives‘ – und das entwickelte sich dann zum Thema des ganzen Albums: Nicht von jemandem – oder der Vorstellung – von jemandem loslassen zu können. Es geht um die Idee, sich nicht von der Vorstellung einer Person lösen zu können und an dem Gedanken festzuhalten, wie gut sie für einen sein könnte – obwohl sie es eigentlich gar nicht ist – und sogar schädlich. Das wurde dann zum roten Faden des Albums.“
Und wie kommen wir da zum Thema Zuversicht – die ja auch in den Songs zum Ausdruck gebracht werden soll? „In dem Buch ‚The Bell Jar‘ geht es ja viel um den Kreislauf des Heilens“, führt Amber aus, „jedes Mal, wenn du denkst, dass dein Leben sich positiv entwickelt, geht irgendetwas schief. Man muss aber auch lernen, daran zu glauben, dass es wieder besser werden kann, wenn man sich an einem Tiefpunkt befindet. Das wurde dann auch zu einem Thema auf dem Album: Damit umzugehen, dass es mal schlecht und mal gut gehen kann.“
Geht es dabei auch um Depressionen? Das war ja auch ein Thema, was Sylvia Plath umgetrieben hatte. „Ich denke, das Album handelt nicht im wörtlichen Sinne von Depressionen – aber alles ist miteinander verwoben“, führt Amber aus, „viele Musiker – und da spreche ich für mich selbst und nicht für Marie – haben eine Prädisposition für sehr hohe Höhen und sehr tiefe Tiefen. Das trägt natürlich dazu bei, solche Gedanken dann auch anzusprechen. Das Schöne an dem Buch ‚The Bell Jar‘ ist ja, dass es nicht mit einem depressiven Akzent endet – Sylvia Plaths Leben hingegen tat das ja. Es ist also wirklich wichtig, an dem Buch festzuhalten.“
„Auch ich habe hohe Höhen und tiefe Tiefen“, ergänzt Marie, „das Wichtigste in meinem Leben ist zu wissen, dass alles nur temporär ist. Das ist insofern schade, als dass du weißt, dass es auch dann vorbeigehen wird, wenn du dich mal richtig glücklich fühlst, aber dass es auch wieder besser wird, wenn es mal schlecht läuft. Wann immer es mir schlecht geht, dann weiß ich, dass es in einer Weile aufhören wird und nur vorübergehend so ist. Und das ist sehr tröstlich für mich. Es läuft in beide Richtungen – und das ist tröstlich.“
Kids With Buns werden gleich im Anschluss an die Veröffentlichung des Albums auf Tour gehen und im November auch bei uns auftreten.
„bell jar“ von Kids With Buns erscheint auf V2/Bertus.




