Nouvelle Vague, ein 2003 von den beiden Produzenten und DJs Marc Collin und Olivier Libaux ins Leben gerufenes Projekt, widmet sich der Neuinterpretation von meist Post-Punk- und New-Wave-Songs, denen sie ein Bossa-Nova-Kleid anziehen, ergänzt um Electropop-Accessoires. Seit Libauxs Tod vor fünf Jahren ist Collin der alleinverantwortliche Arrangeur. So auch für die neue Kollektion „A Date With Depeche Mode“, die sich erstmals nur einer einzigen Band annimmt. Begonnen wurden die Aufnahmen mit brasilianischen Musiker*innen in Rio de Janeiro im Studio des Produzenten Liminha, einem ehemaligen Mitglied von Os Mutantes, die Ende der 1960er Jahre mit psychedelischem Tropicana-Rock reüssierten. Hier wurde die rhythmische Basis gelegt, während in Paris Gitarren-, Akkordeon- und Keyboard-Parts hinzukamen. Geblieben ist die Idee wechselnder Sängerinnen.
Feste Größen sind die beiden Sängerinnen Mélanie Pain und Phoebe Killdeer, die zum derzeitigen Konzert-Line-up gehören und auf der laufenden Tour inzwischen acht der dreizehn Depeche-Mode-Songs live darbieten. Auf dem Album sind sie je einmal vertreten. Skye Edwards, hauptberuflich mit Morcheeba unterwegs, darf zweimal ran. „Enjoy The Silence“ singt sie im Duett mit Larry Love von der britischen Electro-Tanzkapelle Alabama 3, die Trip Hop mit Americana kombiniert. Eine kongeniale Kombination mit Marcelo Gordos dezenter Percussion und David Venituccis geschmackvollem Akkordeon. Edwards zweiter Auftritt gerät gesanglich tadellos, aber wer Dave Gahan zu „Personal Jesus“ über den Laufsteg marschieren sah, mag sich mit dieser heruntergedimmten Version nur bedingt anfreunden.
Allerdings richtet sich das Date mit den englischen Electro-Poppern weniger an eingefleischte Depeche-Mode-Fans, sondern eher an Freunde von Latin-Musik in der Tradition von Antônio Carlos Jobim, Flora Purim, Astrud und João Gilberto oder Sérgio Mendes. Und ja, die Stücke lassen sich wunderbar zu einem Cappuccino im Lieblingscafé genießen. Dabei verdienen die liebevollen Arrangements durchaus ein wenig Aufmerksamkeit. „Any Second Now“ verlässt zunächst die Bossa-Ecke, wenn Morenike über Pedro Babys Akustikgitarre, Collins Keyboard und Thomas Harres‘ Drums ihre glockenhelle Stimme legt, bis am Ende sich vertraute Rhythmen einstellen. Der Song stammt wie „Just Can’t Get Enough“ und „Ice Machine“ aus der Frühphase von Depeche Mode und wurde noch von Vince Clark, der heutzutage mit Erasure auf chartaffinem Popkurs segelt, komponiert. „Just Can’t Get Enough“ gab’s schon auf Nouvelle Vagues Debüt. Die 2026er-Version schmeichelt sich mit Eva de Marces flüsternder Stimme zwischen naiver Unbefangenheit und bewusster Laszivität ins Ohr, dazu die gewohnten Bossa-Rhythmen und hübsch drapierte Bläser.
Collin hat sich vor allem die von Martin Gore geschriebenen Hits wie „Behind The Wheel“, „A Question Of Lust“, „Shake The Disease“, „Stripped“ oder „Leave in Silence“ vorgenommen. „Never Let Me Down Again“ punktet mit federnden Beats und Flavia Coelho am Mikrofon. Das ursprünglich an Kraftwerk geschulte „Ice Machine“ hatte man fast vergessen. Es ist kaum wiederzuerkennen und mit Lisa Crawleys warmem Gesang ein finaler Höhepunkt. Das Album lebt zudem von Jérôme Pichons zurückhaltender Gitarrenarbeit und den wechselnden Stimmen, die Collin aus unterschiedlichsten Ecken der Welt für dieses Projekt engagiert hat. Bekannt sind sie selten, eventuell Beth Hirsch durch ihr Mitwirken auf Airs „Moon Safari“. Nouvelle Vague veröffentlichen mit „A Date With Depeche Mode“ ein Album, das von den ersten Noten an in ein vertrautes Lokal führt. Und dort mundet der Latte Macchiato besonders gut.
„A Date With Depeche Mode“ von Nouvelle Vague erscheint auf Kwaidan Records/PIAS Recordings.




