Als der kanadische Songwriter Hayden 1995 (damals im Schlepptau seiner Kollegen Cowboy Junkies, die ihn mit auf Tour nahmen) sich auch bei uns als Songwriter-Hoffnung präsentierte, stand ihm die Welt aufgrund des erfolgreichen Debüt-Albums „Everything I Long For“ prinzipiell offen. Aber nach einer Reihe unglücklich ausgewählter Label Deals stand er nach einigen weiteren Erfolgen Anfang des Millenniums plötzlich ganz ohne Deal da, was ihn dazu zwang als Indie-Artist neu anzufangen. Aus der Öffentlichkeit zog sich der Meister dann größtenteils zurück. 2010 verdichteten sich gar Gerüchte, die mutmaßten, er könne verstorben sein (ein Thema, das er in dem neuen Song „Time Has Been More Kind“ von seinem neuen Album selbstironisch aufgreift). Es folgte eine fast zehnjährige Veröffentlichungspause, die erst 2023 mit dem Album „Are We Good“ ein Ende fand. Nun liegt also das neue Album „The Recent Past“ vor, mit dem er sie letzten Jahre dann auch autobiographisch aufbereitet.
Musikalisch und songwriterisch war Hayden stets ein Mann für die kleinen Geschichten und Details, über die ansonsten keiner singen mochte oder wollte. Das ist auch auf dem neuen Werk nicht anders. Die Schrulligkeit des Mannes aus Thornhill, Ontario, setzt sich aber auch musikalisch auf dem neuen Werk wieder durch. So entstanden die meisten der neuen Tracks auf einem antiken Piano aus den 40er Jahren aus dem Eltrernhaus, das den Sound der Scheibe dann auch entscheidend prägt. Dazu kommen dann Mellotron-Sounds, zum Teil arg verfremdete Live-Drums, ein pulsierender Paul-Mc-Cartney-Style-Bass (wodurch Tracks wie „Stardust Or Avalon“ tatsächlich ein „beatlesques“ Wohlbehagen entwickeln) und eine manchmal abrasiv eingesetzte elektrische Gitarre. Was im Gegensatz zu früher vollkommen fehlt, sind klar zu verortende Folk-Passagen – freilich mit Ausnahme des fast schon parodistischen Country-Arrangements des Tracks „Time Has Been More Kind“ (bei dem es dann allerdings auch um den Tag, an dem Johnny Cash verstarb geht).
Wie üblich singt Hayden dabei mit der stoischen Gelassenheit eines Mannes, den so schnell nichts mehr aus der Bahn werfen könnte – und schlurrt dabei zuweilen so schön beiläufig wie Matt Berninger daselbst. Wie ebenfalls üblich produzierte Hayden das Album zwar wieder selbst – hatte allerdings die kluge Eingebung, den finalen Mix nicht selbst auszuführen (der Betriebsblindheit wegen), sondern diese in die Hände des Produzentenkollegen Tom Schick zu geben – der für seine Arbeiten etwa für Wilco oder Willie Nelson bekannt ist. Das führte zu einem Sound, den man dann von musikalischen Querdenkern (neben Jeff Tweedy etwa T-Bone Burnett oder Joe Henry) mittlerweile gewohnt ist: Organisch, voluminös, aber auch klanglich transparent und auf eine zeitlose Weise klanglich den Altvorderen verpflichtet ohne dabei in Sachen Retro zu machen.
Da kann man mal sehen, wie wichtig Mix (und Mastering) für eine solche Art der Musik sind und was man damit aus konventionell eingespieltem Material klangtechnisch auch nach der Produktion noch herausholen kann. Das Paradebeispiel dafür ist der Song „Makes No Sense“, in dem eine ungewöhnliche Instrumentierung mit Rhythmusmaschine plus verfremdeter Live-Drums, Bass-Synthesizer, atmosphärischer Steel Gitarre und der bereits erwähnten Brachial-Tremolo-Gitarre zu einem psychedelischen Mind-Trip allererster Couleur führen. Ohne Frage entstand so Haydens musikalisch abenteuerlichstes und reichhaltigstes Album.
Noch ein kleiner Hinweis: Aufgrund des Todes der kanadischen Schauspielerin Hayden Pannetiere findet man den Songwriter Hayden heutzutage am besten über seinen Nachnamen Desser.
„The Recent Past“ von Hayden erscheint auf Hardwood/Bertus.



