Nach vier Jahren Pause zog es Altmeister Bill Callahan mal wieder ins Studio, um dort sein achtes Solo-Album „My Days Of 58“ mit seiner Band einzuspielen. War es früher ein Anliegen des Meisters, sich auf seinen Scheiben und seinen Konzerten mit nihilistischer, misanthropischer Tendenz ins Nichts zu spielen, so kann es ihm heutzutage gar nicht opulent, spielfreudig und reichhaltig genug zugehen. Mit denselben Musikern, die ihn auch auf dem Vorgängerwerk „Ytalier“ und auf Tour begleiten, setzte Callahan dieses Mal ganz auf ein kommunikatives musikalisches Miteinander und erlegte sich und seinen Musikern keine beschränkenden Formate auf.
Das beste Beispiel für die neu gewonnene Freude am Tun ist etwa der siebenminütige Opener „Why Do Men Sing“, in dem das ganze zur Verfügung stehende Instrumentarium inklusive von Dustin Laurenzi arrangierten Bläser-Sätzen, Jim Whites stoischem Drum-Spiel, psychedelischer Lead-Gitarre co. Matt Kinsey, Harmoniegesang und Klavier zum Einsatz kommt und der am Ende zu einer Jam-Session ausartet, die zum Beispiel auch The Band nicht besser hinbekommen hätten. Das ist insofern erstaunlich, als dass Callahan die Basic Tracks zunächst mal alleine mit Jim White einspielte, und dann die anderen Musiker bat, ihre Parts hinzu zu arrangieren. Das ist dann ein Testament dafür, wie eng Callahan inzwischen mit seiner Band verwachsen ist.
Früher gefiel sich Callahan oft als misanthropischer Stinkstiefel, der seine Neurosen in bestenfalls stoischer Manier in musikalische Form brachte. Das ist heute ganz anders. Der offensichtlich nun ausgeglichene, glückliche Familienvater Bill Callahan macht sich mittlerweile einen Spaß daraus, seine Beobachtungen in autobiographisch geprägten Songs auszuleben und dabei philosophische Überlegungen – etwa über sein Verhältnis zu seinen Kindern („The Man I’m Supposed To Be“), seinem Vater („Empathy“) – oder gar zu seinem Rechner („Computer“) anzustellen. Callahan ist heute ein zweifelsohne glücklicherer Mensch als früher und hat erkannt, dass Einsamkeit und Isolation nicht das Maß aller Dinge sind. Bestes Beispiel dafür ist der Song „Lonely City“ – ein unverhohlenes Liebeslied an die einsame Stadt New York, die Callahan durch seine tröstende Anwesenheit aus eben dieser Einsamkeit erlöst.
Was sich gegenüber früher nicht geändert hat, ist Callahans Manier, seine Songs mit stoischen Sprechgesang vorzutragen und sich nur ganz punktuell dem Gesang zuzuwenden – wie etwa in dem anrührenden Country-Song „West Texas“. Melancholisch sind Callahans Tracks nach wie vor – aber eben nicht mehr desolat, destruktiv oder deprimierend, wie oft früher. Das liegt zweifelsohne auch daran, dass er sich dieses Mal als Songwriter ordentlich Mühe gibt, nicht mehr alleine auf das Erzeugen oder Auflösen von Spannungen konzentriert und sogar Mitsing-Refrains zulässt, wenn sie sich anbieten – und dabei auch noch Humor zeigt, wie in dem Track „Computer“, in dem er seinen Computer fragt, ob dieser menschlich sei und ihm vorschlägt, mit ihm zu singen „I’m Not A Robot And I Never Will Be“. Gelegentlich kann man auch den alten „Indie-Rock-Bill-Callahan“ in Tracks wie „Pathol O.G.“ oder „And Dream Land“ noch entdecken. Vor allen Dingen aber gefällt das Album wegen der enormen musikalischen Vielfalt und der spielfreudigen, organischen Darbietung – und nicht wegen der Verfolgung bestimmter Prinzipen.
„My Days Of 58“ von Bill Callahan erscheint auf Drag City/Indigo.




