Man darf von einem Comeback sprechen. Dreizehn Jahre lang gab es kein neues Album von Amy Grant. Eine Herzoperation 2020, 2022 bringt sie ein Fahrradunfall erneut ins Krankenhaus. Nun ist sie mit der Platte „The Me That Remains“ zurück und der groovende Titelsong dient einer Bestandaufnahme. „Coming out of the dark, coming out of the grave“, singt die 65-Jährige. Aber auch: „Whatever angels happened to draw my name/I hope they see how proud I am to be“.
Grant ist in den USA eine große Nummer. Vor allem durch ihre erfolgreichen Weihnachtsalben, von denen „Home For Christmas“ Dreifach-Platin einheimste. Beliebt war sie zudem als Sängerin christlicher Lieder, die sie im Pop-, Country- und Gospel-Gewand immer wieder in die Charts brachte und wofür sie insgesamt sechs Grammys kassierte. Grant ließ sich aber nicht von evangelikalen Fundamentalisten vereinnahmen, sondern blieb liberal und weltoffen. Die konservativen Fans wandten sich von ihr ab, als sie sich scheiden ließ und alsbald den heutigen Eagles-Sänger Vince Gill ehelichte.
Der lichtdurchflutete Reggae „(Nothing Like A) Sunny Day“ verweist auf die Gemeinsamkeiten vieler Religionen und kontert die irritierenden Glaubenskonflikte wie die Schere zwischen Arm und Reich oder Rassismus mit der schlichten Botschaft: „All feel better when the sun is shining bright.“ „The Saint“ zeichnet einen Absturz in den Alkohol nach und stellt die Frage, ob nicht die Einsamen, die gänzlich auf sich zurückgeworfen sind, die Heiligen seien. „Beautiful Lone Companion“ meint Gott als stillen Begleiter: „And He moves through ancient contradictions with the grace of a sacred machine“.
Das collagenhafte Cover-Artwork verweist auf Grants familiäres Umfeld. „Friend Like You“ singt sie mit ihrem Ehemann, dessen Beistand in guten wie in schlechten Zeiten sie feiert, während der Schlusssong „The Other Side Of Goodbye“ den Abschied von der Mutter thematisiert. Der aufgeräumte Country-Pop untermalt den Weg auf die andere Seite der Existenz, wenn das Antlitz der Sterbenden ein letztes Mal glüht wie bei einem Kind auf einer Kirmes, über der das Feuerwerk zum amerikanischen Unabhängigkeitstag den Himmel erleuchtet. Ein tröstliches Bild, das bleibt.
„The 6th of January (Yasgur’s Farm)“ trägt ein Datum bereits im Titel. Sandy Emory Lawrence, die den Song geschrieben hat und Strumstick spielt, schlägt darin einen weiten Bogen. Vom gescheiterten Versuch, mit dem Überfall auf das Waffendepot Harpers Ferry 1859 einen Sklavenaufstand zu initiieren, über das Woodstock-Festival und dessen Mythos einer friedvollen Gegenkultur bis hin zum Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021, diesem enthemmten Angriff auf die Demokratie. Kontrastiv erwähnt werden mit Marvin Gayes „What’s Going On“ und John Lennons „Imagine“ berühmte Friedenshymnen. Jener Lennon, der vom FBI bespitzelt wurde und kurz vor der Ausweisung stand.
Der Singer/Songwriter Mac McAnally spielt auf Grants Album Akustikgitarre und hat produziert. Keine puristische Countryplatte freilich. Da gibt es anrührende Piano-Balladen, funkige Gitarren in „‘Til We Get It Right“, ein Duett mit Ruby Amanfu („How Do We Get There From Here“), das zu sehr auf die Popcharts blickt, Akustik-Folk, der mit Hammond-Orgel, E-Gitarren und gospeligen Background-Chören einen Überbau erhält. Dazu ein wenig Synthesizer-Elektronik. Und über allem schwebt Joni Mitchell als guter Geist. Wenn Amy Grant wie im Titelsong in den Spiegel schaut, darf sie mit sich zufrieden sein.
„The Me That Remains“ von Amy Grant erscheint auf Thirty Tigers/The Orchard.




