Platte der Woche KW 19/2026
Als Kevin Drew und Brendan Canning 1999 in Toronto das Projekt Broken Social Scene ins Leben riefen, ahnten sie vermutlich selbst noch nicht, dass sie damit bis heute einen prägenden Einfluss auf die kanadische Musikszene ausüben würden. Denn damals wie heute gehörte es zum inklusiven Geschäftsmodell des Projektes, befreundete Künstler aus anderen kanadischen Bands zu bitten, die musikalischen Ideen von Drew und Canning durch ihre Beiträge zu ergänzen. Das ist natürlich auch auf dem ersten „richtigen“ Studioalbum seit dem 2017er Werk „Hug Of Thunder“ wieder so.
Auf dem Album „Remember The Humans“ sind es zum Beispiel Hannah Georgas, Leslie Feist und Lisa Lobsinger (die zwischen 2005 und 2006 als Leadsängerin zur BSS-Stamm-Besetzung gehörte), die neben der aktuellen Vokalistin Jill Harris für gesangliche Akzente im munteren kollektiven Treiben sorgen. Auch Produzent David Newfeld, mit dem die Band bereits mehrfach zusammen arbeitete, ist wieder mit an Bord. Im Sommer werden BSS dann zusammen mit den befreundeten Bands Stars und Metric zusammen auf große US-Tour gehen – wo es dann sicherlich weitere Querverbindungen Besetzungstechnischer Art geben wird.
In den neun Jahren, die seit der Veröffentlichung des letzten Albums ins Land gegangen sind, waren BBS keineswegs inaktiv. Nach der Tour zum Album veröffentlichten BSS ab 2019 eine Reihe von EPs und die B-Seiten Sammlung „Old Dead Young“. Es folgte zwischen 2022 und 2023 eine weitere Tour mit der das 20-jährige Jubiläum des Albums „You Forgot In People“ gefeiert wurde und 2024/2025 erschien unter „It’s All Gonna Break“ ein Dokumentarfilm über die Band. Das ist deswegen wichtig zu wissen, weil die Band unter der songwriterischen Leitung von Kevin Drew auf dem neuen Album „Remember The Humans“ unter anderem auf eben jene Zeit zurückblickt. Denn auf dem neuen Werk geht es im Allgemeinen um verlorene Perspektiven, das Verschwinden als bis dato als gegeben betrachteter Sicherheiten, und den Blick zurück auf die gemeinsamen Roots des Kollektivs, die in der Erkenntnis wurzelt, dass nicht Trends, Moden oder Formate das kreative Tun bestimmen sollten, sondern die Menschen, die diese Kreativität erst ermöglichten.
Musikalisch ging es weder darum, sich grundsätzlich neu aufzustellen, noch darum das bislang Erreichte zu perfektionieren und schon gar nicht darum, sich in Gefälligkeiten einzurichten. Wie schon zu Beginn der Laufbahn agieren BSS auf diesem Album nicht als Band, sondern als gleichberechtigt agierende Künstlergemeinschaft, bei der jeder seinen Senf dazu geben kann. Das führt (und führte immer schon) dazu, dass hier viele Individuen gleichzeitig zu einem versöhnlichen musikalischen Ergebnis zusammen finden müssen – was sich zum einen in einem „chaotischen Songwriting“ manifestiert (wie es Gründungsmitglied Charles Spearin formuliert) und zum anderen in einem wuseligen Sounddesign und ungemein komplexen Arrangements-Welten, die letztlich von Produzent David Neufeld ordnend eingefangen werden müssen.
Anders als früher oft sind es jedoch nicht wirre Jamsessions, die das Klangbild bestimmen, sondern klug strukturierte Songs, die weniger auf Stilen und Genres basieren, sondern auf geschickt platzierten musikalischen Akzenten. Das bedeutet in dem Fall, dass die Songs nicht in verschiedenen Genres angerichtet wurden (wie das heute oft der Fall ist), sondern durch die Betonung besonderer musikalischer Elemente gekennzeichnet sind. Grundsätzlich gilt das „Anything-Goes-Prinzip“, bei dem alle beteiligten Musiker (zu denen vor allen Dingen eine große Bläser-Sektion gehört) sich – teilweise gleichzeitig – nach Herzenslust austoben dürfen.
Gleich im Opener „Not Around Anymore“ – in dem Kevin Drew das Verschwinden vertrauter Strukturen und Gewissheiten beklagt – sind es die Bläser, die auf betont verspielte Weise den Sound des Songs prägen. Der zweite Song „Only The Good I Keep“ überrascht dann in einer Art Folkpop-Setting erstmals mit weiblichem Leadgesang. „Mission Accomplished“ poltert wavig von sich hin, während ein pumpender Bass den Tenor vorgibt. Überhaupt ist die ungewöhnliche Betonung von Bassläufen ein musikalisches Kernthema des Albums – etwa auch im nächste Track „The Call“, in dem verfremdete Vocals, Chorgesänge, im Vergleich recht konkrete Bläser-Sätze und nervöse Rhythmusgitarren dominieren.
„Relief“ ergeht sich in psychedelischer Seligkeit – erneut mit weiblichen Vocals und einem rhythmisch eingesetzten Saxophon. „And I Think Of You“ arbeitet mit Rezitaten, jazzigen Bläsern, atmosphärischen Psych-Keyboards und akustischen Gitarren. Die Highlights versammeln sich dann im Mittelteil der Scheibe: „This Briefest Kiss“ wird von einem mächtigen Bass-Impuls, Glam-Bläsern und einem dramatischen Aufbau gekennzeichnet, indem sich aus einem hypnotischen Instrumental-Part ein inspirierter Bläser-Jam und schließlich ein recht konkreter Song inklusive Refrain herausschält. Konzeptionell ist das der vielleicht interessanteste Track des Albums, der seine Fortsetzung mit „Life Inside The Ground“ in einer Variation des zuvor Gebotenen auf psychedelischer Basis erfährt, die zum Ende eine regelrecht symphonische Note erhält. Den Hörer erwarten hier insgesamt zehn Minuten brillanter, relaxt/hypnotischer Klangkunst.
„Hey Amanda“ ist eher eine Fingerübung in Sachen verspielten Chamber-Pops – allerdings mit erstaunlich konkreter Gitarrenarbeit. Gegen Ende der Scheibe zeigen BSS dann noch ein Mal die Zähne und begeistern mit knackigen Rock-Sounds in dem hymnisch angelegten Stadien-Track „Paying For Your Love“ – bevor dann mit den letzten beiden Tracks „What Happens Now“ und „Parking Lot Dreams“ noch die Folkpop-Roots des Ensembles angezapft werden – ein Mal mit psychedelischer Klangtupferei und Female Vocals und ein Mal als psychedelische Folk-Ballade, die auf transzendete Weise mit Ambient-Sounds ins Nirvana gleitet.
Kurzum: Wer auf dieser Scheibe irgend etwas vermisst, was das Projekt Broken Social Scene auszeichnet, der hat nicht richtig zugehört. Besser hätte man das alles jedenfalls nicht hinbekommen können.
„Remember The Humans“ von Broken Social Scene erscheint auf Arts & Crafts/City Slang.




