Platte der Woche KW 25/2026
Ein lost album oder ein fehlendes Puzzleteil? „Castle Park“ ist beides. Aufgenommen vor 15 Jahren, sollte dieses Album ursprünglich Ende 2012 als Nachfolger der zeitgleich eingespielten LP „A+E“ erscheinen, doch dann fand Graham Coxons alte Band wieder zusammen, und plötzlich waren Blur wichtiger als die Soloambitionen des britischen Gitarristen.
All die Jahre später erblickt „Castle Park“ als Teil einer groß angelegten Reissue-Kampagne von Coxons gesamtem Backkatalog nun endlich das Licht der Welt und beleuchtet gänzlich andere Facetten seines Schaffens als die oft düster und wütend anmutenden Songs auf dem Schwesteralbum „A+E“.
Anstelle von motorischen Beats und kantigem Post-Punk-Flair setzt Coxon auf „Castle Park“ – passend zur Postkarten-Nostalgie des Albumartworks – seine Liebe zu den zeitlosen Werten der britischen Pop-Historie mit lupenreinen Mod-Pop-Hymnen in Szene, die ihre Nähe zu The Jam oft gar nicht verhehlen wollen und auch so manchen Supergrass-Fan begeistert in die Hände klatschen lassen sollten.
Organisch und sonnendurchflutet atmen bereits die vorab ausgekoppelten Singles „Billy Says“ und „Alright“ den Geist von The Kinks oder The Faces, wenngleich es Coxon nicht allein bei einer Hommage belässt. Nicht zuletzt seine ebenso unverkennbaren wie idiosynkratischen Gitarrensplitter sorgen hier für die eigene Note, bevor es vor allem gegen Ende der Platte mit dem dezenten Spaghetti-Western-Flair von „Dripping Soul“ und der kammermusikalischen Fingerübung „Mélodie Pour Christine“ auch noch einige echte Ausreißer gibt.
Ganz abgesehen davon: Wie kann man ein Album nicht lieben, das mit einer Coverversion des wunderbaren The-Nerves-Songs „When You Find Out“ überrascht und sich dabei nah am unübertroffenen Original orientiert?
Anders gesagt: Dem dissonanten Exzess von „A+E“ begegnet Coxon auf „Castle Park“ mit klassischen Ohrwurm-Hooks, die oft ebenso simpel wie unwiderstehlich sind. Aufgrund des gemeinsam mit Produzent Ben Hillier ungemein zeitlos inszenierten Sounds werden die 15 Jahre, die seit den Aufnahmen vergangen sind, so praktisch zur Nebensache.
Diese Platte hätte schon 1967 oder 1977 ein Hit sein können, wäre fraglos auch im Jahre 2012 einer gewesen und ist es ganz sicher auch in 2026.
„Castle Park“ von Graham Coxon erscheint auf Transgressive Records/Bertus.



