Woran sich andere momentan ständig die Finger verbrennen, klingt bei Slow Pulp spielerisch leicht: Passend zum Titel ihres dritten Studioalbums setzt das in Chicago heimische Quartett auf „Melodie“ auf spürbar mehr klangliche Tiefe sowie eine größere atmosphärische Offenheit. Die Band gewinnt an pop-orientierter Klarheit, ohne dass man je das Gefühl hat, hier sollten mit der Brechstange neue Zielgruppen erschlossen werden.
So steht die neue Platte ganz im Zeichen eines zumeist melancholisch umspültem Female-fronted Indierocks, der bei den stärksten Songs ein Faible für den glanzvollen 80er-Jahre-Power-Pop im Stile der unvergleichlichen The Cars gekonnt in die Gegenwart katapultiert.
Doch nicht nur deshalb fanden Slow Pulp dieses Mal viel kreative Inspiration in der eigenen Vergangenheit. Auch in puncto Arbeitsweise erinnerten sich Sängerin und Gitarristin Emily Massey, Gitarrist Henry Stoehr, Schlagzeuger Teddy Mathews und Bassist Alex Leeds an die intimen Tugenden ihrer Anfangstage in Madison, Wisconsin. Sie stellten die gemeinsame Studioarbeit wieder stärker in den Mittelpunkt, nachdem diese auf den ersten beiden Platten pandemiebedingt etwas in den Hintergrund gerückt war.
Wo das verträumte Debüt „Moveys“ im dichten Shoegaze-Nebel versank und der – längst nicht nur an dieser Stelle – begeistert aufgenommene Nachfolger „Yard“ (2023) verstärkt auf laute, kratzige Bubblegrunge-Hooks setzte, schlägt das neue Werk eine deutlich reifere Richtung ein und trifft dabei den Sweetspot aus Pop-Zugänglichkeit und emotionaler Wucht.
Besonders deutlich wird diese Evolution bei der dynamischen Ohrwurm-Single „Better Man“. Der Track besticht mit einer packenden Mischung aus treibender Power-Pop-Euphorie und verletzlichen Lyrics über das schmerzhafte Loslassen von Kontrolle.
Im Kontrast dazu steht das emotionale Herzstück „Not for Nothing“. Getragen von einer minimalistischen, akustischen Piano-Intimität transportiert Emily Masseys reduzierte Stimme hier puren Herzschmerz und beweist ungeahnte emotionale Tiefe.
Weil sich Slow Pulp allerdings noch nie auf ein bestimmtes Genre festnageln lassen wollten, klingt kurz danach das vielschichtige „Like Me“ wie eine vertrackte Shoegaze-Nummer, die sich auch My-Bloody-Valentine-Kopf Kevin Shields Anfang der 90er-Jahre hätte ausdenken können.
Das elegische Finale „Slip Away“, komplett reduziert auf Masseys brüchige Stimme und Stoehrs effektbeladene Gitarret, treibt den Gesang schließlich an seine rauen, fast heiseren Grenzen und verarbeitet eine bittersüße Anekdote über jugendliche Ablehnung.
All das sorgt dafür, dass „Melodie“ kein radikaler Bruch mit der Vergangenheit ist, aber dennoch die organische Weiterentwicklung der Band nachdrücklich unter Beweis stellt. Anders gesagt: Wer an die spannendsten Indie-Rock-Bands unserer Tage denkt, kommt an Slow Pulp nur schwerlich vorbei.
„Melodie“ von Slow Pulp erscheint auf ANTI-/Indigo.



