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Ungezähmt!
„‚Wild Love‘ ist poetisch, leidenschaftlich, nicht perfekt – aber gerade deshalb umso besser“, hieß es an anderer Stelle bereits zum fabelhaften Solodebüt von Nina Winder-Lind. Genau diese Qualitäten machen auch ihr Gastspiel in Köln vor leider beschämend wenigen Zuschauerinnen und Zuschauern zu einem echten Erlebnis. Ihr Sound ist beseelt vom Proto-Punk der 70er-Jahre und einem Hauch von Psychedelik, doch die in Brighton heimische Schwedin hat mehr im Sinn als nur oberflächliche Reminiszenzen. Mit spielerischem Enthusiasmus findet sie neue Facetten in alten Tugenden, ohne die charakteristischen Ecken und Kanten abzufragen.
Ecken und Kanten hat auch das Support-Set von Victor Gelling alias Slowklahoma. Ohne seine Band, dafür mit reichlich Backingtracks auf Knopfdruck angetreten, bewegen sich die Lieder des Kölner Singer-Songwriters irgendwo zwischen 80er-Jahre-Jangle-Pop und 90er-Jahre-Alternative-Country, ohne dass Perfektion eine große Rolle spielen würde.
Eher leben die Lieder von den schrägen Ideen, die ihnen zugrundeliegen, wenn Gelling bei „Sigmund Jähn“ einen Bogen vom ersten DDR-Kosmonauten zu Simon & Garfunkels „Mrs. Robinson“ schlägt oder in einer anderen Nummer seine Protagonisten zu „69 Love Songs“ von The Magnetic Fields tanzen lässt. Dass deren Mastermind Stephin Merritt großen Einfluss auf das Tun von Gelling hat, lässt sich auch sonst nur schwer von der Hand weisen.
Ganz am Ende deutet er dann sogar noch eine Country-Nummer zu einer Feedback-Orgie im Velvet-Underground-Sinne um. Schade nur, dass das, was feine Selbstironie hätte sein können, bei den oft (zu) ausführlichen Ansagen nicht immer so ankommt – etwa wenn er vor dem letzten Lied ankündigt, keine Zugabe zu spielen, oder minutenlang über sein handgemachtes Merch fabuliert, das er aber nicht dabeihat, weil er es beim Umzug verbummelt hat… 40 Minuten sind deshalb am Ende deutlich zu viel des Guten.
Ambitioniert, anspruchsvoll und ganz einfach einzigartig: So ist anschließend der Auftritt von Nina Winder-Lind. Wie schon auf ihrem Album lässt sie jegliche Pop-Konventionen hinter sich und interpretiert ihre Songs mit unbändiger Leidenschaft als funkelnde Rohdiamanten, die alle erdenklichen Formen annehmen können und gerade auch gesanglich oft über die Stränge schlagen dürfen. Unterstützt wird sie dabei von einer Band – der gleichen wie auf „Wild Love“ -, der nichts fremd zu sein scheint.
So greift Schlagzeuger Toma Sapir bei einer Nummer ganz selbstverständlich zum Flügelhorn, Finlay Burrows wechselt von der Gitarre ans Piano und Ella Oona Russell spielt Querflöte, Posaune, Klavier und Gitarre, als gäbe es nichts Leichteres. Nur Bassist Edward Deeney bleibt seinem Instrument den ganzen Abend treu. Das Cello, das Winder-Lind bei ihrer Band The New Eyes spielt, glänzt derweil mit Abwesenheit.
Stattdessen hat sie spürbar Freude daran, sich kopfüber in die nervöse, fast hysterische Energie und tiefgehende, poetische Intimität ihrer bemerkenswert unangepassten Songs zu werfen und so in Stücken wie dem elektrisierenden „Headfirst“ oder „Foremothers“ den Geist der Frühwerke von Patti Smith zu beschwören.
Überhaupt ist es faszinierend zu hören, wie viel New York in diesen ungezähmten Rock-’n‘-Roll-Liedern steckt.
Gleich zu Beginn borgt sich „Street Hassle“ den Titel von Lou Reed und das Piano-Stakkato von John Cale, zur Mitte des Sets singt Winder-Lind von „Grandma And Robert De Niro“ und für die Solo-Zugabe am Schluss findet sie sich „Almost In New York“ wieder. Bei geradezu sentimentalen „Love You So“ scheint sie sich dagegen am Ende die gleichnamige 50s-Crooner-Nummer von Ron Holden And The Thunderbirds zu eigen zu machen.
Musikalisch bewegen sich Winder-Lind und die Ihren spielerisch zwischen toughem Garage-Rock, versponnem Art-Folk und freigeistiger Avantgarde. Dass sich Winder-Lind hier der heute allgegenwärtigen Gefälligkeit entzieht und lieber mit willkommenen, sperrigen Nummern ihren ganz eigenen Weg geht, macht nicht nur aus ihrem Album, sondern nun auch aus diesem Konzertabend einen großen Triumph.




























