Platte der Woche KW 09/2026
In der Vergangenheit begeisterten deathcrash mit ihrer Vorliebe dafür, Welten zu erschaffen, nur um sie dann sofort wieder einzureißen. Mit seinem Wechselspiel aus Licht und Schatten, laut und leise, sanft und wuchtig heftete sich das britische Slowcore-Quartett auf seinen ersten beiden Alben „Return“ (2022) und „Less“ (2023) an die Fersen von Giganten wie Low, David Pajos Arial M oder Mogwai und ließ uns auch bei seinem Gastspiel beim Reeperbahn Festival vor drei Jahren aufhorchen.
Auch auf dem ausgezeichneten neuen Album der Londoner Band finden sich mit „Wrong To Suffer“, „Stay Forever“ oder dem ausufernden „The Thing You Did“ wieder schwermütige Songs, deren Spannung sich in einem kathartischen Crescendo entlädt. Das Hauptaugenmerk von Tiernan Banks, Matthew Weinberger, Noah Bennett und Patrick Fitzgerald liegt bei „Somersaults“ allerdings woanders. Entstanden ist ein Coming-of-Age-Album, auf dem die Band auch klanglich Neuland betritt.
Der fabelhafte Titelsong, der das Album eröffnet, verdeutlicht das gleich zu Beginn. Die Klangfarbe ist spürbar heller und Lichtstrahlen in Form von Klavier- und Synthesizer-Farbtupfern durchbrechen die Dunkelheit. Das Gefühl tiefer Melancholie, das schon immer ein Markenzeichen der Band war, bleibt dennoch unangetastet. Dafür sorgt nicht zuletzt Sänger Banks, der mit einem Hauch von Nostalgie in Erinnerungen kramt: „As you grew up into an elegant life / My childhood room was still the centre of mine / We used to somersault from evergreen pines.“
Schon bei dieser ersten Nummer fällt auf, dass Stimme und Inhalt dieses Mal viel mehr Gewicht haben als bei den von langen Instrumentalpassagen dominierten Vorgängerwerken, oder anders gesagt: Auf der Platte regiert eine neue Form von Klarheit, die deathcrash sehr gut zu Gesicht steht.
Auch beim folgenden „NYC“ ist der Wunsch, aus den bekannten Mustern der Frühwerke auszubrechen, vom ersten Ton an unüberhörbar. Musikalisch überrascht der Song weit jenseits der eingangs erwähnten Inspirationen als sehnsüchtiger Alternative-Rock-Midtempo-Banger, während Banks sorgenvoll, aber mit entwaffnender Ehrlichkeit über die Unvereinbarkeit von Wunschtraum und Wirklichkeit seines unsteten Lebens sinniert: „Thirty, no career, it fucking worries me / And doing the band doesn’t help.“
Gleich im Anschluss sind diese nagenden Zweifel dann allerdings wie weggeblasen, wenn Banks zu den verletzlichen Klängen einer Akustikgitarre in „CMC“ klarmacht: „This life is the best life.“ Für Gitarrist Weinberger ist diese Zeile sogar die zentrale Aussage des Albums: „Alle Songs sind Beispiele dafür, wie wir versuchen, dieses Gefühl zu erreichen. Sie alle drehen sich im Großen und Ganzen um die Idee, dass dies das Leben ist, das wir haben, und dass wir dieses Leben annehmen. Dieses Album ist die logische Folge all unserer Zweifel.“
Kein Wunder also, dass sich die Freude, die deathcrash bei der Entstehung der Songs und den Aufnahmen im Studio hatten, auch in einem veränderten Klangbild widerspiegelt. So klingt „Bella“ unerwartet luftig, und ganz am Ende scheint „Marie’s Last Dance“ in epischer Klangfülle fast bei Spiritualized anzudocken.
Auch wenn sich vielleicht einige Fans der Frühwerke der Band verraten fühlen mögen ob dieser Suche nach neuen Herausforderungen: Im Kern sind deathcrash immer noch die Alten. Der Unterschied ist lediglich, dass sie der Unabänderlichkeit des Laufs der Dinge jetzt eher mit Akzeptanz als mit Niedergeschlagenheit begegnen. Fast könnte man meinen, dass sie mit dieser Platte die Freude am Traurigsein entdeckt haben.
„Somersaults“ von deathcrash erscheint auf untitled (recs)/Bertus.




