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In allen Facetten
Lange war Chris Brokaw nicht mehr als Solist in Deutschland zu Gast, und bei seinem Gastspiel in Geislingen an der Steige hat der Amerikaner, der einst mit Codeine und Come nicht nur die Kritiker jubeln ließ, ohne einen störenden Supportact besonders viel Zeit, um richtig tief in sein breit gefächertes Schaffen einzutauchen – und genau das tut er mit Bravour.
Für die überwältigende Mehrheit der US-Indierocker dürfte Geislingen im Südosten der baden-württembergischen Metropole Stuttgart ein weißer Fleck auf der Landkarte sein. Chris Brokaw dagegen schaute im Kulturzentrum Rätschenmühle schon mehrfach vorbei. Vor sage und schreibe 35 Jahren gastierte der amerikanische Tausendsassa in der ehemaligen Location des Clubs mit Codeine, und auch mit Eleventh Dream Day und als Solist stand er hier schon auf der Bühne.
Im ersten der zwei Sets, die er an diesem Samstagabend in der Rätsche spielt, widmet er sich den Songs seiner aktuellen „Ghost Ship“-LP, eine der außergewöhnlichsten seiner an abwechslungsreichen Platten nun wirklich nicht armen Solokarriere. Bereits treffend als „maritime Landschaftsmeditation für Gesang und elektrische Gitarre“ beschrieben, stehen diese effektschwangeren Lieder zwischen Ambient und Drone-Rock ganz im Zeichen einer gespenstischen, in den besten Momenten an die mysteriösen Vibes von „Twin Peaks“ erinnernden Atmosphäre. Es sind Songs, mit denen sich Brokaw mal an die düsteren Litaneien Codeines zu erinnern scheint, mal aber auch in eine bedrohlich-apokalyptische Klangwelt eintaucht, an der vermutlich auch Nick Cave seine Freude hätte. Zwischendurch covert er sogar „I’m The One“ und hat dabei keine Mühe, das herrlich obskure Frühwerk von Current 93 (aus der sagenumwobenen „Ohrenschrauben“-Compilation) wie einen seiner „Ghost Ship“-Songs klingen zu lassen.
Nach der Pause wird es dann weniger dramatisch, aber nicht weniger abwechslungsreich, wenn sich Brokaw seinen (They Should Have Been) Greatest Hits zuwendet. Waren die Songs des ersten Sets ganz auf den Sound zugeschnitten, stehen in der zweiten Hälfte die stärker songbasierten Nummern im Mittelpunkt. So gibt er Highlights seiner Solokarriere von „Into The Woods“ bis „Depending“ zum Besten, spielt Songs von Martha’s Vineyard Ferries, seinem Bandprojekt mit Elisha Wiesner (Kahoots) und Bob Weston (Shellac), wagt mit „Red & Yellow“ einen Ausblick auf das kommende Album seines neuesten Trios Lupo Città, erfüllt mit „My Idea“ und „Blues For The Moon“ Publikumswünsche und beweist bei „Crooked“ von Wussy und „Tenderfoot“ von Smudge bzw. den Lemonheads auch ein goldenes Händchen für alles andere als offensichtliche Coverversionen.
Weil er dabei zwischen dem sanft jazzigen Instrumental „Trade Winds“ (aus dem Jazz-affinen Album „End Of The Night“) und dem wüsten 70-Sekunden-Punkrocker „Betty Ford James“ jede erdenkliche Stimmung abdeckt, vergehen mehr als 90 Minuten wie im Flug.














