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Julia Cumming schwimmt sich frei: Jenseits ihrer Band Sunflower Bean und abseits ihrer Modelkarriere widersetzt sich die 30-jährige Amerikanerin mit ihrem beeindruckenden Solo-Erstlings all den Kräften, die ihr vorschreiben wollen, wie ihre Karriere auszusehen hat. Auf der treffenderweise „Julia“ betitelten Platte trägt sie zwischen zeitlosen schön strahlenden Retro-Pop-Arrangements und schwelgerischen Melodien den Geist der 70er-Jahre in die Gegenwart und findet so einen neuen, ganz auf sie zugeschnittenen künstlerischen Ausdruck, um in elf detailverliebt produzierten Songs ihr eigenes Leben unter die Lupe zu nehmen.
Die bisherige Karriere von Julia Cumming liest sich fast wie ein Märchen. Aufgewachsen in New York City, begleitet sie ihren Vater schon als Kind zu Konzerten in Läden wie dem Sidewalk Café oder dem Bowery Poetry Club, wo sie erstmals in Kontakt mit der Musik und dem Credo der New Yorker Anti-Folk-Szene um Kimya Dawson, Adam Green oder Regina Spektor kommt. Im Alter von gerade einmal 13 Jahren gründet sie die DIY-Indie-Pop-Band Supercute! mit Rachel Trachtenburg, bevor sie, ebenfalls noch als Teenagerin, Bassistin und Sängerin von Sunflower Bean wird, deren freigeistig-aufregendes Debütalbum „Human Ceremony“ ebenso wie die seitdem erschienenen drei weiteren Platten weltweit für Furore sorgten. Fast zeitgleich startete Cumming auch als Model durch. Aus kleinen Engagements für New Yorker Boutiquen, die ihr 30, 35 Dollar in bar die Stunde einbrachten, wurde eine Karriere, die sie weltweit ins Rampenlicht rückte.
Noch bevor sie 20 war, stand sie mit ihrer Band in London auf der Bühne und modelte auf den Pariser Laufstegen für Yves Saint Laurent. Das brachte ihr und Sunflower Bean eine Menge Aufmerksamkeit ein, führte aber auch zu dem Fehlschluss, dass sie nicht mehr als das Gesicht einer „Model-Band“ sei. Den Kampf gegen diese Vorurteile ficht Cumming bis heute aus – nicht zuletzt auch in den Liedern auf „Julia“, mit denen sie sich inhaltlich wie klanglich der Erwartungshaltung von Fans und Presse widersetzt und lieber ganz sie selbst ist – oder wie sie es unlängst es an anderer Stelle formulierte: „Dieses Album repräsentiert die Version von mir selbst, für die ich mich entschieden habe.“
Tatsächlich wurde Julia die Begeisterung für die Musik praktisch in die Wiege gelegt. „Musik war schon immer die Liebe meines Lebens“, gesteht sie, als wir sie für unser kurzes Interview zu Hause bei ihrer Mutter erwischen. „Meine Eltern haben sich in einer Band kennengelernt, und obwohl keiner von beiden das zum Beruf gemacht hat, hat es doch etwas Besonderes, wenn sich die Eltern durch die Musik kennenlernen. Ich hatte unbewusst das Gefühl, dass Musik viel damit zu tun hatte, dass ich geboren wurde, weil die Beziehung meiner Eltern so musikalisch war. Meine Eltern haben nie versucht, mir vorzuschreiben, was ich mit meinem Leben anfangen soll, aber bei uns zu Hause war es das Nonplusultra, eine großartige Songwriterin oder ein großartiger Songwriter zu sein. Als Musikerin oder Musiker auf wirklich hohem Niveau zu spielen – das war das Höchste, das Angesehenste, was man anstreben konnte – einfach das Coolste und Beste.“
Kein Wunder also, dass Cumming schon im Kindesalter in die Fußstapfen ihrer Eltern trat. „Als ich mit 13 meiner ersten Band beitrat, wurde ich gewissermaßen vom Kind zu jemandem, der versuchte, beruflich Fuß zu fassen – und die Musik stand dabei im Mittelpunkt. Im Laufe der Jahre hat sich das natürlich verändert, denn je mehr man über das Aufnehmen weiß, desto leichter kann man abgestumpft werden. Ich glaube, das ist etwas, wogegen man wahrscheinlich in jedem Bereich ankämpfen muss, denn man steht überall vor unterschiedlichen Herausforderungen, die einen mürbe machen. Aber genau das ist das Schöne an diesem Soloalbum. Die Einflüsse waren so unverfälscht. Es waren Einflüsse, die für mich sehr persönlich waren und die ich tief in meinem Herzen bewahrte. Es war eine wahre Freude, sie als Inspiration zu erkunden. Das hat mir wirklich geholfen, dieser Abgestumpftheit entgegenzuwirken.“
Das klingt, als sei die Produktion eines Soloalbum für Cumming nur eine Frage der Zeit gewesen, aber das Gegenteil ist der Fall. In der Vergangenheit hatte sie sich stets vehement gewehrt, wenn die Idee eines musikalischen Alleingangs an sie herangetragen wurde. Viel lieber wollte sie als selbst erklärte Teamspielerin an der Seite von Gitarrist Nick Kivlen und Schlagzeugerin Olive Faber alt werden. „Ich glaube, wenn eine Band in Bestform ist, schafft sie etwas, das größer ist als die Summe ihrer Teile. In einer Band bringen alle etwas ein, und das Ergebnis ist dieses magische Megagehirn – und das ist einfach etwas Wunderschönes“, erklärt sie. „Ich habe Bands schon immer geliebt, und wenn ich über dieses Album spreche, möchte ich der Welt wirklich klar machen: Ich hatte nicht die Absicht, ein Soloalbum aufzunehmen, wirklich nicht! Das stand für mich nie im Vordergrund.“
Die Wende kam erst, als sie vor drei Jahren zwischen Tourneen mit Sunflower Bean und frustriert von den Mechanismen der Musikindustrie allein zu Hause in New York am Klavier saß und ihr als Antwort auf die bohrende Frage „Warum mache ich das alles eigentlich“ der Song „My Life“ in den Sinn kam. „I sing these words for me/To hear the sound/To let them ring/To drown you out“ singt sie dort. Weitere Songs ihres Albums kreisen um Scham, Bedauern, Sturheit und andere herausfordernde Eigenschaften, denen sie sich stellen musste.
„Als ich ‚My Life‘ schrieb, den ersten Song für dieses Album, wusste ich sofort, dass er wirklich anders war“, erinnert sie sich. „Denn obwohl ich es nicht auf ein Soloalbum angelegt hatte, war mir doch immer klar, dass ich es angehen würde, wenn ich eine Idee hätte, die gut genug wäre. Ich glaube einfach, dass ich vorher keine Idee hatte, die gut genug war – etwas, das sich originell anfühlte, etwas, das gemacht werden musste -, und ohne das hätte es keinen Sinn ergeben, das anzugehen. Aber als ‚My Life‘ entstand, sagte ich mir: ‚Okay, ich bin bereit!‘ Dann ging es darum, mir dafür Raum zu schaffen, denn ich kenne Nick und Olive genug, um zu wissen, dass es nicht funktioniert hätte, wenn ich dieses Projekt in die Band eingebracht hätte. Diese Songs brauchten einfach etwas anderes.“
Doch obwohl sie davon überzeugt war, dass sie nach Kollaborateuren außerhalb ihrer Band Ausschau halten musste, erwies sich genau das als die größte Herausforderung auf dem Weg zum Album. „Um dieses Album aufzunehmen, musste ich ein neues Team zusammenstellen – und dabei gab es definitiv Momente, in denen ich mich zusammenreißen und etwas stärker sein musste“, erinnert sie sich. „Wie du vorhin schon gesagt hast, bin ich gerne Teil eines Teams, und deshalb war es manchmal echt schwer. Aber letztendlich ist das gut so. Man muss wachsen. Es ist gut, Unterstützung zu haben, aber man muss sich den Dingen stellen, vor denen man Angst hat. Daran kann man menschlich und künstlerisch nur wachsen.“
Letztlich fand Cumming ihre neuen Mitstreiter in Los Angeles, wo sie selbst inzwischen auch lebt. Ohne sich groß Gedanken darum zu machen, wie die Öffentlichkeit auf ihren Sinneswandel reagieren würde, feilte sie mit dem Multi-Instrumentalisten Brian Robert Jones (Vampire Weekend, Paramore, Hayley Williams, MUNA, Remi Wolf) als engstem Verbündeten an ihren neuen Songs. Bei den Sessions im historischen EastWest-Studio – ehemals Western bzw. Ocean Way – in Hollywood, wo seit mehr als 60 Jahren sämtliche Größen der Branche Klassiker aufgenommen haben, stand ihr dann Produzent Chris Coady zur Seite.
Er half Cumming dabei, einen ausufernden, breitwandigen Retro-Pop-Sound zu erschaffen, der seinen Ursprung in den Meisterwerken von Burt Bacharach und Brian Wilson hat und auch die Eleganz des Singer/Songwriter-Sounds streift, die Carole King oder Carly Simon in den 70ern zelebriert haben. So zitiert „Please Let Me Remember This“ die Beach-Boys-Nummer „Busy Doing Nothing“ vom 1969er-Album „Friends“, während „Fucking Closure“, „Ruled By Fear“ und „Forget The Rest“ mit strahlenden Arrangements und betont ausdrucksstarkem Gesang glänzen.
Doch obwohl die Vergangenheit fraglos eine wichtige Inspirationsquelle war, ging es Cumming doch nicht um einen authentischen Vintage-Sound. Vielmehr trägt sie den Geist der alten Tage produktionstechnisch in die Gegenwart. „Ich glaube, es hätte eine Möglichkeit gegeben, dieses Album mit einem deutlich vintage-orientierteren Ansatz aufzunehmen“, sagt sie. „Wir hätten zum Beispiel auf Tonband aufnehmen können, und ich glaube, den Songs hätte das auch durchaus gutgetan. Ich fand es aber interessanter, es anders zu machen, weil ich das Publikum dort abholen möchte, wo es gerade steht, und ihnen die Qualität bieten möchte, die ihre Ohren erwarten. Ich dachte einfach, es wäre ambitionierter, etwas zu erschaffen, das sich wirklich hi-fi anfühlt, um das Publikum an die Hand zu nehmen.“
Eilig hatte es Cumming dabei nicht. Der Produktionszeitraum erstreckte sich über rund zwei Jahre, weil sie parallel auch noch mit Sunflower Bean an deren letztjähriger Glanztat „Mortal Primetime“ arbeitete und mit ihrer Band einmal rund um die Welt tourte (Cummings einziges Deutschland-Konzert als Solistin findet Mitte Mai in Berlin statt). Bleibt noch die Frage nach den größten Lehren, die Cumming aus der Entstehung ihres ersten Soloalbums gezogen hat.
„Das ist eine große Frage!“, erwidert sie. „Weil sich die Arbeit an dem Album so lange hingezogen hat, habe ich, glaube ich, gelernt, auf eine neue Art geduldig zu sein. Schon mit 13 wusste ich, dass ich etwas erschaffen wollte, das sehr, sehr echt ist, und wenn man meinem 13-jährigen Ich gesagt hätte, dass ich bis zu meinem 30. Lebensjahr brauchen würde, um nicht einfach nur ein Soloalbum, sondern ein Album mit der Tiefe zu machen, die ich schon damals angestrebt habe, dass es 17 Jahre dauern würde, bis ich etwas mit dieser Essenz erschaffe, wäre ich vermutlich wirklich traurig gewesen. Ich hätte gesagt: ‚Das ist eine verdammt lange Zeit!’“
Rückblickend ist Cumming aber trotzdem froh, dass sie nichts überstürzt hat. „Ich denke, ich bin so zufrieden mit dem Album, eben weil ich so lange warten musste“, sagt sie abschließend. „Ich musste warten, bis eine Idee da war, die es wert war, weiterverfolgt zu werden. In dieser Branche etwas zu verfolgen, ist wirklich anstrengend, und man muss wissen, was man tut und warum man es tut. Das hat mich zu einer neuen Sicht auf das Geduldig-Sein geführt, anstatt zu denken, dass Geduld nur eine Qual ist. Man kann dennoch Geduld für etwas aufbringen, auf das man sich vorbereitet und das man anstrebt, und das kann von Vorteil sein. Es kann eine gute Gelegenheit sein, über das Wachstum nachzudenken, das man brauchen wird, um diese Reise anzutreten.“
„Julia“ von Julia Cumming erscheint auf Partisan Records/PIAS/Integral.




