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Very chill
„Quiet The Room“ hatte Helen Ballentine vor drei Jahren ihr erstes Album unter dem Namen Skullcrusher genannt, und dieser Titel ist auch bei ihrer Rückkehr in die Kölner Wohngemeinschaft Programm. Vor einem handverlesenen Publikum – 36 Euro Abendkasse sind nun mal kein Schnupperpreis – zeigt sich die zierliche Amerikanerin dabei von ihrer ursprünglichsten Seite. Mit ihrer vor wenigen Monaten veröffentlichten aktuellen LP „And Your Song Is Like A Circle“, die nach ihrem Umzug von Los Angeles zurück ins New Yorker Hudson Valley entstand und um Isolation, Verlust und Neuanfang kreist, hatte Ballentine eigentlich ihre Anfänge als klassische Singer/Songwriterin ein Stück weit hinter sich gelassen und sich als progressive Avantgarde-Folk-Künstlerin in ein neues, strahlendes Licht gerückt. In der Domstadt hingegen präsentiert sie ihre Lieder entschlackt und entschleunigt im Geiste ihrer Frühwerke.
Zunächst steht allerdings die Londonerin Jo Geller alias Jo From School auf der Bühne. Mit einer formschönen Gretsch-Stromgitarre in den Händen präsentiert die junge Newcomerin ihre Songs, eine Mischung aus emotionalem Folk-Rock und eingängigem Indie-Pop, in einem spartanischen Gewand. Dabei liegt die Aufmerksamkeit voll auf ihrer verletzlich wirkenden Stimme.
In Liedern wie ihrer viel beachteten Debütsingle „Chicken“ verarbeitet sie Trennungsschmerz, Schamgefühle und das Erwachsenwerden. Ihre just an diesem Tag veröffentlichte zweite Single kreist um „Julia Roberts“ – „meine gute Freundin“, wie Jo kichernd erklärt -, und mit „Weight“ spielt sie zum Schluss sogar ihren heimlichen Lieblingssong aus ihrer Anfang August erscheinenden ersten EP, „Grace, Flair And Distance“. Auf den Spuren von Größen wie Adrianne Lenker oder Elliott Smith wird ihr kurzes und nicht zuletzt wegen ihrer fröhlich-aufgekratzten Art zwischen den Liedern auch kurzweiliges 30-Minuten-Set so zum idealen Einstieg in diesen Konzertabend der leisen Töne.
In den USA steht Helen Ballentine bei den Skullcrusher-Konzerten inzwischen oft mit einer kompletten Band auf der Bühne, um den Klangkosmos des „And Your Song Is Like A Circle“-Albums vollständig abbilden zu können. In Köln wird sie dagegen lediglich an der Querflöte und an der Klarinette von Adelyn Strei unterstützt, die einigen vielleicht durch ihre Zusammenarbeit mit Jana Horn ein Begriff ist.
Vom ersten Ton an taucht Ballentine ab in die Welt eines psychedelisch verwaschenen, oft geradezu meditativ anmutenden Ambient-Folk-Sounds, der perfekt zu ihrem schüchtern-introvertierten Auftreten passt. Wie schon bei ihren frühesten Studioaufnahmen – und bei ihrem ersten Besuch in der Wohngemeinschaft vor drei Jahren – wirken deshalb viele Songs skizzenhaft und fragmentarisch und sind auch im Live-Kontext eher flüchtige Momentaufnahmen, bei denen die Übergänge bisweilen fließend sind.
Die Lieder des neuen Albums spielen dabei überraschenderweise nur eine untergeordnete Rolle. Zwar gehören „Periphery“ sowie „Vessel“ und „The Emptying“ ganz am Schluss zu den eindringlichsten Momenten des 50-minütigen Auftritts, der Großteil der Lieder stammt aber aus dem Debütalbum „Quiet The Room“ und der 2022 erschienenen „A Storm In Summer“-EP. So gibt es gleich zu Beginn „Building A Swing“ zu hören und später auch das wundervolle „Song For Nick Drake“, das beim ersten Skullcrusher-Konzert in der Wohngemeinschaft noch gefehlt hatte und sich nun als heimliches Highlight des gesamten Auftritts entpuppt.
„Ich fühle mich heute etwas antriebslos“, gesteht Ballentine dem Publikum zur Hälfte der Show, aber weil das so gut zur andächtigen Stille im Raum passt – „It’s kinda nice, it’s very chill“, umschreibt sie die Atmosphäre treffend -, sieht sie darin kein großes Problem. Stattdessen unterstreicht sie in diesem intimen Rahmen, dass die größte Wucht oft in den leisesten Tönen liegt.
Daran hat auch Ballentines Begleiterin Strei maßgeblichen Anteil. Während die Skullcrusher-Songs im Studio manchmal in nach innen gekehrter Melancholie verharren, sorgt Streis feinfühliges Spiel live für erhebende Momente und helle Farbtupfer. Denn die Querflöte legt sich nicht etwa als schweres Ornament über die filigranen Arrangements, sondern schwebt wie sanfter Nebel durch die Folk-Akkorde. Gleichzeitig weiß Strei aber auch sehr genau, wo die Emotionen der Songs das Spiel mit der Dynamik erlauben und wo Ballentines zerbrechliche Stimme den absoluten Fokus verlangt und Zurückhaltung ihrerseits Trumpf ist.
Mit minimalen Mitteln zelebrieren die beiden so ein faszinierendes Wechselspiel aus Licht und Schatten und schlagen behutsam einen Bogen von Singer/Songwriter-Tristesse zu moderner, kammermusikalischer Eleganz. Auch dieses Mal erleben wir in der Wohngemeinschaft deshalb ein Konzert, das nicht im üblichen Sinne unterhält, aber gerade deshalb sehr berührend ist.

















