„Well, as I was walking, I saw a sign there / And on the sign it said ‘No Trespassing‘ / But on the other side it didn’t say nothing / That side was made for you and me!“ Bekannte Zeilen, natürlich aus Woody Guthries alternativer Nationalhymne für das gute Amerika „This Land Is Your Land“. Und Ideenlieferant für Grace Potters neues Album „Trespasser“. „No Trespassing“, kein Zutritt, das will Potter nur akzeptieren, wenn diese Einschränkungen keine willkürlichen Freiheitseinschränkungen darstellen. Und sie denkt die Limitierungen im Kopf mit. Potter sieht sich als Eindringling, als Trespasser, der Grenzen überwindet. Eine Metapher für einen Lebensentwurf, aber auch als Weiterentwicklung des On the road-Seins, das Potter in ihrem letzten Werk „Mother Road“ beschrieb, als sie zwischen ihrem Haus im kalifornischen Topanga Canyon und der Familienfarm im heimatlichen Vermont pendelte. (Die „Medicine“-Veröffentlichung aus dem letzten Jahr ist lediglich ein von T Bone Burnett produziertes Album von 2008, das zurückgehalten wurde, wenngleich einige der Songs 2010 später auf Potters Album mit den Nocturnals erschienen.) „Trespasser“ erzählt Geschichten und Begegnungen vom Unterwegssein, Potter stürzt sich in Rollen, die das Mystische und Unheimliche streifen. Passend dazu variiert sie die Stimmlage zwischen Rockröhre und sich zurücknehmender Nachdenklichkeit.
Gewohnt, in einem Rutsch aufzunehmen, hat Potter diesmal einen anderen Weg eingeschlagen. Produziert hat ihr Ehemann Eric Valentine (Queens Of The Stone Age, Weezer, Slash) und aufgenommen wurde in Topanga mit Benmont Tench (Tom Petty & The Heartbreakers) sowie in Nashville mit den Session-Musikern von „Mother Road“ Nick Bockrath (Cage The Elephant), Tim Deaux (Kings Of Leon) und Matt Musty (Train). Vollendet wurde das Album schließlich in Vermont mit Mitgliedern ihrer langjährigen Live-Band: den Gitarristen Indya Bratton und Ricky Dover Jr., dem Bassisten Kurtis Keber und Drummer Jordan West.
Eine Autotür klappt, ein Motor wird gestartet: Die Reise beginnt mit einer Suche nach der individuellen „Main Street U. S. A.“, die keineswegs die Mutter aller interkontinentalen Straßen, die Route 66, sein muss. Hauptsache sie bietet Überraschungen, anregende Begegnungen, die in Träume münden mögen. In „Ride Or Die“ mutiert die Sängerin zur Komplizin einer Frau, die sich als Gefahr auf Rädern entpuppt, wenn sie über die Highways jagt. „Gasoline“ erzählt von einer toxischen Beziehung: „You loved me so dirty/You won’t wash off of me/Baby, you’re like gasoline“. Während die meisten Songs ordentlich rocken, wimmert hier eine Pedal-Steel-Guitar, die Sambra Viva Angels steuern gospelige Hintergrundchöre bei, Potter phrasiert mit viel Soul in der Stimme. Ein kurzes Einhalten, bevor es wieder auf die Straße geht: „Run to the wild blue yonder/Hit the highway“, singt Potter im poppigen „Run Baby Run“, denn der Kerl war nicht der Richtige. Der aber scheint sich in dem Delivery Boy („das Beste, was ich auf der 66 gesehen habe“) zu finden. Oder doch nicht? Die unfreundliche Wirtin des „Lost Cafe“ versichert ihr, ein Lieferjunge sei nie dort gewesen. Spooky. Deauxs Bass pulsiert, Bockrath‘ Gitarren oszillieren zwischen Reverb, Flimmern und Rock-Riff. Ähnlich funktioniert der On the road-Song „The Voice“, mit der Tourband und Bockrath eingespielt.
Das ohrwurmige „Love Me Not“ überzeugt mit krakeelendem Girl-Group-Gesang einer 20-köpfigen Clique. „War On The Mountain“ hingegen ist ein Mini-Drama mit einer Erzählerin sowie einer mysteriösen Mountain-Lady und einer Mistress, die beide Ansprüche auf den Thron der Bergkönigin erheben. Figuren, die an düster-romantische Texte wie Tiecks „Runenberg“ erinnern. Potter versetzt sich in alle drei Personen und gibt ihnen unterschiedliche Stimmen. Das ist großes Kino, beginnend mit Akustikgitarren-Folk, der sich zu Americana-Gospel steigert. Mit dem nachdenklichen „Belong“ endet der zehnteilige Liedreigen. Eine Reflexion über die Schwierigkeit, seinen Platz im Leben zu finden und der Erkenntnis, dass der Weg das Ziel bleiben wird. Und dieser Weg ist das Unterwegssein auf den nordamerikanischen Highways. Dan Kalisher an der Pedal Steel-Guitar und Potter hier am Wurlitzer-Piano. Sonst aber spielt die 43-Jährige auch alles andere, was Tasten besitzt, ebenso Gitarre, Flöte und Percussion. Der Titelsong „Trespasser“ thematisiert ein reales Erlebnis. Ein psychisch gestörter Mann dringt in Potters Haus ein und behauptet, es sei seins. So wie Bass, Schlagzeug und Keyboards lautmalerisch hörbar machen, dass der Eindringling um das Anwesen schleicht, müsste Tom Waits das Stück gefallen. Die Metapher des Freiheitsstreben relativiert sich in einer beunruhigenden Erfahrung.
Grace Potter mag hierzulande weniger bekannt sein, was auch daran liegt, dass sie vor allem in den USA auf Tour geht. So müssen wir uns bis auf Weiteres mit Alben wie „Trespasser“ begnügen, in Gedanken auf der Rückbank ihres Autos sitzend. Potter singt mit ihrer phänomenalen Stimme den Blues und im Radio spielen ihre großartigen Musiker auf. Der Wind weht uns durchs offene Fenster um die Nase, wenn wir in Gedanken die Interstates vom Topanga Canyon nach Vermont hinunterjagen und in den Diners am Wegesrand skurrilen Gestalten begegnen.
„Trespasser“ von Grace Potter erscheint auf Mother Road Records/SPV.




